Die Osmanisierung des Abendlandes

Heim ins Reich?

Der umstrittene türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat gerade unter den in Deutschland lebenden Türken viele Anhänger.

Mit seinen Äußerungen über Frauen, seiner Weigerung der Anerkennung des Völkermords an den Armeniern, seinem harten Vorgehen gegen Kritiker (Gezi Park) und Einschränkungen der Meinungsfreiheit, steht er immer wieder in der Kritik.

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Die BILD nannte ihn nach den gewonnenen Präsidentschaftswahlen gar den türkischen Putin, ein Vergleich, der mehr als hinkt.

Mit seinem Palastbau in Ankara unterstrich Erdogan seinen Autoritätsanspruch. (Spiegel)

Bescheidenheit ist nicht seine Stärke, er will die Türkei neu erfinden. Aber welche Interessen bedient Erdogan, woran will er anknüpfen mit seiner neuen Türkei?

Gespaltene Gesellschaft

Seit der Staatsgründung geht ein Riss durch die türkische Gesellschaft. Während die Eliten und das Bürgertum in den Städten von den Reformen profitierten, kam bei der Landbevölkerung nicht viel davon an. Dort blieb man dem Islam und den Traditionen verbunden, in den Augen der westlich orientierten Kemalisten verächtlich als rückständig bezeichnet.

Doch trotz aller Modernisierungsbestrebungen hat die Türkei den Anschluss an den Westen nicht gefunden. Aufgrund der verbreiteten Korruption und den immer wieder vorgebrachten Vorbehalten wegen der Menschenrechtsverletzungen des als autoritär geltenden Staates, hat man dem Land einen Beitritt zur EU stets hochmütig verweigert. Die wahren Mithintergründe blieben unausgesprochen. Man fürchtete noch mehr Zuwanderung. 

Heute sind viele Türken vielleicht eher froh, dass die Türkei nicht in die Euro-Falle getappt ist.Diese ständige kollektive Ablehnung und Herabwürdigung hat Erdogan erfolgreich genutzt. Sein Kurs gegen die Laizität und den Einschränkungen der Religion brachten ihm viel Sympathie bei der dem Islam verbundenen Schicht auf dem Land. Kopftuchverbote an Schulen, Arbeitsplätzen, Universitäten und im Parlament gibt es nicht mehr.(T-Spiegel)

Ist Erdogan ein Islamist?

Erdogan ist sehr konservativ, seine Politik ist stark autoritär geprägt, aber einen Gottesstaat mit Scharia, wie im Iran oder Saudi Arabien ist schwer vorstellbar unter seiner Führung. Nicht nur, weil er dann seine weltliche Macht mit geistigen Führern teilen müsste, sondern weil dieses Vorhaben nicht durchsetzbar wäre.

Der Widerstand wäre zu groß, zudem ist Erdogan kein reiner Spalter und Revolutionär, sondern auch ein kluger Taktiker, der  den gemeinsamen Nenner sucht. Er knüpft mit seinen Vorstößen, an den Schulen wieder die osmanische Sprache zu lehren, geschickt an den Nationalismus seiner Gegner an. (NZZ)

Der Nationalismus der Kemalisten war nach innen gerichtet, behütete die Türkei stets vor expansivem Größenwahn. Aus dem Zweiten Weltkrieg hielt man sich weitgehend heraus, doch das Lager verliert an Zuspruch. Auch wenn schon mal das Militär gelegentlich die Muskeln spielen lässt und mit Putschveruschen droht. Erdogan ist auf dem Gipfel der Macht. Nicht nur die Korruption der Eliten hat den Rückhalt geschwächt, sondern auch der mangelnde Erfolg der Türkei. Nicht wenige wünschen sich daher eine “bessere” stärkere Türkei.

Der moderne Staat der Türkei ist in der Tat von gestern. Laizismus als Staatsprinzip kann nur staatstragend in einer pluralistischen Gesellschaft funktionieren. Die Türkei ist aber überwiegend muslimisch geprägt. Daraus resultierend kann die staatlich verordnete Neutralität gegenüber Religionsgemeinschaften eigentlich nur autoritär wahrgenommen werden.

Die Reformen Atatürks waren von oben herab verordnet, ebenso autoritär hat Erdogan diese Fehler rückgängig gemacht. Darin liegt auch die Gefahr, die von seiner Politik ausgeht. Sie produziert Widerstand, wie bei den Protesten im Gezi-Park.

Dabei hält er den Vorwürfen aus der EU gekonnt entgegen, dass es in der westlichen Wertegemeinschaft auch nicht gerade gut um die Demokratie bestellt ist. Bilder aus Stuttgart 21 haben eine Claudia Roth nicht motiviert, dort zu protestieren – in Istanbul bekam sie eine Ladung Tränengas ab und posierte damit öffentlichkeitswirksam in der Presse.

Das alles hat Erdogan nicht von seinem Erfolgskurs abgehalten. Er baut weiter an der neuen Türkei.

Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette.

Wegen dieser Verse verbüßte Erdogan zu Beginn seiner politischen Laufbahn sogar eine Gefängnisstrafe in der “alten modernen” Türkei. Vieles hat er an ihr geändert. Wie ernst er das tatsächlich gemeint hat, oder ob er damit nur gekonnt provozieren wollte, kann man nur im Nachhinein betrachten, wenn die Türken wieder vor Wien stehen. 

Aber nein, sie wohnen schon längst dort. 

Aber auch hier hat Erdogan kräftig interveniert. Er beklagte die mangelnden Bemühungen der Einwanderungsländer bei der Integration und unterstützte die Auslandstürken bei der Pflege und Entdeckung ihrer eigenen Kultur. Assimilation lehnt er vehement ab.

In Deutschland werden viele Moscheen und Begegnungszentren durch die türkischen Kulturvereine finanziert. Noch vor zwanzig Jahren war die deutsch-türkische Jugend dem Islam weit weniger zugewandt als heute. Das Kopftuch wurde nicht nur in der Türkei wieder erlaubt, sondern eroberte auch den öffentlichen Raum in Deutschland und Co.

Dieses neue Selbstbewusstsein war der Anlass zu zahlreichen Kopftuchdebatten, wobei es zu einer freien offenen Gesellschaft nicht so recht passen will, hier mit Verboten zu kontern, während man andererseits die Türkei heute wegen des rückwärtsgewandten Kurs kritisiert. Es passt weder hier noch da. 

 

Ist Erdogan nun der Eroberer des Abendlandes, der neue Sultan des Osmanischen Reiches 2.0 oder einfach nur die türkische Version eines in Deutschland längst ausgestorbenen Politikertyps? Franz-Josef Strauß und er hätten zwar aus religiösen Gründen weder zusammen in den selben Gottesdienst noch gemeinsam ein Bier trinken können, ansonsten aber, da hätten sie sich prächtig verstanden.

 


Bildquelle:

Erdogan
Gobierno de Chile [CC BY 3.0 cl], via Wikimedia Commons
 

 

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