Ex-Sowjetunion heute (2): Das Baltikum oder Geopolitik pur

Kann das vom Westen wegen seiner strategischen Lage „missbrauchte“ Baltikum allein von der Geopolitik leben oder ist eine wirtschaftliche Annährung an Russland unabdingbar? Wie stehen heute die Beziehungen zum großen Nachbarn? Diese Fragen behandelt Dr. Viktor Heese, Dozent und Fachbuchautor, in zweiten Beitrag aus der Serie „Ex-Sowjetunion heute“

Klajpeda photo

Riga – Foto by Jorbasa

Etwas Historie

Das Baltikum zählt zu den beliebten deutschen Reisezielen in der Ex-Sowjetunion. Das liegt an seiner Nähe zur Westeuropa, der christlichen Kultur und den historischen Verbindungen zu Deutschland. Lange vor unseren teutonischen Vorfahren haben hier schon die römischen Kaufleute nach Bernstein gesucht. Der deutsche Teil der Geschichte beginnt mit der Siedlungs- und Eroberungsaktivität des Deutschen und des Livländischen Ritterordens im frühen Mittelalter (1230 – 1400), geht in die Handelskontakte der Hanse über und endet mit dem Untergang Ostpreußens 1945). Das Baltikum war bis zur seiner Eingliederung durch Peter dem Großen in 1710 Spielball zwischen Schweden, Polen und Russland. Wegen seiner deutschen Eliten wurde es im 19. Jahrhundert auch die „deutsche Provinz“ des Russischen Reiches genannt. Nach der zwanzigjährigen Unabhängigkeitsphase zwischen den beiden Weltkriegen fielen die Länder 1940 für ein halbes Jahrhundert unter sowjetische Herrschaft. Heute sind sie EU- und NATO-Mitglieder.


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Was berichten westliche Systemmedien heute über das Baltikum?

Die Ukraine-Krise übertrug sich 2014 schnell auf das Baltikum, das sich Putin als nächstes Angriffsziel für seine imperialen Gelüste ausgesucht hatte. Diese Version verkaufen uns und der Welt die dortigen Regierungen. Das Spektrum der Vorwürfe gegen Moskau erreichte damals recht abenteuerliche Dimensionen. Aus Riga waren z.B. 2014 -2015 Klagen zu hören, russische Militärjets „seien mehrere hunderte Male bis 500 Meter in den Luftraum des Landes eingedrungen“. Viele NATO-Militärmanöver an Russlands Grenze und wiederholte Beistandsbeteuerungen des Bündnisses folgten als Antwort. Eine schnelle Einsatztruppe – die „Speerspitze“, wo Deutschland brav mitmacht – wurde ins Leben gerufen. Ebenso laut und häufig wurden damals wie heute Befürchtungen um die Energiesicherheit des Baltikums und Europas laut. Das aggressive Russland wird die „Energiewaffe“ einsetzen – war überall zu hören. Nach drei Jahren ist es um die Region ruhiger geworden. Die Klagen gehen dieses Mal in eine andere Richtung, weil (auch) die Balten keine muslimische Migranten aufnehmen.

Zur Wirtschaftslage des Baltikums erfährt unser Otto-Normal-Zuschauer selten etwas Substanzielles und wenn dann eben die Sicht der „EU-Brille“, die in ihre nördlichsten Vorposten kräftig aus den Unionstöpfen investiert. Von baltischen Tiger-Staaten, aufstrebenden Wirtschaftsmetropolen an der Ostsee, unschlagbaren (EU-) Musterschülern, dynamischen europäischen Offshore – Service – Zentren – war häufig die Rede. Heute kehrt auch in dieser Hinsicht Ernüchterung ein. Denn die unbeantwortet Hauptfrage bleibt: Reichen Euro, EU-Mitgliedschaft und die Dienstleistungsgesellschaft aus, um auf Dauer eine positive ökonomische Zukunft des kleinen Baltikums zu sichern?

Wohl kaum. So sind von den EU-Wirtschaftssanktionen gegen Russland die baltischen Staaten – hier insbesondere Estland – besonders hart betroffen, wenngleich zu vermuten ist, dass die EU die fleißigen Zwerge heimlich über andere Finanzkanäle entschädigt.

Quelle: Wifo, Wien

Ökonomisch gesehen braucht das Baltikum Russland mehr als umgekehrt. Mit gerade 6 Millionen Einwohnern ist es niemals imstande einen eigenen Binnenmarkt aufzubauen. Skandinavien und die EU sind nah, jedoch gleichzeitig zu wettbewerbstark, um auf ihre Exporte angewiesen zu sein.

Russland hat dagegen beides: einen großen Absatzmarkt und gegenüber den modernen Balten Wettbewerbsnachteile. Um allerdings dieses Potential zu nutzen, ist eine friedliche Zusammenarbeit unabdingbar. Hier besteht neben der Geopolitik ein zweites Hindernis, die Diskriminierung der russischen Minderheit. Obwohl an der Ostsee gebürtig und nicht nur eingewandert, besitzen Einheimische in Lettland und Estland keine Bürgerrechte, wenn sie bei der „Sprachprüfung“ durchfallen. In Wirklichkeit ist es die Angst vor den Stimmen für russisch-freundliche Parteien in den bevölkerungsarmen Ländern. Das „menschenrechts- und demokratietreue“ Brüssel kann mit dieser Diskriminierung leben. Umgekehrt haben die staatenlosen Baltikum-Russen (Eurorussen genannt) auch gewisse Vorteile, so das Recht auf den russischen Pass und sie gehören zu den besser Situierten. Russland hat Zeit, zu warten bis sich alles normalisiert. Die Trump-Wahl gibt ihm Recht.

Der Blick durch die ökonomische Brille des unbefangenen Touristen

Das Baltikum war zu Sowjetzeiten eine wirtschaftlich sehr homogene Region, obwohl die roten Planer den kleinen Ländern ohne Bodenschätze eine enge Spezialisierung zudachten. Hier dominierte die Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, es gab nennenswerte Möbel- und Bekleidungsindustrie. Vor allem fungierte aber die Region wegen ihres Humankapitals als Werkbank für die Sowjetwirtschaft. Weil es heute keine Armut gibt, sondern westliche Städte ohne No – Go – Areas, gewinnt der Tourist den Gesamteindruck er sei im Schlaraffenland. Was ihm dabei auffällt, wenn er genauer durch die ökonomische Brille schaut, kann in fünf Punkten zusammengefasst werden.

1. Schon immer mehr Europa als (orthodoxes) Russland gewesen?

Die Region gehört mehr zu Europa als zu Russland und wurde nie ernsthaft russifiziert. Wir finden dort weniger orthodoxe Kirchen als im übrigen Ostreich. West-Europäer stellen die Region zivilisatorisch höher als übrige Ex-Republiken. Man sagt heute undifferenziert, die Balten stehen uns näher als die Russen, so wir auch sagen, Ungarn stehen uns näher als die Bulgaren. Im Baltikum gibt es z.B. keine Oligarchen, wie auf dem Balkan! Mehr Europa bringt Wirtschaftsvertrauen, eine höhere Investitionsbereitschaft für westliche nicht zuletzt Kapitalimporte – so lauten die Schlussfolgerungen des durchschnittlichen Touristen.

2. Mit Vollgas in die Westintegration?

Das Baltikum ließ (musste?) sich schnell in die westlichen Strukturen, wie die EU und NATO, integrieren mit allen Vor- und Nachteilen. Die Omnipräsenz westlicher Konzerne, Banken und Werbeplakate im Straßenbild der baltischen Großstädte ist heute erdrückend. Taxi-Fahrer, die Russisch sprechen, erzählen gerne über die Kulissen dieses Segen und die massive „Amerikanisierung“ der Medien. Die Reiseführerin bei der Stadtrundfahrt in Riga wird dagegen voll des Lobes über die EU-Hilfe sein. Jeder macht nur seinen Job. Mein „Taxi-Fahrer-Wirtschaftsindikator“ funktioniert im Baltikum voll. Wo der Turbokapitalismus Fuß fasst, fahren viele Arbeitslose Taxi und versuchen – leider nur zu oft – zu schummeln.

3. Reise durch das Land: Wo sind die Industrien geblieben?

Auf der Busfahrt durch Litauen von Klajpeda (Memel) nach Vilnius ist von der Autobahn kaum ein Industriebetrieb zu sehen. Auch Spuren intensiver Viehzucht und Landwirtschaft sind rar. Wovon leben die Litauer? Von der Touristik, den Dienstleistungen, den Verwandten im Ausland und den Resten maritimer Vergangenheit. – erklären Ortskundige Viele Industriezweige erlebten im Baltikum den gleichen Kahlschlag wie in den übrigen Transformationsländern. Die Importe aus den Billiglohnländern und der EU erstickten die heimische Konkurrenz. Das Finanzkapital etablierte sich dagegen in Sektoren mit niedriger Eigenkapitalunterlegung und hohen Renditen und schnellem Geld. Heute ist jedoch auch das Investmentbanking out. Das neue Zauberwort heißt Reindustrialisierung.

4. Beispiel Klajpeda & Co. – nicht allein von dem Tourismus lebt die Region

Von Klaipeda nach Nida verläuft auf der Kurischen Nehrung (Weltkulturerbe), ein 40 Km langer Wanderstreifen in einer Dünenlandschaft die für die Naturschönheit des Baltikums spricht. Auch der frequentierte Badeort Palanga lässt ein Touristenherz stärker schlagen. Die drei baltischen Staaten besuchen jährlich fast so viele Touristen – die meisten aus Russland – wie sie selber Einwohner haben. Leider lässt sich vom Tourismus allein nicht leben, wie die Statistiken belegen. Zwischen der Werbewirksamkeit der Branche und den bitterharten Einkommensrealität liegen Welten. Im Baltikum beläuft sich der BIP-Beitrag der Branche auf gerade 2% (Litauen) bis 3% (Lettland, Estland). Die Griechen hatten es früher schon auf 9% gebracht.

Viel stärker fällt hier daher die maritime Wirtschaft ins Gewicht, wie am Beispiel Klaipedas sichtbar wird. Der modernisierte universelle Seehafen gehört zu den wenigen eisfreien Ostseeankerplätzen. Die Anlage sei im Staatsbesitz, Umschlag und die Lagerung in privaten Händen. Sie kann Schiffe bis zu 330 m Länge und 13,5 m Tiefgang aufnehmen, wird jährlich von 60.000 Passagieren im Fährverkehr genutzt und unterhält Verbindungen nach Kiel, Kopenhagen, Rotterdam, Malmö. Seit 2003 besteht ein Kreuzfahrtschiffsterminal. Auch der russische Öltransport durch die Ostseehäfen (Klaipeda, Muuga und Paldiski in Estland und Ventspils in Lettland) wurde durch die Ukraine-Krise zum Politikum. Warum sollen wir die uns feindlich gesinnten Länder unterstützen? – fragen die Russen. Noch vor kurzem hatte Russland wenige Alternativen für die Öl- und Gastransporte. Heute werden neben den Pipelines (Nordstream) die Ostseehäfen im Primorsk und Ust-Luga gebaut, um den Transit durch die baltischen Länder zu beenden. Wer zieht hier (ohne Not) wohl Kürzeren?

5. Viel Lob auf die ferne EU und Amerika, aber wir sprechen lieber Russisch!

Wird die Westhörigkeit und Russenfeindlichkeit von baltischen Emigranten geschürt? Seit 1991 sind 2 Millionen mehr Menschen aus der Region aus ökonomischen Gründen in den Westen emigriert, als während der sowjetischer Schreckensherrschaft vertrieben? Amerika ist weit, Russland nah. Russisch sprechen im Alltag viele, – selbst wenn die Beschilderung der Waren auf den Märkten in dieser Sprache sowie die Ladenbedienung verboten sind – passives Touristen-Englisch nur wenige Jugendliche, die modern wirken möchten. Eine wirkliche Kommunikation kommt nicht zustande. Mit älteren Männern kamen wir in allen Teilen des Ex-Imperiums gut ins Gespräch, weil sie in der Jugendzeit in der Sowjetarmee dienten!


Teil 1:

Ex-Sowjetunion heute: Russland Nutznießer des Zerfalls

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Dr. Viktor Heese
Über Dr. Viktor Heese 14 Artikel
Dr. Viktor Heese - Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Er hat über das postsowjetische Russland und die ehemalige Sowjetunion die Bücher "Die (Un-)Möglichkeit der russischen Imperialpolitik (Tectum 2015) und 25 Jahre danach "Was ist aus der Ex-Sowjetunion geworden?" (epubli 2016) verfasst.

1 Kommentar

  1. Die Lügen der baltischen Politzwerge sind ellenlang. So unglaubwürdig wie die sind sonst nur Kim Jong un. Man sollte sie sich selbst überlassen und der Bettelei mit Ignoranz begegnen.
    Sie greifen schamlos in den Geldtopf der EU und riskieren eine dicke Lippe.
    Lasst sie arbeiten für das Geld, was wir zahlen müssen.

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