Stellt man diese Frage den Verantwortlichen deutschsprachiger Völkerkundemuseen so lautet die gleichklingende Antwort: „Europäische Kolonialmächte haben sich eine große historische Schuld aufgeladen die es zu tilgen gilt.“ Gedacht ist dabei nicht nur an Entschuldigungen, vielmehr folgen daraus zahlreiche Forderungen nach Reparationen, Wiedergutmachungsszenarien und eben auch die Forderung Rückgabe geraupter Kulturgüter.
Der SPD-Politiker und frühere Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Mathias Brotkorb, knöpft sich diese postkolonialen Mythen vor und hat sich auf eine Reise in die Hotspots der Wiedergutmachungsnarrative im deutschsprachigen Raum begeben und ist dabei in die Zentren der geschichtspolitischen Wokeness eingedrungen. Dazu hat er ein lesenswertes ansprechendes Buch vorgelegt.
„Postkoloniale Mythen-Auf den Spuren eines modischen Narrativs“
Der Autor besuchte vier deutschsprachige Völkerkundemuseen in Hamburg, Berlin, Leipzig und Wien und zeigt wie diese ihr koloniales Erbe aufarbeiten und welche Geschichten sie dabei ihren Besuchern erzählen. Die Auswirkungen von deren schwarz-weiß Denken auf die internationale Kunstwelt macht Brotkorb mit dem Besuch der weltweit bedeutenden Ausstellung für zeitgenössische Kunst, der Biennale von Venedig, deutlich.
Das Buch beginnt mit einer Ansammlung von Mythen, Legenden und Glaubensbekenntnissen, die alle vehement ablehnen empirische Nachweise zuzulassen, kontroverse Diskussionen für unzulässig erklären und rassistischem Denken eine neue Variante zufügen. Diesmal allerdings in verkehrter Form Weiß ist böse und Schwarz ist gut!
Die deutsche Kolonialgeschichte währte ganze 35 Jahre. Erst 1884 begann das Deutsche Kaiserreich, auf dem afrikanischen Kontinent sogenannte Schutzgebiete zu errichten, verlor diese aber bereits 1919 durch den Versailler Vertrag an die Siegermächte des Ersten Weltkrieges. Mit dem Ende des Kolonialismus jedoch, so wollen uns postkoloniale Aktivisten und ihre woken universitären und pseudo wissenschaftlichen Karrieristen mit unermesslichem Tatendrang weismachen, kamen Ausbeutung in Afrika keineswegs zu einem Ende. Sie leben angeblich im postkolonialen Zeitalter fort. Das ist aber nur der letzte Akt ihrer Geschichtsinterpretation, begonnen hat alles als europäische Kolonialvölker mit der Absicht der Ausraubung sich ins Innere Afrikas begeben hatten, um den dort lebenden Völkern Schmerz, Leid, Apartheid, Armut und Sklaverei zu bringen, vorher hätten diese friedlich und prosperierend koexistiert.
Vor allem die Sklaverei, sei das von den Europäern größte gebrachte Unrecht. Eine Wiedergutmachung sei deshalb eine berechtigte Forderung nach Gerechtigkeit. Der Präsident der Komoren und Vorsitzende der Afrikanischen Union, Azil Assoumani, bezeichnete Sklaverei und Kolonialismus „Als dunkle Phase Afrikas“ und betonte, dass sie immer noch „verheerende Auswirkungen auf unsere Bevölkerungen haben.“ Einer Version der deutsche Politiker gerne zustimmen, so auch Bundespräsident Steinmeier, der auf der Konferenz Accra seine „Scham“ zum Ausdruck brachte: „unglaubliche 12,5 Millionen Afrikaner wurden gewaltsam entführt, auf europäische Schiffe gebracht und in die Sklaverei verkauft“. Kein Wort dazu, dass Sklaverei in Afrika Jahrhunderte vor Ankunft der Europäer ein einträgliches Geschäft darstellte. Arabische und osmanische Sklavenhändler beauftragten seit dem 9. Jahrhundert n. Chr. afrikanische Stämme, in regelrechten Menschenjagten Männer und Frauen einzufangen und diese ihnen an bekannten Sammelstellen zu übergeben. Dass es die Engländer waren, die den Sklavenhandel in ihren Kolonien und auf ihren transamerikanischen Schiffsrouten bereits 1807 verboten hatten, wird nicht erwähnt. Ebenso ist wenig bekannt, dass der kaiserliche Reichstag Deutschlands in seiner Kolonialpolitik den Sklavenhandel ausdrücklich ausschloss. Im Buch erhält die Geschichte ein eigenes Kapitel.
In Brotkorbs Buch werden weitere Mythen untersucht und richtiggestellt, indem er diese mit den historischen Fakten abgleicht und deutlich macht, dass gesagte Narrative mit der Wirklichkeit wenig gemeinsam haben. Die Rolle, die die Museen und Ausstellungen in ihren Präsentationen spielen, ist der von Multiplikatoren postkolonialer Erzählungen von unverzeihlichen Verbrechen weißer Kolonialisten und der hartnäckigen Verteidigung des Narrativs von ewiger Schuld.
Brotkorb macht an konkreten Gegebenheiten deutlich, dass derartige Geschichtsklitterung nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben. Er beschreibt am Beispiel der bekannten Benin-Bronzen und der von den Museen betriebenen Rückgaben und Übereignung an den Staat Nigeria oder treffender gesagt an die Nachkommen des Oba des Königreiches Benin, was es wirklich um den angeblichen Raub der Europäer auf sich hat. Das jahrhundertelange Handeln der Obas von Benin (Könige) im Sklaven- und Menschenhandel mit bewiesenen Menschenopfern und Hinrichtungen kann in dieser Rezension nicht ausführlich behandelt werden, die Ereignisse um den angeblichen Raub der Benin-Bronzen verdient aber ausführlicher Erwähnung. Der Oba von Benin schloss 1892 mit der britischen Kolonialmacht einen Vertrag über die Ausgestaltung der Handelsbeziehungen in seinem Königreich. Diesen Vertrag brach er mehrfach einseitig und beraubte den Briten zugesagten Handelsrechte. Die Briten baten um Klärung und schickten eine Delegation nach Benin um Verhandlungen aufzunehmen. 200 einheimische Beniner begleiteten die Delegation als Träger und Helfer. Auf Befehl wurde die Delegation angegriffen, die Mehrzahl der Britten und die 200 Beniner ohne Warnung niedergemacht. 1897 kam es danach zu der in der Weltöffentlichkeit kontrovers diskutierten Strafexpedition gegen das Königreich in deren Folge die Benin-Bronzen als Kriegsbeute nach London gelangten, um dort zur Finanzierung des Feldzuges öffentlich versteigert zu werden. Auf diesem Weg fanden zahlreiche Stücke auch den Weg in deutsche Museen.
Ausführlich werden die Diskussionen mit den Verantwortlichen von Brotkorbs Reise durch die Museenlandschaft beschrieben. Er nennt dabei auch Widersprüche und zeigt, dass es auch unterschiedliche Sichtweisen gibt. Bei allem Hin und Her aber bleibt „die Europäer haben den Afrikanern ‚epistemische Gewalt‘ angetan und sich damit unendliche Schuld aufgeladen.“
Brotkorb sagt zu seinem Buch, „Es ist ein Plädoyer gegen die moralische Hybris, mit der die westlichen Gesellschaften auf Ihre Geschichte blicken. Und nichts weiter.“ An mehreren Stellen wird deutlich, dass für die Rückgabe von Artefakten aus dem kolonialen Kontext meist keinerlei Rechtsgründe gibt. Legitimiert wird sie stets nur moralisch und damit politisch wirkmächtig, allerdings damit auch politisch einseitig, was keine Rolle mehr spielt.
Wie auch immer, glänzend geschrieben und für jeden Leser eine Bereicherung. Hervorzuheben ist die visuelle Gestaltung des Buches mit zahlreichen Bildern und Fotografien der Benin-Bronzen, Personen und Orten aus Ostafrika der Kolonialzeit.

Mathias Brotkorb: Postkoloniale Mythen
Auf den Spuren eines modischen Narrativs.
Zu Klampen Verlag, Springe 2025. 272 S., Abb., geb. 28,– Euro

