Tabuthema: Sexuelle Gewalt und Behinderung

Strukturen begünstigen sexuellen Missbrauch und Gewalt

Tabu

Der Fall einer hirngeschädigten Frau in einer Caritas Einrichtung bei Frankenthal – Limburgerhof machte 2010 Schlagzeilen. Ein Pfleger hatte die wachkomatöse Patientin mehrfach vergewaltigt und sie wurde schwanger. Erst dadurch wurde die Tat entdeckt.

Das entsetzte die Öffentlichkeit – immer wieder wird über solche Fälle berichtet, in denen sogenannte einwilligungsunfähige Personen von ihren Betreuern sexuell genötigt, missbraucht oder vergewaltigt werden.

Im selben Jahr nahm ich an einem Kongress in Paderborn zum Thema „Sexuelle Gewalt und Behinderung“ teil.

Neben dem damaligen Behindertenbeauftragten der Bundesregierung Hubert Hüppe (CDU) waren auch Beschäftigte aus dem betroffenem Wohnheim zugegen.

Es wurde viel diskutiert, Konzepte und Strategien vorgestellt und Grenzen der Überwachung durch gesetzliche Schranken und berufliche Ethik erörtert.

Was hat sich in den vergangenen fünf Jahren geändert? Natürlich nichts!

Hier eine der letzten Schlagzeilen: Behinderte vergewaltigt?

Ein Betreuer hat ein sexuelles Verhältnis mit einer behinderten Frau gehabt, sagt er – sie allerdings wirft ihm Vergewaltigung vor! Angeblich eine schwierige Sache für Richter und Staatsanwalt.

Der Kontakt zu der Frau beruht auf dem beruflichen Kontext – in diesem ist der Angeklagte mit ihr zusammen gekommen. Auch wenn er nicht konkret ihr direkter Betreuer gewesen sein sollte, besteht zwischen ihm und der Bewohnerin ein Machtgefälle.

Aus berufsethischer Sicht spielt es keine Rolle, ob die Frau ihm eventuell eindeutige Angebote gemacht hat oder nicht, sondern nur, ob er darauf eingegangen ist oder nicht.

Dies gilt immer noch als Maßstab in allen Berufen, die dem sozialen Bereich zu zu ordnen sind. Es ist ein hinlänglich bekanntes Phänomen, dass sich manchmal Hilfebedürftige, Patienten oder Schüler in ihre professionellen Betreuer, Therapeuten oder Bezugspersonen verlieben.

Ein professioneller Umgang damit ist Pflicht – das Machtgefälle für eigene Zwecke auszunutzen dagegen ethisch nicht vertretbar und in vielen Fällen auch ein Grund zur Kündigung des Dienstverhältnisses oder dem Ausschluss aus Berufsverbänden.

Würde der Gesetzgeber hier ein wenig nachbessern und grundsätzlich bei diesen Fällen dieselben Maßstäbe anlegen, wie beim Sex zwischen Erwachsenen und Jugendlichen unterhalb des Schutzalters, würde man so manche Tat zwar nicht verhindern, aber im Nachgang anders betrachten können – als Straftat.

Völlig erstaunt war ich jedoch, ganz andere Ansichten von manchen Tagungsteilnehmern zu hören. Selbstbestimmung über alles!

Man müsse schon jeden Einzelfall differenziert betrachten – darf man behinderten Menschen per Gesetz vor schreiben, mit wem sie Sex haben dürfen oder nicht, nur um sie so vor Übergriffen durch Personal zu schützen?

Nicht jeder vertrat eine solche Ansicht, aber gilt nicht in anderen Berufen – etwa im Hotelgewerbe ähnliches? Wer mit den Gästen was anfängt – der fliegt?

Ja, aber hier sei doch das Machtverhältnis andersherum, sagte jemand, nämlich zugunsten der Gäste, weil diese das Geld hätten. Und man würde damit die schlecht bezahlten Angestellten vor Missbrauch schützen.

Ein anderer oder eine andere meinte, man würde sich ja auch nicht einmischen, bei allem was so mancher Chef mit seiner Sekretärin machen würde – sollte das etwa auch strafbar werden?

Nein, natürlich nicht, wenn zwei erwachsene Menschen, von denen keiner den Status eines hilfebedürftigen Person mit anerkanntem Grad der Behinderung hat, eventuell unter gesetzlicher Betreuung steht und auf Pflege und Betreuung angewiesen ist. Auf wen das alles nicht zutrifft, der kann in unserer Gesellschaft selbst entscheiden, mit wem er sexuelle Beziehungen pflegt, ob er einen Vorteil daraus zieht oder sich selbst in ein missbräuchliches Verhältnis begibt.

Worüber man aber gar nicht gerne redet, das ist der Missbrauch von Behinderten an Behinderten.

Ähnliche Selbstbestimmungsargumente werden gerne vorgeschoben, um sich nicht mit diesem Phänomen auseinandersetzen zu müssen.

Käme ein Betreuer in ein Zimmer und würde zwei seiner Betreuten beim Sex beobachten, was dann?

So lautete eine Vorlage zu Diskussion. Zunächst hat jeder Betreute oder Patient eine Privatsphäre, Zimmer dürfen heutzutage nicht mehr einfach so betreten werden.

Würde man nun in einer Situation zwei Personen, wo auch immer beim Sex beobachten, könne man doch nicht sofort davon ausgehen, dass dabei keine Einwilligung vorläge. Selbst dann nicht, wenn eine „Nicht-sprechende-Person“  mit einer deutlich intellektuell überlegenen und weniger schwer behinderten Person Sex habe? Wie könne man sich da sicher sein?

Grundsätzlich ist das natürlich alles richtig, dennoch völlig praxisfern. Wer mit behinderten Menschen arbeitet und das ernst nimmt, der weiß in der Regel auch, wer von seinem Betreuten mit wem ein Verhältnis pflegt, schließlich ist er Vertrauensperson.

Der Alltag ist ganz anders und würde man genauer hinsehen, kommt man schnell darauf, wie schädlich die Strukturen in den großen Institutionen für behinderte Menschen sind

Strukturell begünstigte Gewalt und Missbrauch durch Personal und Mitbetreute oder Bewohner 

Die Mehrzahl der Menschen mit Behinderung wohnt in Wohnheimen, eine Minderheit in betreuten Wohnsituationen, mal alleine, zu zweit oder als betreute WG. Die meisten arbeiten in Werkstätten für Behinderte. Gleiches gilt für Menschen mit einer sogenannten psychischen Behinderung.

Konfliktmanagement gehört eigentlich ganz oben auf die Agenda jedes Unternehmens, denn nichts anderes sind die Einrichtungen der „gemeinnützigen“ Träger, die ihre „Dienstleistungen“ am Menschen anbieten – sie stehen unter enormen Kostendruck.

In den Leitbildern steht natürlich immer „Der Mensch im Mittelpunkt“ – wie einst in der Verfassung der DDR.

In der Praxis sind jedoch die direkten Ansprechpartner, also Pflegepersonal und „pädagogische“ Betreuung allmächtig gegenüber den Betreuten. Je stärker die Hilfebedürftigkeit ist, desto größer das Machtgefälle, dazu kommt die meistens (!) intellektuelle Überlegenheit. Denn nicht immer das sogenannte Fachpersonal tatsächlich fachlich ausgebildet, wie es um die persönliche charakterliche Eignung bestellt ist, ist eine weitere Frage.

Die Machträume erstrecken sich über alle Bereiche, in denen eine anvertraute Person hilfebedürftig ist, angefangen von der Körperpflege bis hin zur Freizeitgestaltung.

Weitere Ansprechpartner, wie Vertrauensleute, etwa die sozialpädagogische Betreuung, Therapeuten, Heimleitungen und gesetzliche Betreuer gehören immer zum Helferkarussel.

Es ist reine Glücksache, wenn der Verdacht auf Missbrauch durch Personal ernst genommen und verfolgt wird. Je deutlicher erkennbar als Gewalt und gegen den Willen gerichtet die Tat ist erhöht sich die Wahrscheinlichkeit auch mit den Kommunikationsmöglichkeiten und der Glaubwürdigkeit der Opfer.

Bei Nicht-Sprechenden-Personen geht diese Chance gegen Null, es sei denn der oder die Täterin, wird auf frischer Tat ertappt.

Bei sogenannten unklaren Fällen habe ich in gut 25 Jahren sozialer Arbeit immer wieder erlebt, dass Verdachtsmomente als Gerüchte abgetan wurden, wenn sie denn im Rahmen von Besprechungen auf den Tisch kamen. Man müsse vorsichtig sein, mit Vorverurteilung und das „Selbstbestimmungsargument“ folgte oft hinterher.

Manchmal wurde jemand ganz diskret versetzt, eine Kündigung ausgesprochen oder nahegelegt. Sehr sehr ungerne jedoch wurden solche Vorfälle transparent behandelt.

Dunkelfeld Gewalt unter Behinderten

In der Parallelwelt „Behindertenhilfe“ teilen sich unterschiedlichste Menschen mit Behinderung ihren Lebensraum, der aus Wohnen und Arbeiten in gemeinsamen Einrichtungen besteht. Meistens sind das Wohnheime und fast immer die Werkstätten für Behinderte (WfB)

Wer dort mit wem auf welche Weise eine Beziehung pflegt, welche Konflikte sich daraus ergeben, Eifersüchteleien, Rivalitäten –  all das kann ganze Heerscharen von Sozialbearbeitern beschäftigen, gerade in den Werkstätten.

Die Strukturen der Behindertenhilfe haben den Lebens- und Begegnungsraum WfB geradezu geschaffen – auch als Kontaktbörse, aber in vielen Fällen beschränkt sich der Raum zum Ausleben einer Beziehung tatsächlich auf den „Arbeitsplatz.“

Dort hat man sich schon lange mit dieser Situation arrangiert.

Ein Zusammenleben oder gemeinsame Zeit nach der Arbeit ist oft aus vielerlei Gründen, auch organisatorisch nicht zu realisieren.

Das mag mit ein Grund für die Blindheit gegenüber der sexuellen Gewalt sein, die täglich in diesem Dunkelfeld geschieht.

Die behinderten Menschen, die nicht so sehr eingeschränkt sind, immerhin eine beträchtliche Anzahl in jeder größeren Einrichtung, finden bei den ihnen unterlegenen Mitbetreuten ideale Opfer vor, die sich leicht missbrauchen lassen, ohne dabei Entdeckung fürchten zu müssen. Das Machtgefälle ist meist ähnlich stark ausgeprägt, wie sonst zwischen Personal und Betreuten.

Die Anfälligkeit, dieser Versuchung erliegen, sich mit Gewalt oder durch Einschüchterung, Dominanz, dass zu holen, was es anderswo nicht gibt, hängt natürlich von vielen weiteren Faktoren ab – wie etwa eigene Gewalterfahrungen in Familie und dem sozialen Umfeld.

Bei Menschen mit Behinderung geht man von einer 2,1 fach höheren Vulnerabilität aus, sogenannte auffällige Verhaltensweisen zu entwickeln, worunter auch die sexuell motivierten grenzüberschreitenden Verhaltensweisen fallen.

Um keine Vorurteile gegenüber Behinderten zu schüren, spricht man über diesen Aspekt der sexuellen Gewalt in der „Behindertenhilfe“ nicht so gerne.

Es wäre an der Zeit, dieses zu ändern, denn Schweigen ist das Gegenteil von Aufklärung!

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2 Kommentare

  1. „Ein Zusammenleben oder gemeinsame Zeit nach der Arbeit ist oft aus vielerlei Gründen, auch organisatorisch nicht zu realisieren“

    Gruslig! Da werden also Menschen daran gehindert, Liebesbeziehungen zu leben – und das offensichtlich ohne jede öffentliche Debatte darüber. Genauso übel wie der Fakt, dass in Altenheimen Menschen gezwungen werden, schon am frühen Abend ins Bett zu gehen.

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