Augstein weiß, was die Deutschen wollen

Es ist noch nicht vorbei. Was in der Silvesternacht auf der Domplatte in Köln passierte erhitzt weiterhin die Gemüter der deutschen Öffentlichkeit und das zu Recht.

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Photo by Thomas Rodenbücher

Empörung folgt auf Empörung. Die neue Empörungswelle gilt jetzt den Deutschen – Bio-Deutschen selbst, jenen die sich empören über das was da zum Jahreswechsel den Frauen Ungutes widerfuhr.

Wir erleben ein Land im Zustand der sozialpsychologischen Kernschmelze: Kultureller Hochmut gegenüber dem Islam verbindet sich mit der Abwehr des eigenen Sexismus. Das ist eine brisante Mischung. Überraschend ist, wie anfällig die Deutschen sind. (J.A.)

Die Deutschen oder Jakob Augstein? Er empört sich, weil sich andere empören? Weil andere Roß und Reiter nennen, wo er fabuliert? Was haben die Deutschen getan? Sie haben sich zu Recht empört. Seit der Franzose und UN-Diplomaten Stéphane Hessel uns Indignez-vous ans Herz gelegt hat – ist es modern sich zu empören, wütend zu sein – Gefühl zu zeigen.

Die Pirouetten des politischen Disputs versetzt einen in Staunen, wo wir doch eigentlich “an einem Strang” ziehen sollten. Ein Highlight dieses Empörungswechsel ist die jüngsteKolumne Jakob Augsteins im Spiegel. 

Kolumnisten wie er und die Meinungsmacherin Anne Wizorek – #Ausnahmslos  -,  tun es immer wieder. Der Feind steht politisch rechts und wenn Bio-Deutsche, bzw “weiße” Deutsche sich über die Gewalttaten der Silvesternacht echauffieren, dann folgt der politische Diskurs dem Rechts-Links-Schema. Der politische Dualismus ist die Quelle vielerlei Unsinns.

Weil, wenn sich die vermeintlich rechte Bürgerschaft zu den“richtigen” Themen empört, dann kann das nur ein Trick sein, dann sind deren Absichten unehrenhaft, weil sie die Vorkommnisse der Silvesternacht nur als Vorwand für ihren dumpfen Rassismus instrumentalisieren.

Augstein weiß, was die Deutschen wollen. Betrachten wir seine neueste Kolumne als eine Session, dann hat er uns Bio-Deutsche, alle, mit all unseren ausländischen Wurzeln und Derivaten, einer Melange von Elternteilen, aus denen wir empor gekrochen sind, kurzer Hand in dieser Session, ohne dass es uns bewusst wurde, auf die Couch gelegt und uns, nach den Regeln der Kunst des hanseatischen Journalismuses, tiefenpsychologisch ausgeweidet.

Wo wären wir ohne ihn – Augstein ist der Deutschlanderklärer par excellence. Wem soviel Gutes wird beschert, ist eine Kolumne vom Jakob wert. Er kennt seine Pappenheimmer aus dem ff. Er kennt uns alle, uns weiße Männer, uns Deutsche.

Doch seine deutschen Zeitgenossen sind ihm zu tiefst suspekt, er wird sich wohl kaum noch zu Lebzeiten mit ihnen anfreunden. Natürlich belästigt der Bio-Deutsche Frauen en Grande. Der deutsche Mann grapscht, wo er grapschen kann; besonders zügellos, wenn er in Rudeln auftritt, im Karneval, auf Schützenfesten, auf dem Oktoberfest, in S- und U-Bahn, am Arbeitsplatz und letztendlich auch in seinen Behausungen.

Vorzugsweise bildet er Spaliere und jagt fremde Weibsbilder und verschont die eigene Sippe. Männer sind Herdentiere, treten in Rudeln auf und sind für Frauen a priori eine Belästigung. Und wenn sie sich dann, wie jüngsten über das sexualisierte Benehmen ausländischer Geschlechtsgenossen echauffieren ist das pure Heuchelei.

Der deutsche Mann ein Heuchler. Klar, was auch sonst. Aber eigentlich gilt sein Angriff den männlichen Kollegen in den Redaktion von Welt, FAZ und Handelsblatt, aber die Journalisten beim Namen zu nennen, diesen Mut haben weder Wizorek noch Augstein – Dann doch lieber den Deutschen Mann in Gänze an den Pranger stellen.

Sind alle Männer und die jungen Migranten Testosteronbomben, alle potentielle Vergewaltiger, wie es ein Grünen Politiker, wie es das Enfant terrible des niederländischen Parlaments – Gert Wilders zum besten gab? Wie Wizorek im Interview kolportiert, wenn sie selbst mit Zahlen jongliert und dreist die Übergriffe von Köln mit phantasierten Zahlen zum Oktoberfest relativiert.

Ja, wir Männer sind potentielle Vergewaltiger, wie Soldaten potentielle Mörder und Frauen – potentielle Giftmischerinnen sind – oder doch nicht? Und ja, auch die deutschen Männer phantasieren Vergewaltigungsszenen, konsumieren Pornos in denen Frauen pure Sexobjekte sind. Aber tun wir dies, weil es gesellschaftlicher Konsens ist, die Frauen zu unterwerfen? Diese Zeiten sind vorbei. Wir teilen nicht die Welt in gläubig und ungläubig, in halal und haram.

Nein, das tun wir nicht. Die Gleichberechtigung und sexuelle Selbstbestimmung von Frauen ist Grundkonsens unserer Gesellschaft und nicht deren Unterwerfung. Ist die Kulturfrage offen? – Nein, sie ist in dieser Hinsicht eindeutig entschieden. Die Zeiten der Soumission von Frauen sind trotz “Fifty Shades of Grey” glücklicherweise vorbei und die Frage muss und wird auch nicht neu entschieden werden.

Die Frauen, allesamt, die nach Köln kamen, um Silvester zu feiern hatten keine Angst vor dem “schwarzen Mann”, sie sind ins offenen Messer gelaufen. Jetzt sind die Frauen, auch wegen des ungeheuerlichen Vorgangs verstört und verängstigt.

Wizorek und Augstein besitzen imaginative Kräfte, wenn sie wieder einmal den deutschen Mann erklären und meinen seine Empörung über den Sexismus anderer als dumpfen Rassismus entlarven zu müssen. Der Applaus im linken politischen Lager, bei u.a. der taz, FR und SZ  sind ihnen sicher – weil der deutsche Mann eine Testosteronbombe, mit blau angelaufenen Klöten ist.

Jakob Augstein ist der beste Kolumnist seiner selbst, treffender konnte er sich nicht selbst beschreiben, leider versteht er seinen eigenen Text nicht als Selbstreflexion. Es wäre sehr viel überzeugender gewesen, hätte er sich nicht hinter seine deutschen Zeitgenossen versteckt, nicht vom eigentlichen Thema abgelenkt, den 516 Opfern von Köln.

So machen sich die Antirassisten Augstein und Wizorek selbst zum Rassisten.  

Augstein zeigt uns ein weiteres Mal über was für ein Wahrnehmungsorgan er verfügt, welches ihn von uns allen anderen unterscheidet – Augstein, weiß was die Deutschen und Migranten in Gänze wollen. Er kann, was andere in mühevoller Kleinarbeit zusammen tragen, mittels Befragung, telepathisch aus seinem Redaktionsbüro heraus, aus unseren Untiefen explorieren.

Er hat uns flach gelegt, auf seiner Couch ausgebreitet, er ist uns immer eine Nasenlänge voraus – Respekt! Wer soviel empfindet ist beneidenswert oder doch nicht – es muss eine Höllentour sein so sensibel zu sein, diese Deutschen Zeitgenossen zu ertragen.

Ja, die Täter von Köln, die Spaliere bildeten und jagt auf Frauen machten waren intolerante Sexisten und Rassisten – da gebe ich ihm recht, nur glaube ich meint das der gute Jakob nicht.

Sexualisierte Gewalt muss in diesem Kontext unbedingt ein Thema sein, ein Thema das viel Raum braucht und Aufmerksamkeit, aber bestimmt keinen dumpfen Populismus, als Anhängsel an eine politische Agenda, die Kampagnenfähigkeit unter Beweis stellt.

Jakob Augsteins Kolumne und die #Ausnahmslos-Kampagne der Meinungsmacherin Wizorek sind ein Ablenkungsmanöver.  Beide wollen nicht zur Kenntnis nehmen, dass da 516 Anzeigen vorliegen, davon 40% die sexualisierte Gewalt zum Inhalt haben. Hierüber aber schreibt der kluge Kolumnist nicht – irgendwie scheinen die verstörten Opfer nicht mehr zu zählen – vielleicht wollen beide auch nicht wirklich hinsehen, weil da bei ihnen ein Schatten fällt, der mehr mit ihnen selbst zu tun hat … ich kann auch unterstellen und phantasieren – nicht nur der dolle Jakob und die übereifrige Anne.

Mit einem Satz gesagt. Wir haben es mit Augsteins und Annes Lust an der Angst zu tun und schon lange nichts mehr mit der Angst der Frauen, die verstört aus den Silvesternächten von Köln, Hamburg und Stuttgart nach Hause kehrten.

A propos, wer sich auch für den Kampf um die Gleichberechtigung in den Magrebstaaten interessiert, dem sei ein Text von Samule Schirmbeck empfohlen, Sie hassen uns

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