Peter Singer reloaded – Aufruhr wegen umstrittener Preisverleihung in Berlin

Politiker fordern Absage der Veranstaltung

Auf Peter Singer wurde ich erstmals in den Neunzigern aus beruflichen Gründen aufmerksam, da ich damals mit schwerstmehrfachbehinderten Menschen im Heilpädagogischen Zentrum Krefeld arbeitete. Ich schrieb sogar eine Arbeit über ihn und seine Thesen. Aus heutiger Sicht einseitig – ich konnte aufgrund meiner Tätigkeit keinen differenzierten Blick auf ihn und seine Arbeit richten.

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Mehr dazu weiter unten – hier zunächst die Fakten:

Die Welt von gestern schreibt:

“Der Philosoph und Bioethiker soll am 26. Mai vom
“Förderverein des Peter-Singer-Preises für Strategien zur Tierleidminderung e.V.” ausgezeichnet werden. Die Laudatio hält Michael Schmidt-Salomon von der Giordano-Bruno-Stiftung. Singer hatte 2011 bereits den Ethik-Preis der Giordano-Bruno-Stiftung erhalten.

Umstritten ist Singer wegen seiner These, dass schwerst behinderte Babys bis zum 28. Tag nach der Geburt getötet werden dürften, weil sie keine Selbstwahrnehmung hätten und daher keine “Personen” seien.” welt

Schmidt-Salomon rechnet damit, dass die Veranstaltung von den Gegnern massiv gestört wird. Im Netz formiert sich nämlich Widerstand gegen den geplanten Auftritt Singers.

“Er will immer noch die Tötung behinderter Kinder legalisieren – ein Aktionsbündnis fordert: Kein Forum für den „Euthanasie“-Befürworter.”

Stoppt Peter Singer – rolling planet

Im HPD nimmt Schmidt-Salomon zudem ausführlich Stellung zu den Vorwürfen gegen Singer. Die Giordano Bruno Stiftung (GBS) sei u.a. kein Ableger des erwähnten Fördervereins, Singer sei zudem auf tragische Weise missverstanden worden. (GBS – zur Debatte um Peter Singer – 2011)

Hier noch mal des besseren Verständnisses ein Auszug von Schmidt-Salomons Ausführungen:

Es stimmt, dass Peter Singer in den 1980er Jahren – im Rekurs auf frühere Modelle in verschiedenen Kulturen – vorschlug, Säuglinge bis 28 Tage nach der Geburt nicht als volle Rechtspersonen zu behandeln. Unter bestimmten Bedingungen wäre es somit Eltern möglich, schwerstgeschädigte Neugeborene zu töten, ohne deshalb angeklagt zu werden.

Philosophisch begründet wurde dieser Vorschlag mit der unbestreitbaren Tatsache, dass Säuglinge in diesem Alter (ob behindert oder nichtbehindert!) noch keine „Personen im empirischen Sinn“ sind, da sie noch nicht über ein Bewusstsein ihrer selbst verfügen, die Zukunft noch nicht antizipieren können etc. Spätestens 1993 (siehe die deutsche Ausgabe von „Muss dieses Kind am Leben bleiben?“) revidierte Singer jedoch diesen Vorschlag (mit dem er unerträgliches Leid durch das langsame Sterbelassen schwerstgeschädigter Neugeborener im Zeitalter der Gerätemedizin verhindern wollte!).

Er schloss sich der Argumentation Norbert Hoersters an, der dargelegt hatte, dass nur die Geburt „als Grenze sichtbar und selbstverständlich genug“ sei, „um ein sozial anerkanntes Lebensrecht zu markieren“ (S.251). Singer bestätigte, dass es problematisch ist, den rechtlichen Status eines Menschen vom Alter abhängig zu machen. Denn: Würde die Vorstellung in das öffentliche Denken eingehen, „dass ein Kind mit dem Augenblick der Geburt nicht zugleich auch ein Lebensrecht besitzt, sinke möglicherweise die Achtung vor kindlichem Leben im allgemeinen“(S.251f.) GBS

Die Gegner Singers beziehen sich also auf Standpunkte, die er heute nicht mehr in dieser Form vertritt. Mit einer differenzierten und fairen Auseinandersetzung mit seinen Thesen hat das sehr wenig zu tun. Wieder geraten die Giordano Bruno Stiftung und ihr Vorsitzender Michael Schmidt-Salomon mit in den Sog der Kritik.

Ich muss gestehen, es fällt schwer, sich mit Peter Singer auseinander zu setzen. Ich mag seine Aussagen nicht, bei denen es um das Lebensrecht und die “Personenhaftigkeit” von Menschen geht, ob sie nun behindert oder wachkomatös sind oder nicht. Seine Argumentation in der Tierethik und seine Ausführungen zu Menschenrechten für Affen folgen der selben Logik, da empfinde ich sie hingegen erfrischend, beinahe revolutionär. Es geht hier also um Befindlichkeiten, die abhängig sind von der Sichtweise, aus der man auf ein Phänomen schaut.

Niemand kann mich oder die erklärten Gegner Singers dazu zwingen, diese Befindlichkeiten abzulegen und sich inhaltlich differenziert mit seinem Werk auseinanderzusetzen. Aus den Befindlichkeiten jedoch das Recht abzuleiten, den Mann zum Schweigen zu bringen und lautstark in Sprechchören: “Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda!” zu fordern, das sehe ich mehr als problematisch an, wenn man sich nicht mit dem befasst, was er tatsächlich vertritt.

2011 war ich dann erstaunt, als ich von der Preisverleihung der GBS an Singer erfuhr und dankbar nahm ich Kenntnis von der erneuten Debatte über Singer.

Heute denke und empfinde ich nämlich ganz anders. Ich kann mich distanzierter mit der Thematik auseinandersetzen – meine Abwehr ist vor allem deshalb weniger geworden, weil sich mein beruflicher Kontext verändert hat.

Noch immer bin ich nicht bereit, mich rein philosophisch auf der Basis einer praktischen Ethik mit den Fragen, die Singer aufwirft zu beschäftigen, ohne dabei auf meine eigene Lebens- und Berufserfahrung zurückzugreifen. Es ist auch nicht richtig, dass die moderne Medizin die Gesellschaft nun vor ganz andere Probleme stellt, als das vor gut hundert Jahren noch der Fall war und in vielen Gebieten auf dem Globus auch heute noch so ist. Sie hat lediglich die Grenzen des Machbaren verschoben, mehr nicht.

Immer haben wir uns mit der Frage zu beschäftigen, wem wir welche Rechte zugestehen und welche Pflichten und Hilfeleistungen daraus abgeleitet werden. Das betrifft nicht nur die Zivilgesellschaft, sondern auch jede einzelne Person. Niemand wird geboren, kein Wesen kommt zur Welt ohne den Willen und das Interesse zum Überleben. Und jedes Leben endet bis heute noch immer mit dem Tod.

Meine Erfahrungen aus rund 25 Jahren sozialer Arbeit sind sehr zwiespältig und haben mich sehr nachdenklich gemacht. Kann es eine universell gültige Antwort geben und sind Erwägungen einer praktischen Ethik zielführend? Ich “glaube” nicht, aber die Fragen bleiben quälend im Raum stehen.

In den Neunzigern habe ich Singers Überlegungen versucht zu widerlegen, in dem ich mich auf den für mich klar erkennbaren, wenn auch subjektiv wahrgenommenen, geäußerten Willen zum Überleben schwerstmehrfach behinderter Menschen bezogen habe.

Ich bin nicht religiös, aber der Mensch ist mehr als nur ein Haufen funktionierender Organe. In der Arbeit mit schwerstpflegebedürftigen Menschen, die in ihrer Kommunikation eingeschränkt sind, geht man eine Symbiose mit den Patienten ein, die vergleichbar ist mit der Beziehung zwischen Müttern und ihren neugeborenen Säuglingen.

Diese sehr persönliche, symbiotische Beziehung macht eine besondere Form nonverbaler Kommunikation möglich. Es gibt genügend auch wissenschaftlich ernstzunehmende Anhaltspunkte dafür, dass diese Phänomene nicht nur esoterisches Geschwafel sind, sie entziehen sich jedoch der Überprüfbarkeit – sie bleiben subjektiv.

Rein subjektiv und keinesfalls als eine Empfehlung für die Allgemeinheit, noch eine Forderung an die Welt, ist auch mein allmählicher Rückzug aus der Pflege von damals zu betrachten.

Ich war nicht mehr bereit oder in der Lage dazu, weiterhin diese Arbeit zu leisten. Eigene Kinder werden groß und entlassen einen allmählich aus dieser Symbiose, die eben auch ein Stück Selbstaufgabe bedeutet. In der täglichen Pflege jedoch ist das nicht möglich.

Für mich ganz persönlich habe ich keinen Sinn mehr in dieser Arbeit gesehen und mir andere Aufgaben weiter weg von der Basis gesucht.

Die gesundheitlichen und psychischen Belastungen waren enorm. Es macht was mit einem, wenn man täglich mit Essen angespuckt wird, wenn man gekratzt, gebissen, getreten und geschlagen wird, weil man Hilfe zum Leben leistet, wenn man täglich unzählige Geschlechtsteile betrachten und pflegen muss.

Das ging bei mir bis in die intimsten Lebensbereiche, bis in die Sexualität hinein. Irgendwann machte es mir eben doch etwas aus – ich konnte bestimmte Sachen nicht mehr essen, bekam einen Sauberkeitsfimmel und eine Abneigung gegen jede Art von Körpergeruch oder dem Duft von typischen Pflegemitteln.

Kritiker mögen nun als Gründe für die Belastungen die Arbeitsbedingungen anführen, aber diese waren zu dieser Zeit außerordentlich gut – nicht nur gemessen an den Standards in anderen Einrichtungen, sondern nach meiner ganz subjektiven Beurteilung.

Was mir zu schaffen machte, war die grundsätzliche Aufgabe, vor die ich gestellt war und die mich immer wieder ans Grübeln brachte und damit in die Nähe von Singers praktischer Ethik.

Die Fragen müssen gestellt und immer wieder aufs Neue diskutiert werden – Singer darf nicht zum Schweigen gebracht und mundtot gemacht werden. Er formuliert und bringt zur Sprache, was niemand gerne hört. Teilnahme am Diskurs bedeutet doch nicht automatische Zustimmung, sondern ganz im Gegenteil auch Widerspruch und Kontroverse. Gerade diese Interaktion macht neue wertvolle Impulse möglich.

Ich hatte das Glück, mich in meinem Berufsfeld weiterentwickeln zu können und beratend tätig zu werden – für Betroffene, Angehörige und Personal.

Kaum ein Gespräch mit Angehörigen, kein Workshop geht zu Ende, ohne dass nicht von irgendeiner Seite die Frage nach dem Sinn aufkommt und nach dem praktischen Nutzen.

Sie wird nicht immer laut gestellt, denn in dem Umfeld ist es schon immer gefährlich gewesen, solche Fragen zu formulieren. Was sich möglicherweise bei der Preisverleihung am 26. Mai in Berlin abspielen wird, ist im Grunde etwas ganz Alltägliches aus der Parallelwelt “sozialer Bereich.”

Ein typischer Satz von manchen Eltern war nicht selten:

“Wenn wir gewusst hätten, was auf uns zukommt, dann hätten wir abgetrieben!”

Und das waren nicht einem einzigen Fall Leute, denen ich bescheinigen würde, dass sie ihre behinderten Kinder nicht über alles liebten.

Wie hilflos und allein gelassen Angehörige sich fühlen, wenn die Frage nach Entscheidungen aufkommt, auf die es keine Antworten geben darf oder kann, macht auch folgende Begebenheit deutlich, die sich nicht nur einmal so abgespielt hat:

In einem Gespräch, in dem es um sexuelle Selbstbestimmung und Verhütung geht, “beichten” mir Eltern, dass sie ihre Tochter illegal in den Niederlanden haben sterilisieren lassen. In Deutschland ist das verboten, was historische Gründe hat.

Als Grund geben sie an, dass sie sich nicht auch noch um ein behindertes Enkelkind kümmern könnten.

Ist hier nicht dringendst eine praktische, alltagstaugliche Ethik gefragt statt ideologischer Schranken?

Wie soll man darauf antworten, wenn man aus der täglichen Arbeit weiss, wie belastend für eine Familie die Pflege eines behinderten Kindes sein kann? Darf man solche aus praktischen Erwägungen getroffenen Entscheidungen  verurteilen? Darauf habe ich gerne verzichtet und Verständnis geäußert – alles andere wäre geheuchelt und nicht authentisch gewesen.

Hier geht es nicht um die Verhinderung von “lebensunwertem Leben” – sondern um die Belastung für diejenigen, die den Preis zu zahlen haben, der sich aus der Festlegung auf ethische Grundlagen zu diesen Fragen ergibt.

Darüber wünsche ich mir eine ehrliche Debatte ohne Tabus, ob Singer hier brauchbare Antworten liefert oder nicht, ist für mich auch nicht die zentrale Frage –  denn Singer ist auch nur ein Hassobjekt derer, die grundsätzlich jeden Diskurs auch mit Gewalt unterdrücken wollen, der ihrer Ideologie widerspricht.

Im Nationalsozialismus hat man es ähnlich gehalten und solche Bücher verbrannt.

 


Bildquelle:

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Peter Singer (Foto: Wikipedia/Joel Travis Sage)
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Wolfgang van de Rydt
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