Wie denken die Polen über die Deutschen und ihre Asylkrise?

Polen und Deutschland durch Asylkrise wieder verfeindet? - Teil 2

Wie andere Osteuropäer, sind die Polen der Ansicht, die Asylkrise sei ein rein deutsches Problem. Sind sie undankbar? Hatte doch Deutschland seinem östlichen Nachbar stets geholfen? Der Autor, Zeitzeuge und Landeskenner, schildert in diesem Beitrag die Einstellung der Polen zur (deutschen?) Asylkrise. Im folgenden Beitrag wird der Frage nachgegangen, ob die Polen fremdenfeindlich sind.

Das Wohl der Nation steht in Polen vor der EU und den fiktiven Menschenrechten

Die durch ihre Geschichte nicht gerade verwöhnten Polen haben gelernt, stets in der Wirklichkeit zu leben. Als Realisten lassen sie sich auf keine Multi-Kulti-Experimente oder Diskussionen über völkerrechtliche Verpflichtungen gegenüber Migranten ein. Zu Recht weisen sie darauf hin, dass in den EU-Beitrittsverträgen davon nicht die Rede ist und die heutige Auslegung von Berlin und Brüssel diktiert wird.

Polen ist wegen seiner ökonomischen Bedeutung für Deutschland und Brüssel nicht vergleichbar mit dem kleinen Kroatien, das sich mit Sanktionsdrohungen oder einen Check beschwichtigen lässt. Es kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit behauptet werden, dass es bei einer Entscheidungsverlagerung nach Brüssel & Berlin auf die EU-Mitgliedschaft verzichtet.

Denn es war in erster Linie der kapitalistische Systemwandel, der dem Land den wirtschaftlichen Aufschwung beschert hatte und nicht die Milliarden aus Brüssel. Von diesen Beträgen ist ohnehin ein Löwenanteil über Aufträge in die Geberländer zurückflossen. Die EU-Osterweiterung war für die westliche Wirtschaft als ein riesiges Konjunkturprogramm. Das bestreitet niemand.

Brüssel vergisst, dass für die Neuen in Osteuropa die Souveränität nicht käuflich ist. Kein Pole versteht warum die Länder für einen aufgenommenen Flüchtling eine Prämie von 6.000 € erhalten und zwei Jahre später für jeden abgelehnten aber 250.000 € Strafe zahlen sollten? Im Land leben fast eine Million Ukrainer, die die hiesige Arbeitskräftelücke füllen. Sie können immer dann als „Flüchtlinge“ umdefiniert werden, wenn die EU bei einer „gemeinsamen Asylpolitik“ Druck macht. So kann das Spiel ruhig weiter gehen.

Polen besitzt die komfortable Option, die Zahl der Tschetschenen und anderer über Russland in das gelobte Deutschland reisender Migranten – je nach politischer Stimmungslage – einmal mehr, einmal weniger durchzulassen. Aktuell ist die Dosierung auf Sparflamme eingestellt. Wie sollte eine Aufnahme von Migranten auch technisch aussehen, wenn die Polen zugeteilten Personen von dort zurück nach Deutschland fliehen würden? Würden sie dann unter Polizeieskorte wieder gen Osten ausgewiesen werden? Dies Fragen stellen sich nicht nur die Komiker.

Ins polnische Fernsehen wird schon öfter ein Vertreter des deutschen Establishments eingeladen, einen regierungstreuer PIS-Pole in die Talkshows von Anne Will & Co. habe ich noch nicht gesehen. PIS wurde nicht zuletzt deswegen gewählt, weil es entsprechend dem Mehrheitswille der Bevölkerung keine Migranten wollte. Den nationalen Willen kann kein osteuropäischer Politiker mit Regierungsambitionen ignorieren. Deutsche Systemmedien weichen einer Diskussion mit der Wahrheit aus, wenn sie einem Berichtserstatter vor Ort ausschließen. Das ist nichts Neues.

Der Nimbus des großen Vorbilds bekommt Risse

Bei der gegenseitigen Wertschätzung erleben wir heute einen klaren Sinneswandel. Während das Staunen über die wirtschaftliche Leistung Polens hierzulande zunimmt verliert Deutschland – mit Ausnahme seiner mächtigen Weltkonzerne – zusehends den Status eines nachahmungswürdigen und beneidenswerten Musterlandes. Nicht nur in den Augen der Polen. Während in den 1960er bis 1980er Jahren, in Zeiten des herrlichen DM-Kapitalismus wir vor Kraft nur noch so strotzen, ist es zuletzt um die teutonische Selbstherrlichkeit merklich stiller geworden.

Der Erfolg ist kein Selbstläufer per se. Auch andere, gerne reisende Völker, haben durch den Kapitalismus die Leistung entdeckt und sind zu Geld gekommen. In Spanien suchen Kellner keine Tische auf, von denen sie den Klang der deutschen Sprache vernehmen, sondern haben ihre Ohren für das Russische sensibilisiert. Osteuropäer sind spendabler beim Trinkgeld, das spricht sich herum. Auch das kapitalistische Polen hat in den letzten 20 Jahren einen riesigen Schritt nach vorne gemacht. Diejenigen die im neuen System nicht ankamen, fahren heute auf Arbeitssuche nicht nach Deutschland sondern nach Großbritannien. Nicht nur der besseren Bezahlung wegen, sondern auch wegen der geringeren bürokratischen Hindernisse.

Keine Schadenfreude sondern mitleidiges Unverständnis wegen der deutschen Asylkrise

Es ist die Vergangenheit an die sich heute so manche Polen erinnern, als sie der erdrückenden ökonomischen Überlegenheit des westlichen Nachbarn ausgeliefert waren. Während sich die hochnäsigen, in sich selbst verliebten Westdeutschen in der Aura ihres Wohlstandsstaates sonnten, blieb den in der kommunistischen Misswirtschaft lebenden Polen nichts weiter übrig, als die erfolgreichen Alleskönner zu bewundern. „Gut, besser, deutsch“ – hieß es damals, heute dagegen „dumm, dümmer, deutsch“. So ändern sich die Zeiten.

Die Polen in Polen beobachten aufmerksam, was sich in Deutschland in punkto Asylpolitik alles abspielt und staunen unentwegt. Sie beziehen ihre Informationen aus erster Hand, von den Verwandten, den Touristen und den Lastkraftfahrern, die mit den auf die Insel drängenden Migranten ständige Abwehrkämpfe führen. Multi-Kulti, nein danke! – sagen sie darauf.

Den Polen fällt schwer zu begreifen, wie ein Volk, dass das Leistungsprinzip per se verkörpert(e), die Betriebswirtschaftslehre erfunden hat, zu dem sie Ehrfurcht aufgeschaut haben, sich heute so irrational verhält. Eine Schadensfreude wegen der früheren, oftmals herablassenden, Behandlung kommt bei den meisten aber nicht auf. Eher ein unverständliches Kopfschütteln.

Jetzt haben sich die perfekten Deutschen in ihrem Perfektionismus selbst gefangen, – wird gesagt – sie sitzen in ihren Kosten- und Rechtsfallen, können die eigene verhasste Regierung nicht mehr loswerden. Sie wollen es dennoch nicht zugeben und predigen ständig von Demokratie und Werten, um abzulenken. Die armen Deutschen besitzen trotz mehrheitlicher Ablehnung durch das Volk keine Mittel, das herrschende politische Kartell und die omnipotenten linientreuen Systemmedien zu verjagen. Eine Rebellion wie 1989, selbst Großstreiks sind heute hinter der Oder illusorisch. Friede, Freude, Eierkuchen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Angela Merkel noch einmal Bundeskanzlerin wird. Das ist aber ein rein deutsches Problem.

Auch die Polen sind heute politisch zweigeteilt und ständigen Attacken aus Berlin und Brüssel ausgesetzt. Streitpunkte sind Migranten, „Werte“, die angebliche Beschränkung der Presse- und Justizunabhängigkeit. Die einen sehen das als Hoffung, die anderen als Einmischung. Die Massendemonstrationen Hunderttausender (Nationalisten, „Verteidiger der Demokratie“) haben dennoch klaren innenpolitischen Hintergrund und mit Berlin & Brüssel nichts zu tun. Es fehlt ein echter Grund, weil Brüssel bei der „Bestrafung Polens“ immer den Rückzieher macht.

Merkel geht, Deutschland bleibt. So denkt die Mehrheit der Polen hüben und drüben. Die PIS-Regierung macht antideutsche Stimmung, ohne große Wirkung. Ihre Befürworter rekrutieren sich primär aus dem Osten. Gegen Fakten, welche von den Auslandspolen und dem Westen fließen, kann PIS wenig machen. Es war schon immer so, dass der arme Osten Polens mehr anti-, der reichere Westen mehr pro-deutsch war. Die Macht des Ökonomischen siegt.


Wie die Deutschen über die Polen früher und heute denken


Dr. Viktor Heese – Ex-Börsianer, heute freiberuflicher Dozent und Fachbuchautor
www.börsenwissen-für-anfänger.de

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Dr. Viktor Heese - Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Er hat über das postsowjetische Russland und die ehemalige Sowjetunion die Bücher "Die (Un-)Möglichkeit der russischen Imperialpolitik (Tectum 2015) und 25 Jahre danach "Was ist aus der Ex-Sowjetunion geworden?" (epubli 2016) verfasst.

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