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Eine Wende der Erinnerungsunkultur, die überfällig ist

 Unter der Überschrift „Keine Ahnung von Historie, Geschichte und der neueren deutschen Geschichte“ hat sich Henryk Broder mit einem DLF-Interwiev von Josef Schuster vom Zentralrat der Juden auseinandergesetzt. Schuster hatte vor einem „enthemmteren Antisemitismus in Worten“, wie er ihn sich vor einigen Jahren noch nicht habe vorstellen können gewarnt. Mitschuldig seien „Funktionäre der AfD“, von denen einige eine „Wende der Erinnerungskultur um 180 Grad“ gefordert hätten. Broders Argumente finde ich alle o.k. Mir fehlt aber der ostdeutsche Aspekt.

Schuster sieht die deutsche Geschichte nur aus westdeutscher Perspektive. Das ist aber seit dem Arbeiteraufstand von 1953, dem ungarischen Aufstand 1956, dem Prager Frühling 1968, allerspätestens seit der Wiedervereinigung obsolet. Wir müssen die Geschichtsbetrachtung aus west- und östlicher Perspektive irgendwie zusammenführen, was wahrscheinlich schwierig werden wird. Wenn es nicht gelingen sollte, steht irgendwann ein Ostexit an.

Der Antifaschismus und die Erinnerung an den Naziterror waren über 40 Jahre lang die Knüppel, mit denen im Osten (vor allem in der DDR, aber zum Beispiel auch anläßlich des Prager Frühlings) auf jegliche demokratische Regung eingeschlagen wurde. Damit haben diese Disziplinierungsinstrumente ihre Unschuld verloren und sich als bösartige Machtmittel erwiesen. Ich mußte als Schulkind öfter mal als Dekoration zu Jahrestagen auf den Ettersberg. Ich habe mich immer gefragt, wie  ehemalige Häftlinge von jenseits des Eisernen Vorhangs es fertigbringen konnten, in Buchenwald zusammen mit der Parteiführung aufzumarschieren. Als Mindesthypothese, als schmeichelhafteste Vermutung, habe ich damals abgeleitet, daß sie rotzbekloppt waren und aus dem KZ-Aufenthalt nichts gelernt hatten. Ich fragte mich immer, wie viele auf die Teilnahme aus Gründen der politischen Hygiene verzichtet hatten.

Man muß den Antifaschismus aus diesem Grund des permanenten Mißbrauchs immer sehr kritisch hinterfragen. Und das alleine ist natürlich eine glatte 180-Grad-Wende der deutschen Erinnerungsunkultur. Sie ist aus historischen Gründen nicht nur der neueren deutschen Geschichte angezeigt, wie von Broder vorgeschlagen, sondern mit Rücksichtnahme auf die osteuropäische Geschichte. Das ist nicht nur die des sowjetischen Machtbereichs, sondern auch die Jugoslawiens und Albaniens. Von Herrn Schuster, einem Mann im Rentenalter, ist nicht zu erwarten daß er seine Meinung ändert. Thomas S. Kuhn hat in The Structure of Scientific Revolutions dargestellt, daß überholte Paradigmen durch Verrentung, Emeritierung und Tod aussterben, fast nie durch Einsicht.

Übrigens: Zentralrat der Juden. Das hört sich nach Zentralkomitee an. Zentralisierung ist immer ein Zeichen fortgeschrittener Unmündigkeit bzw. Bevormundung, oft der Diktatur. Demokratische Strukturen sind dezentral oder subsidiär, Subsidiarität ist eine Maxime, die eine größtmögliche Selbstbestimmung und Eigenverantwortung von kleinteiligen Strukturen wie Individuum, Familie, Verein oder Gemeinde anstrebt. Die Zentralorgane der drei Religionsgemeinschaften sollten den totalitären Balken im eigenen Auge ausreißen, statt den Splitter bei der AfD zu bemeckern und zu beblöken.

Grüße an den V-Schutz: „O schade […]! Daß Menschen nur – nicht Wesen höh’rer Art – die Weltgeschichte schreiben!“ (Fr. Schiller, 1787)


Quelle und Erstveröffentlichung: Prabelsblog.de


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