Von der Hochschule zur Flachschule – gute Noten statt gute Qualifikation

von Prof. Dr. Werner Müller

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Foto by jmm-hamburg

Die Statistik des Wissenschaftsrats zur Noteninflation (siehe unter http://www.wissenschaftsrat.de) ist eine interessante Lektüre. Er stellte auf Seite 7 seines 862 Seiten langen Berichts fest: „Ein weiteres zentrales Ergebnis des vorliegenden Arbeitsberichtes ist die fortgesetzte Tendenz zur Vergabe besserer Noten. In den universitären Studiengängen mit traditionellen Abschlüssen – Diplom und Magister sowie Staatsexamen ohne Lehramt – ist beispielsweise der Anteil der mit „gut“ oder „sehr gut“ bewerteten Abschlussprüfungen zwischen 2000 und 2011 um knapp neun Prozentpunkte von 67,8 % auf 76,7 % gestiegen.“ Und das ausgenommene Lehramt wird nicht strenger bewertet. So ist die Durchschnittsnote für Lehramt Gymnasien Deutsch 2,0 und für Englisch 2,1. Die besten Noten kommen aus Mannheim mit je 1,3; die schlechtesten aus Augsburg mit 2,6 bzw. 2,4. In Mannheim wurden in Deutsch 67 Studenten geprüft, 62 x „1“. Englisch hatte 42 Absolventen, 41 x „1“. Augsburg hatte in Deutsch 4 Einser von 88 Absolventen und in Englisch nur einen von 65 Absolventen. In ganz Deutschland sind nur 11 Studenten (von 1.951) in Englisch durchgefallen, einer davon in Augsburg. In Deutsch fielen nur 15 von 2.527 durch, selbst in Augsburg niemand.

Wer als Elternvertreter einen Einblick in den Schulalltag erhalten hat weiß, dass diese angeblich hervorragend ausgebildeten Lehrer mit den glänzenden Examensnoten nicht in den Schulen angekommen sind. Bei manchem Lehrer fragt man sich, wie sie überhaupt ihr Examen bestanden haben. Ganz spontan fällt einem Zeitgenossen entsprechenden Alters ein Zitat aus Kreuzberger Nächte, Songtext von Gebrüder Blattschuss (1978), ein:

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Ein Rentner ruft: „ihr solltet euch was schämen!“,

ein Andrer meint das läge alles am System.

Das ist so krank wie meine Leber sag ich barsch,

Die 12 Semester waren noch nicht so ganz um sonst.

Der Staat gibt jährlich 29,9 Mrd. € für die Hochschulen aus. Bei 481.588 Hochschulabsolventen in 2015 kostet ein erfolgreiches Studium also durchschnittlich 62.000 €. Bachelor und Master sind in der Statistik zwei Absolventen; ihr Studium kostet also 124.000 €. Für einen Berufsschüler im dualen System gibt der Staat dagegen nur 2.900 € im Jahr aus. Eine dreijährige Lehre kostet den Steuerzahler also nur 8.700 €!

Zwischen 2006 und 2013 ist die Studienanfängerquote von 35,6 % auf 58,5 % eines Jahrgangs gestiegen. Damit gehen auch mittelmäßige Schulabgänger an die Hochschulen und im Handwerk fehlt der Nachwuchs. Eigentlich hätten sich jetzt die Durchschnittsnoten dramatisch verschlechtern müssen, denn die zusätzlichen 23 % eines Jahrgangs hätten die Prüfungen eigentlich nur mit Ach und Krach bestehen können, wenn überhaupt. Trotzdem geht die Noteninflation ungebrochen weiter.

Für die Masse an Hochschulabsolventen wird es dann keine qualifizierten Arbeitsplätze geben und sie werden die Jobs annehmen, für die man eigentlich nur eine Lehre braucht. Wenn dann noch durch die Noteninflation, Schmusenoten als Gegenleistung für eine gute Evaluation, mogelnde Studenten (nach einer Studie der Universität Bielefeld schummeln 79 % der Studenten, 94 % kommen damit durch) und die Vertuschungskultur in den Hochschulleitungen das Vertrauen in die Qualität dieser Abschlüsse verloren geht, dann sind die 62.000 € je Absolvent bzw. 29.900.000.000 € jährlich herausgeworfenes Geld.  Das Vertrauen der Arbeitgeber ist schon jetzt nicht mehr sehr groß. Warum bekommen Hochschulabsolventen kaum noch unbefristete Arbeitsverträge, und den ersten befristeten Vertrag auch erst nach mehreren „freiwilligen“ Praktika?

Wollen wir weiter 30 Mrd. € im Jahr verschwenden? Bevor die Parteien – besonders in Wahlkampfzeiten – ständig nach mehr Geld für die Bildung schreien, sollten sie das schon eingeplante Geld erst einmal sinnvoller verwenden. Da kann man noch sehr viel tun! Auf den Finanzmärkten kommt es durch Überbewertungen und zu schnelles Wachstum der Kurse immer wieder zu Blasen und Crashs. Ich will mich hier nicht zum Weltuntergangspropheten aufschwingen. Man kann aber wohl ohne Übertreibung feststellen, dass das Wachstum der Jahre 2006-13 zu stark war und dass die Noteninflation keine Luft mehr nach oben lässt. Die Politik wäre gut beraten, wenn sie die Luft aus dem Bildungssystem schnell und kontrolliert ablassen und sie nicht auf ein Platzen der Blase warten würde.

Der Weg des geringsten Widerstands

Die Studenten suchen sich den leichtesten Weg. Wenn man – anders als bei der Grafik der Bundeszentrale für politische Bildung (siehe unter Akademisierungswahn) – nicht die relativen Zahlen eines Jahrgangs, sondern die absoluten Studienanfängerzahlen nimmt, sie nach Uni und FH differenziert und 1994 = 100 setzt, dann ergibt sich folgendes Bild:

(Quelle: eigene Berechnung aus Datenreport des Statistischen Bundesamts)

Die Beobachtung von Grözinger und Müller-Benedict (Studie der Europa-Universität Flensburg), dass sich mit der Einführung der Bachelor-Abschlüsse die Noteninflation (bei Bachelor gegenüber Diplom) an den Unis verlangsamt und an den FHs beschleunigt hat, kann das Verhalten der Studenten bei der Wahl der Hochschule beeinflusst haben. Während bis 2002 bei insgesamt gestiegenen Zahlen die Relationen (gesamt 135, Uni 134, FH 137) fast gleichblieben, gingen sie ab 2003 auseinander und erreichten in 2014 die Werte 190 (gesamt), 158 (Uni) und 251 (FH). Die Fachhochschulen werden also vermutlich nicht wegen des Praxisbezugs ihrer Ausbildung gewählt, sondern wegen ihrer Schmusenoten und damit der Startvorteile, mindestens beim Übergang zum Master-Studium.

Der Feststellung einer verlangsamten Noteninflation an Universitäten sind aber drei kritische Nachfragen anzufügen: Wurde bei dieser Feststellung berücksichtigt, dass zwischen 2006 und 2013 die absolute Zahl der Studienanfänger um 48 % gestiegen ist; an den Universitäten um 32 %? Die Studienanfängerquote stieg von 35,6 % auf 58,5 % eines Jahrgangs (= + 64 %). Wurde berücksichtigt, dass bei mehr mittelmäßigen Studenten (zusätzliche 23 % eines Jahrgangs können nicht aus der Spitze kommen) schlechtere Noten eigentlich eine logische Folge aus der Erhöhung der Studienanfängerquote wären? Sind die schlechteren Bachelor-Noten an den Universitäten so ausgeprägt, dass auch nach einer Korrektur des Effekts durch mehr mittelmäßige Studienanfänger eine Netto-Absenkung verbleibt?

Mindestens kann man die These aufstellen, dass es an den FHs eine doppelte Noteninflation geben muss, die trotz der sehr viel höheren Studentenzahlen (+ 76 %) mit mehr Mittelmaß noch eine Verbesserung des Notenniveaus „oben drauf“ gesetzt hat?

System und Wirkung

In den 1970er Jahren hat sich die Rolle der Gymnasien und Hochschulen verändert. Die 68er-Generation hat ihre Öffnung für breite Schichten der Bevölkerung erreicht. Als dann die geburtenstarken Jahrgänge (1955-69) die Schule abschlossen und die Wirtschaft als Folge der Ölkrise von 1973/74 nicht genug Lehrstellen anbot, wurden viele Schulabgänger in weiterführende Schulen gezwungen und kamen irgendwann mit einem ursprünglichen Haupt- oder Realschulabschluss auch zu einem Abitur oder einer Fachhochschulreife. Auf der anderen Seite war vielen guten Schülern der Spatz in der Hand lieber als die Taube auf dem Dach, und sie entschieden sich für eine Lehre mit dem Versprechen der Übernahme nach der Ausbildung und scheuten wegen der aufkommenden Akademikerarbeitslosigkeit die Ungewissheit von Abitur und Studium.

Der Politik kam diese Entwicklung gelegen. Die Jugendarbeitslosigkeit konnte man in den Schleifen, die in den berufsbildenden Schulen gedreht wurden, verstecken und die Explosion der Studentenzahlen konnte man als bildungspolitischen Erfolg verkaufen. Den Hochschulen, die 1980 fast die vierfachen Studentenzahlen wie 1960 und die doppelten wie 1970 verkraften mussten (193.000 statt 54.000 bzw. 93.000 Studienanfänger – 1972 bis 1980 sank die Studienanfängerquote wegen der starken Jahrgänge sogar leicht) erklärte man, dass das nur eine vorübergehende Mehrbelastung wegen der geburtenstarken Jahrgänge für 15 bis 20 Jahre sei – natürlich könne man dafür die Kapazitäten nicht dauerhaft ausweiten und nach dem Pillen-Knick mit hohen Verlusten wieder zurückfahren.

Aber auch 40 Jahre danach sind die Studentenzahlen bei geburtenschwachen Jahrgängen (505.000 Studienanfänger in 2014) nicht wieder gesunken. Dauerhaft gesunken sind nur die Ansprüche an das Studium. In einer demografischen Ausnahmesituation sollten die Hochschulen die nicht ausreichend mit Lehrstellen versorgte Babyboom-Generation aufnehmen und durchwinken, und sie winken noch immer durch. Der Erfolg von Hochschulen wird in Absolventenzahlen, kurzer Studiendauer und geringen Durchfall- bzw. Abbrecherquoten. gemessen; warum sollen sich die Hochschulen selbst Misserfolg bescheinigen, Qualität einfordern und damit höhere Abbrecherzahlen verursachen? – Die Abgastests bei Volkswagen sind nur ein Beispiel, dass es auch anders geht!

Akademisierungswahn

Der Begriff wurde von dem ehem. Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin (SPD) geprägt. Seine Kritik an dieser Fehlsteuerung sagt:

Das duale System ist der Kern der beruflichen Bildung in Deutschland. Wer internationale Statistiken lesen kann, weiß, dass dieses System beruflicher Bildung für niedrige Jugendarbeitslosigkeit und eine hohe Produktivität in Handwerk und Technik sorgt. Ab 2006 gab Deutschland zunehmend dem internationalen Druck, ausgeübt vor allem von Seiten der OECD, aber auch der EU, nach und nahm sich die hohen Akademisierungsquoten der USA oder Großbritanniens zum Vorbild. Innerhalb von sechs Jahren schnellte der Prozentsatz der Studienanfänger pro Jahrgang um 60 % nach oben. Die Folge: ein zunehmender Mangel an Nachwuchs in den Ausbildungsberufen. Unterdessen sehen sich manche Branchen durch diesen Nachwuchsmangel in ihrer Existenz bedroht.

Die Eltern wollen das Beste für die Zukunft ihrer Kinder, und das ist eine gute Ausbildung. Wenn die Mehrheit eines Jahrgangs studiert, dann dürfen die eigenen Kinder nicht zurückbleiben. Doch was man von den Hochschulen bekommt entspricht oft nicht diesen Erwartungen, und ist manchmal nur eine halbleere Mogelpackung. Die Noteninflation zeigt, dass sich hinter einem guten Zeugnis eine unterdurchschnittliche Leistung verbergen kann. Und wenn 79 % der Studenten schummeln und 94 % damit Erfolg haben, dann ist das Zeugnis erst recht nicht mehr vertrauenswürdig. Selbst die 6 % aufgedeckte Täuschungsversuche führen nicht zu ernsten Konsequenzen. Man hat die Prüfung nicht bestanden und kann es nächstes Semester nochmal versuchen. Aber selbst wenn man z.B. ein Praktikum mit einem gefälschten Zeugnis nachweisen will und dabei ertappt wird, droht keine Anzeige wegen Urkundenfälschung. Vielmehr riskiert der Prof., der den Betrug meldet und verfolgen will, Schwierigkeiten. Z.B. könnte der Prüfungsausschuss im Zweifel für den Studenten entscheiden (vgl. https://prof-dr-mueller.jimdo.com/praxismodul/die-ehrlichen-sind-die-dummen/), das Praktikum anerkennen und die Dekanin könnte den Professor, der die Fälschung erkannt hat, von seinen Aufgaben entbinden. Der Akademisierungswahn, die Noteninflation, die Schummelkultur der Studenten und die Vertuschungskultur der Hochschulleitungen gehören zusammen. Gemeinsam tragen diese Faktoren dazu bei, dass die Hochschulabsolventen von heute nach dem Studium kaum noch eine adäquate Festanstellung finden. Und es trifft leider auch die Falschen. Aber wie so oft: Die Ehrlichen sind die Dummen!

Wurde die Hochschule zur Flachschule?

Die Entwicklung der Studienanfängerquote (in % des jeweiligen Jahrgangs) zeigt die folgende (bearbeitete) Grafik aus dem bpb-Dossier.  Die geburtenstarken Jahrgänge führten Mitte der 70er Jahre zu einer Steigerung der absoluten Zahlen, der prozentuale Anteil der Studienanfänger stieg aber schon vorher wegen der Einführung des BAFöG (1971) durch die sozialliberale Koalition. Die aufkommende Akademikerarbeitslosigkeit führte aber dazu, dass viele gute Schüler lieber eine solide Lehre machten und wer keine Lehrstelle fand wich auf ein Studium aus. Mitte der 80er Jahre machte sich der Pillenknick erhöhend bemerkbar, weil für zahlenmäßig schwächere Jahrgänge freie Studienplätze auch mit schlechtem Notenschnitt erreichbar wurden.

Der Rückgang nach 1990 deutet darauf hin, dass in den neuen Ländern zunächst weniger Abiturienten ein Studium begonnen haben. Nach 10 Jahren war der Stand aus 1990 aber wieder erreicht. 2006-12 kam es (nach der PISA-Studie von 2000, die den deutschen Schülern eigentlich nur Mittelmaß bescheinigte) dann in nur 6 Jahren zu einem stärkeren Anstieg als in den 30 Jahren zuvor, der dann (von Julian Nida-Rümelin) als „Akademisierungswahn“ bezeichnet wurde.

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung,

http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/zukunft-bildung/200104/teilhabe-oder-akademisierungswahn?type=galerie&show=image&i=200408

Konsequenzen?

Mit der Ausrichtung an den OECD-Statistiken, der grundlosen Steigerung der Akademiker-Quote, der Bologna-Reform, begleitet von der Noteninflation, einer Schummelkultur der Studenten und einer Vertuschungskultur der Hochschulleitungen wurde unser funktionierendes System der beruflichen Bildung kaputtreformiert. Mit dem Nachwuchsmangel im Mittelstand (zu wenig Lehrlinge) und der „Generation Praktikum“ (Hochschulabsolventen bekommen kaum noch Festeinstellungen) werden die Folgen jetzt sichtbar.

Eine gute Qualifikation wird durch die drei Faktoren

 
Begabung     +     Lernen      +     Erfahrung

bestimmt. Je nachdem, welcher der drei Faktoren in einem Fachgebiet überwiegt, kann man von Kunst, Wissenschaft oder Handwerk sprechen.

Kunst kommt von „Können“. Ein guter Künstler (auch Spitzensportler kann man hier einordnen) verblüfft das Publikum durch sein besonderes Können, das andere bei Weitem nicht haben. Ein Musiker muss z.B. ein Instrument erlernen, wegen seines Talents fällt ihm das aber leicht. Er muss auch üben, um sein Können zu vervollkommnen. Lernen und Erfahrung können das Talent aber nicht ersetzen. Deshalb ist die Ausbildung von Künstlern z.B. an Kunsthochschulen nur unterstützend möglich.

Wissenschaft schafft Wissen; durch die Lehre wird vorhandenes Wissen auf Andere übertragen und durch die Forschung wird neues Wissen erzeugt. Bei einer Überbetonung der Lehre besteht die Gefahr, dass veraltetes Wissen vermittelt wird. Als Begabung benötigt man Lern- und Kombinationsfähigkeit. Es müssen vor allem die richtigen Fragen gestellt werden. Das wird durch Erfahrung erleichtert. Auch das Erlernen von Faktenwissen hilft. Deshalb kann man keine jungen Leute wissenschaftlich qualifizieren, die eher praktisch veranlagt sind. Wer „Scheine sammelt“ indem er gezielt und zusammenhanglos für Prüfungen lernt und das Gelernte nach wenigen Wochen wieder vergisst, ist in der Wissenschaft fehl am Platz.

Handwerk lebt von der Erfahrung des Handwerkers und der Entwicklung seiner Fertigkeiten. Wenn der Kfz-Meister bei einer Probefahrt ein klopfendes Geräusch hört, kann er die Ursache anhand des Klangs und von Begleitumständen (z.B. klopft es beim Beschleunigen, Bremsen oder auch im Leerlauf) ohne große Analyse und nur aufgrund seiner Erfahrung lokalisieren. Dafür muss er Jahre zuvor seinen Beruf erlernt haben und er benötigt handwerkliches Geschick. Die Ausbildung zielt auf die Entwicklung von Routine. Die fachtheoretischen Inhalte stehen an zweiter Stelle, auch wenn ihre Bedeutung zunimmt.

Die Grenzen sind fließend. Manchmal haben die Werke eines Handwerkers fast die Qualität von Kunstwerken und manchmal hat eine Störungssuche bei einer technischen Anlage Ähnlichkeiten mit einem Forschungsprojekt. Im Sinne dieser Einteilung ist das Handwerk nicht auf manuelle Tätigkeiten beschränkt. So ist die Bearbeitung einer Steuererklärung durch Finanzbeamte eher eine handwerkliche als eine wissenschaftliche Tätigkeit und auch ein Zahnarzt ist trotz eines Studiums bei alltäglichen Fällen eher ein Handwerker als ein Wissenschaftler.

Unsere Gesellschaft ist stark verwissenschaftlicht; sie geht davon aus, dass alles erklärt und erlernt werden kann. Das reduziert dabei auch die Wissensvorsprünge einzelner Gruppen und demokratisiert die Gesellschaft – im Grunde eine positive Tendenz! Aber man unterstellt auch, dass z.B. Kunst erlernt werden kann und es kommt zu einer Kunst-Inflation, also ihrer Entwertung. Es kommen auch Sänger in die Charts, die nicht singen können und nur eine gute Show veranstalten. Wirkliche Talente können sich immer schwerer durchsetzen, und sie werden schnell durch neue Talente ersetzt (= verheizt).

Ebenso hält man Wissenschaft mit begrenztem Wissen für möglich. Es kommt zwar auch auf Methodenkompetenz und Techniken wissenschaftlichen Arbeitens an; ohne Inhalte stiftet die Wissenschaft aber keinen Nutzen. Ein Arzt wird keinen Patienten heilen können, wenn er nichts über Krankheiten weiß. Die Methodenkompetenz bei der Bedienung seiner Apparate reicht nicht aus.


Ob ein Nutzen und damit auch ein relevanter Inhalt vorliegt, wird am Ende der Markt entscheiden. Wenn ein Literaturwissenschaftler mit seiner 58sten Interpretation eines Klassikers hohe Verkaufszahlen erzielt, müssen die Käufer das Werk mindestens als schön (und damit auch nützlich) ansehen. Wenn ein Chemiker ein effektives Reinigungsmittel entwickelt, das wegen seines unangenehmen Geruchs aber nicht gekauft wird, fehlt es an einem relevanten Inhalt.

Die Kurzlebigkeit des Wissens relativiert auch den Stellenwert der Erfahrung. Man muss immer häufiger umlernen und dann teilweise völlig neue Erfahrungen machen. Eine gewisse Verschiebung der Gewichte weg von der dualen Berufsausbildung hin zu einem Studium ist deshalb plausibel. Duale Studiengänge sind hierfür eine gute Antwort – sie können sich aber nur Großunternehmen leisten.

… für die Politik


Es muss ein Gleichgewicht zwischen Kunst, Wissenschaft und Handwerk erhalten bleiben. Hochschulen sollten die Besten eines Jahrgangs weiterbilden, sonst verkämen sie zu „Flachschulen“. Man kann diskutieren, ob die Zielmarke bei 20, 25 oder 30 % eines Jahrgangs liegen sollte. 60 % sind aber deutlich zu viel. Mittelmaß drückt das Niveau! Es ist nicht zu erwarten, dass in dieser Masse Wissen geschaffen werden kann, statt es nur zu reproduzieren. Unser Gehirn hat einen hohen Energieverbrauch. Deshalb schaltet der Körper so oft wie möglich auf einen Energiesparmodus um und entwickelt Routine. Z.B. laufen selbst komplexe Tätigkeiten wie Autofahren nach ein paar Jahren Fahrpraxis wie im Schlaf ab. Die Gruppe „Handwerk“ entspricht also am Ehesten unserer Natur. Echte Wissenschaftlichkeit mit dem ständigen Hinterfragen von Gegebenheiten und permanenten Neubewertungen von Beobachtungen ist eine sehr unnatürliche Verhaltensweise, die der Mehrheit der Menschen nicht liegt. Man tut niemandem einen Gefallen, wenn man ihn außerhalb seiner Begabung ausbildet.

Die Masse der Berufsausbildung muss deshalb im dualen System bleiben. Eine Stärkung der Berufsschulen und der fachtheoretischen Teile der Ausbildung stünde dazu nicht im Widerspruch. Auch eine Status-Aufwertung der dualen Ausbildung gegenüber dem Studium wäre sinnvoll. Wenn z.B. eine Meisterprüfung als fachgebundene Hochschulreife gewertet wird, feiern Bildungspolitiker dies als Erfolg bei der Durchlässigkeit des Bildungssystems. Abiturienten mit ihrer allgemeinen Hochschulreife haben formal die höhere Qualifikation, können aber in der Gesamtbetrachtung dem Handwerksmeister nicht das Wasser reichen. Das muss sich auch in der gesellschaftlichen Anerkennung von Bildungsbiographien ausdrücken. Lehre und berufliche Fortbildungsabschlüsse müssen deutlich aufgewertet werden; das kommt einer Abwertung des Studiums gleich. (auch auf den Finanzmärkten werden inflationäre Währungen abgewertet)

 
Neben Handwerk und Wissenschaft muss es für talentierte Minderheiten einen Weg an formalisierten Ausbildungsgängen vorbei geben. Kunsthochschulen und ähnliche Einrichtungen können Taente nur fördern, sie aber nicht erschaffen. Die Masse der Künstler und Sportler wird – wenn das Hobby zum Beruf gemacht wird – im Geringverdienerbereich bleiben und nur vom großen Durchbruch träumen. Natürlich darf jeder Möchte-gern-Sänger seine Musikvideos auf youtube hochladen. Es ist aber nicht zu erwarten, dass mehr als ca. 0,2 % eines Jahrgangs von der Kunst leben kann.


Wie unterbeschäftigte Schauspieler haben auch am-Arbeitsmarkt-vorbei-qualifizierte Akademiker (z.B. Philosophen, Soziologen, Politologen, … die in der ausgebildeten Menge nicht gebraucht werden) keinen Anspruch auf Spitzengehälter. Manchmal ist das System teilweise verkrustet. Wenn z.B. über einen Mangel an Landärzten geklagt wird, dann wäre die einfachste und wohl auch effektivste Lösung, die Gebührenordnung für Ärzte zu ändern, die Vergütung in Großstädten zu kürzen und in Dörfern und Kleinstädten spiegelbildlich zu erhöhen.

Es stellt sich aber ohnehin die Frage, ob die Kosten im Gesundheitswesens nur wegen der steigenden Zahl der Ärzte steigen. (siehe https://abgezockt.jimdo.com/private/krankheits-kosten/) In nicht-reglementierten Berufen verdienen Akademiker teilweise schon jetzt weniger als ihre Altersgenossen mit dualer Berufsausbildung und vergleichbarer Qualifikation (z.B. Handwerksmeister). Von den Taxi-fahrenden Politologen ganz zu schweigen. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis!

Der Mittelstand ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Von den 3,6 Unternehmen sind 3,3 Mio. Kleinstunternehmen mit weniger als 10 Arbeitnehmern (Quelle: Statistisches Bundesamt, zitiert nach http://de.statista.com/statistik/daten/studie/1929/umfrage/unternehmen-nach-beschaeftigtengroessenklassen/). Sie werden keine Hochschulabsolventen einstellen und sind auf die duale Ausbildung angewiesen. Ihre Zukunft ist gefährdet. Die aktuelle Bildungspolitik mit ihrem Akademisierungswahn, die 58,5 % eines Jahrgangs an die Hochschulen bringt, gräbt dem Mittelstand den Nachwuchs ab. Das ist nicht nur bildungspolitisch, sondern auch wirtschaftspolitisch gefährlich.

Die jungen Menschen müssen bedarfsgerecht ausgebildet werden. Ausbildungsgänge ohne Berufsperspektive dürfen nur in sehr geringer Zahl angeboten werden. Im dualen System sterben immer wieder Berufe aus oder es werden nur noch vereinzelt Ausbildungsplätze angeboten. Vor 100 Jahren benötigte jedes Dorf einen Hufschmied. Heute genügen wenige Berufsangehörige, die mit einem Kleintransporter die Reitställe anfahren. Staatlich finanzierte Hochschulen reagieren dagegen kaum auf die Nachfrage des Arbeitsmarktes. Ob und wo Politologen oder Soziologen einen Arbeitsplatz finden interessiert die Hochschulen nur am Rande. Die Streichung von Studienplätzen in Fächern mit schwieriger Arbeitsmarktlage darf aber kein Tabuthema sein. Mit der Forderung nach mehr Geld für die Hochschulen wird dieses Thema aber unter den Teppich gekehrt.

Man wird auch nicht vermeiden können, dass wohl mindestens 5 % eines Jahrgangs, z.B. wegen einer Lernbehinderung oder einer verpfuschten Jugend, durch das Raster fällt und keine berufliche Qualifikation bekommt. (aktuell sind es 13 %; vgl. http://www.theeuropean.de/hugo-mueller-vogg/10173-der-deutsche-akademisierungswahn) Noch vor 50 Jahren wurde diese Gruppe z.B. in der Landwirtschaft als billige Arbeitskräfte sinnvoll eingesetzt. Heute bilden sie den Bodensatz an Hartz-IV-Empfängern. Es wäre zu prüfen, ob man diese Gruppe mit Schmalspur-Ausbildungen erreichen kann. Wer aber auch noch den letzten Jugendlichen in den Normal-Ausbildungen mitnehmen und niemanden zurücklassen will, der wird am Ende nur die Leistungsstandards absenken um auch dieser Restgruppe das Bestehen der Prüfungen zu ermöglichen. Arbeit hätten sie damit noch nicht. Unsere Wirtschaft braucht gut ausgebildete Fachkräfte und keine Gefälligkeitszeugnisse.


https://www.noteninflation.de/

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3 Kommentare

  1. Es fehlt da ein bisschen der Einfluss der Migration auf die Qualität der Hautschule, die dadurch ausgelöste Flucht zur Realschule, dann die Entwertung von Haupt- und Realschule als Einheitsschule und die Flucht aufs Gymnasium mit Entwertung der Gymnasialabschlüsse. Resultierend in Druck auf die Hochschulen.

    Letztenendes werden immer weniger Arbeitskräfte gebraucht. Wenn die Robitik sich erst durchgesetzt hat, werden auch in den Büros die Schreibtischen freigeräumt werden. Selbst sowas wie diese Webseite wird weitgehend automatisch laufen.

    Und dann werden wir sehen, welche Lösung die Entscheider für die unnütze Bevölkerung vorgesehen haben!

    Werden sie es mit einem Weltkrieg lösen, bei dem die Überflüssigen industriell im Schützengraben vernichtet werden? Heute kann man ja auch die Frauen einziehen und kämpfen lassen. Dann wird sich eine Bevölkerung nicht schnell von einem Krieg erholen und dauerhaft schrumpfen.

    Oder wird es humaner und versteckter mit medizinisch-technischen Methoden wie Bestrahlung mit 100.000den Strahlungsquellen, Impfungen, Chemtrails, Chemikalien im Trinkwasser und der Bestrahlung von Lebensmitteln geschehen?

    Meines Erachtens läuft das Programm bereits auf Hochtouren, um die Leute nicht zu alt werden zu lassen.

    Insofern ist es völlig egal, ob die Überflüssigen sich jetzt noch sinnlos auf den Hochschulen oder Gymnasien rumtreiben und da mit sinnfreien Abschlüssen und erschreckend wenigen Kenntnissen entlassen werden. Sie werden zum Großteil eh keine schöne Zukunft haben.

  2. Meine Frau hat über die Jahre die Vorgaben der Bildungsverwaltung gesammelt: (Fehler)Punkte – Notentabellen. Und ich habe die mal untersucht. Ergebnis: Sie dürfen heute 50% mehr Fehler bei derselben Note machen. Es ist Ziel der Schulen, möglichst keinen durchfallen zu lassen.

    Ich hatte OECD angeschrieben. Ich hatte Unternehmerverbände angeschrieben, Ich hatte Parteileitungen angeschrieben, weil die Konsequenzen klar waren. Niemanden hat das interessiert! Es ging um die Erfüllung der OECD- Quoten.

    Wenn Sie schreiben „Wurde die Hochschule zur Flachschule“ dann wissen Sie sehr genau, die Qualität, die in den Vorstufen erzeugt wird, bekommen Sie letztlich in der Hochschule. Wir erzeugen einen Haufen Unfähigkeiten!

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