Pozzen: Der perverse Handel mit dem Virus – rituelle HIV-Infektion als ultimativer Kick

Über den Anlass zu dieser Recherche muss ich aus rechtlichen Gründen schweigen, was mir leider einen Teil der Story kaputt macht, aber die Details sind auch für sich betrachtet schon ekelhaft und erschütternd genug. So wie manch besser gestelltem Kollegen soll es mir jedenfalls nicht ergehen. Ein ehemals prominenter Talkmaster verschwand gänzlich aus dem Fernsehen, als er mal etwas anderes machen und über die Stricherszene in Berlin und einige prominente Kunden berichten wollte. Das ist nicht der einzige Fall, in dem Journalisten zurückgepfiffen wurden, bei denen man im Hintergrund eine genügend große Rechtsabteilung vermuten würde. Bei dieser Drohkulisse, die noch ganz andere Formen annehmen kann, wagt sich kaum jemand an solche Themen heran. Dennoch blüht jedesmal die Gerüchteküche im Internet, wann immer ein Politiker mit Drogen erwischt wird, ob dahinter vielleicht nicht noch mehr stecken würde. So ließen die Herren Edathy und Volker Beck etliche Abmahnungen verschicken an jeden, der in Zusammenhang mit ihren Fällen von einer „Verurteilung“ berichtete und nicht den juristisch unverfänglichen Wortlaut benutzte, dass die Verfahren gegen die Auflage einer Zahlung eingestellt wurden. Bei Herrn Beck belief sich diese Summe auf 7000 Euro, bei Edathy, dort lautete der Vorwurf auf Besitz und Erwerb kinderpornografischen Materials, waren es nur 5000 Euro. Sein Eingeständnis gilt juristisch jedoch nicht als bewiesene Schuld. Wer sich unglücklich ausdrückt, muss im Fall einer Abmahnung zahlen. Auch Vergleiche zwischen Beck und dem wegen Crystal Meth in die Schlagzeilen gekommenen SPD-Abgeordneten Michael Hartmann können schmerzliche Folgen nach sich ziehen, denn bei Volker Beck war nur die Rede von „einer geringen Menge Drogen“. Wer den Herren noch ganz andere Sachen andichtet, weil er Schlimmeres vermutet, der kann folglich selber nicht mehr ganz dicht sein oder muss einen tiefen Wunsch nach Selbstbestrafung in sich tragen.

Wieso und weshalb ich mich nun umgehört und meine Nase in Dinge gesteckt habe, die mich nichts angehen, lasse ich deshalb wirklich lieber im Dunkeln. In fast allen Großstädten gibt es jenseits des „normalen“ Drogen- und Rotlichtmilieus noch ganz andere Szenen, die nur Insider kennen. Dass bei einer Edel-Domina gut betuchte Herrschaften ein- und ausgehen reicht heutzutage kaum noch zu einem Skandal, SM wird durch ständige Berichterstattung in den Boulevardmedien zu hipp und cool umgedeutet, auch mit dem Begriff Darkroom können die meisten etwas anfangen. Solche Räume gibt es nicht nur in einschlägigen Szene-Clubs, sondern auch in Hinterhöfen und ein paar Stufen nobler in Schickeria Penthouse-Wohnungen. Williges Fleisch lässt sich mit Drogen und ein paar Geldscheinen anlocken, das große Geschäft aber machen die Veranstalter mit prominenten Kunden, die nicht gerne dabei gesehen werden wollen, wie sie sich heimlich in einen Darkroom eines bekannten Szene-Clubs verdrücken. Außerdem könnte man sich bei anonymem Sex im Dunkeln üble Geschlechtskrankeiten einfangen und geht dann lieber auf Nummer Sicher und lässt sich saubere Ware besorgen, könnte man meinen – aber dem ist nicht immer so. Das sogenannte Barebacking in der Homoszene – ungeschützter Sex ohne Kondom – wird tatsächlich oft mit einer solchen „Garantie“ angeboten. Für heterosexuelle Männer gibt es in einschlägigen Foren und Magazinen Inserate mit dem Vermerk „AO“, bei denen ebenfalls Prostituierte ihren letzten HIV-Schnelltest vorlegen und versichern, dass man sich bei ihnen auch ohne Kondom mit nichts anstecken kann. Wer sich dennoch etwas einfängt, kann nicht auf all zuviel Mitleid hoffen. Einige Gestörte genießen vielleicht auch den Nervenkitzel der Gefahr, wie andere den Kick beim Bungee-Jumping.

Und einer gewissen Klientel geht es genau um das Virus. So wollen sich „pozzen“ lassen, zum HIV-Positiven werden. Bei einer normalen Internet-Recherche über Google findet man mit dem Suchbegriff „Pozzen“ nur wenige Artikel, im Darknet und bestimmten Foren sieht das ganz anders aus. Dort wird ein regelrechter Handel mit dem Virus betrieben. Eine Infektion durch exzessiven Geschlechtsverkehr lässt sich so mancher ein paar hundert Euro kosten – viel Geld für einen Stricher. Manchmal wird auch ein Erfolgshonorar vereinbart, das fällig wird, wenn das nächste Testergebnis positiv ist. Dass man sich auf der Suche nach sexuellen Abenteuern vor lauter Unvorsichtigkeit anstecken kann, wie in früheren Zeiten einige berühmte Künstler mit der „Franzosenkrankheit“ und später Rock Hudson oder Queen-Sänger Freddy Mercury mit HIV, lässt sich für Normalbürger vielleicht noch nachvollziehen, aber mit purer Absicht?

Virusübertragung als Einweihungsritual – Vampir und Zombie-Mythos in der Popkultur

Können Sie sich vorstellen, da die Krankheit AIDS durch die Medikamente mittlerweile als beherrschbar gilt, dass es für manche Gestörte den allerletzten Kick bedeutet, sich bei einem regelrechten Ritual mit dem Virus anstecken zu lassen? Genauso wurde mir der Ablauf einer solchen Party geschildert, was aber nicht immer so sein muss. Falls Sie Schwierigkeiten damit haben, so etwas zu glauben, dann erinnern Sie sich noch mal an den Fall des „Kannibalen von Rothenburg“. Dort war es der Wunsch des Opfers, von dem Täter verspeist zu werden. Sie wissen vielleicht noch, mit welchem Körperteil die beiden Männer angefangen haben …

Die Pozzer-Szene soll um einiges größer sein, als die der „Kannibalen“. Ähnlichkeiten mit dem Vampir- und Zombiemythos in der Poppkultur sind unübersehbar. Der Vampir, bei Bram Stokers Dracula noch als das Böse, das es zu vernichten galt dargestellt, wandelte sich in den zahlreichen Verfilmungen und Teenie-Serien zu einer Kultfigur. Wesley Snipes spritzte sich als Vampirjäger „Blade“ ein „Antiserum“ und wurde dadurch zum „Daywalker“, in den Vampirserien „Buffy“ und „Angel“ wird das Virus mit implantierten Chips in den Griff gebracht und mittlerweile gibt es jede Menge Zombieserien (Z wie Zombie), die ein ähnliches Strickmuster aufweisen. Das Böse, Dämonische wurde schon bei Bram Stoker teilweise als etwas medizinisch Beherrschbares dargestellt, doch zur Erlösung der „Huren des Satans“ vom Bann des Untoten reichten Van Helsings Bluttransfusionen nicht, Dracula musste am Ende sterben und zuvor sollten noch jede Menge Hostien und Weihwasser verbraucht werden. Spätestens seit der Teenie-Vampir-Schmonzette „Twilight“ gilt das alles nicht mehr. „Das Virus“ ist zwar gefährlich, aber es verleiht Kräfte, die normale Menschen nicht besitzen. Dadurch wird der Untote anziehend und attraktiver, in vielen dieser Storys wimmelt es nur so vor Groupies, die sich auch diese Unsterblichkeit versprechen, die aber die Vampire nur ihrer „Auserwählten“ schenken wollen. Diese Exklusivität versprechen sich wohl auch einige der zahlungskräftigen Kunden der Pozzer. Inwieweit sie von der modernen Umdeutung dieser alten Mythen beeinflusst sind, lässt sich nur vermuten, als alleiniger Faktor zur Erklärung des Phänomens kann es keinesfalls ausreichen. Nicht nur Hypochonder und Simulanten wissen, wie man mit vorgetäuschten oder eingebildeten Krankheiten Aufmerksamkeit zu seinen Gunsten erregen kann, auch für Psychisch Kranke haben „richtige Krankheiten“ oft einen erlösenden, therapeutischen Effekt. Mit einer Krebsdiagnose sind bei einigen plötzlich jahrelange Depressionen wie weggeblasen, endlich weiß man, was man hat und hat eine Erklärung dafür, dass es einem schlecht geht. Wie innerlich leer, tot und abgestumpft muss man sein, dass man sich absichtlich mit HIV infiziert, dafür auch noch Geld bezahlt, um sich wieder „lebendig“ zu fühlen oder mit der Krankheit in der Szene angeben zu können, als handelte es sich um eine Trophäe?

Pozzing und das Strafrecht

Die Sängerin Nadja Benaissa der Casting-Gruppe „No Angels“ – welch bezeichnender Name – wurde 2009 wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung festgenommen, weil sie ungeschützten Sex mit mehreren Personen gehabt hatte, ohne diese auf ihre HIV-Infektion hingewiesen zu haben. Sie wurde schlussendlich zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung und 300 Arbeitsstunden in einer Aids-Einrichtung verurteilt. Der HIV-Prozess machte damals Schlagzeilen, das Urteil war vergleichsweise milde. Und wie wäre die Sache ausgegangen, wenn die Partner davon gewusst hätten? Auch wenn der Infizierte sein Einverständnis gegeben und ausdrücklich um das Virus gebeten hat, bliebe die Tat dennoch eine Körperverletzung seitens des Pozzers. Bisher ist kein einziger Fall bekannt, der vor Gericht verhandelt wurde. Für den Infizierten, sofern man ihn nicht aufgrund anzunehmender psychischer Ursachen für schuldunfähig hält, käme eventuell Versicherungsbetrug in Frage und damit die Übernahme sämtlicher Krankenkassenkosten, die durch die HIV-Therapie entstanden wären, ebenso die Folgekosten. Am Ende wäre er möglicherweise insolvent und müsste dennoch auf Kosten der Allgemeinheit behandelt werden. Falls jemals solch ein Fall vor Gericht käme – würden sich die meisten Richter wahrscheinlich sehr schwer damit tun, einen Todgeweihten zu einem noch schnelleren Tod zu verurteilen. Ein weiterer Grund könnte sein, dass keine Krankenkasse gegen einen Geringverdiener klagen würde, bei dem nichts zu holen wäre, wenn überhaupt dann bei einem finanziellen Schwergewicht. Aber welcher Staatsanwalt hätte Lust, sich mit Ermittlungen in solchen Kreisen die Finger zu verbrennen und damit die Karriere zu versauen? Er würde schweigen, so wie ich …

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Wolfgang van de Rydt
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Freier Journalist – Autor – Musiker