Ceylon zeigt wie’s geht

Sri Lanka – Demonstranten im Swimming Pool des Präsidenten / Foto Screenshot Youtube

Seit 1972 sagt man nicht mehr Ceylon, ich weiß. Aber mit Staaten, die ihrer Eigenbezeichnung „Demokratische Sozialistische Republik“ voranstellen, habe ich als Deutscher so meine Probleme. Wir Wessis haben doch damals die DDR nicht richtig anerkannt, sonst wäre es ja nichts mit der „Wiedervereinigung“ geworden, mit „Sri Lanka“ habe ich es genauso gehalten, für mich bleibt es einfach Ceylon, basta!

Gestern sorgten Bilder von der Türmung des Präsidenten und der Stürmung seines Palastes für Hoffnung. Die Soldaten schossen nur in die Luft und ließen die wütende Menge das Gebäude besetzen, als sie wussten, dass der Präsident in Sicherheit war.

Angeblich sind der Ukraine-Krieg und Corona schuld an den schlimmen Zuständen in „Sri Lanka“. Mit Sozialismus und Korruption hat es natürlich nie etwas zu tun, wenn das Volk hungert und sich anschickt, seine Politikerkaste zum Teufel zu jagen. So geschehen beispielsweise in mehreren Sozialistischen „Republiken“ 1953 oder 1989, man erinnere sich doch bitte an die blutigen Weihnachtsbilder aus Rumänien, als es dem Vampirpaar Ceaușescu an den Kragen ging. Aber Ceylon ist nicht der Ostblock, sondern ein „multiethnischer“ und „multireligiöser“ Staat, dem es wirtschaftlich sogar recht gut ging – bis eben kürzlich die Zahlungsunfähigkeit eintrat – ein Ereignis, das sich viele Westeuropäer, nicht nur Deutsche, so gar nicht in seiner ganzen Tragweite vorstellen können und wollen. Wie so etwas endet, kann man gerade ganz gut verfolgen, wenn auch die Nachrichten mit Vorsicht zu genießen sind.

Die Lage ist wie immer wesentlich komplexer. Zum Beispiel die Zusammensetzung der Bevölkerung: Laut der Volkszählung von 2012 sind 70,2 Prozent der Bevölkerung Sri Lankas Buddhisten, 12,6 Prozent Hindus, 9,7 Prozent Moslems und 7,4 Prozent Christen. Halten wir noch mal fest – die breite Mehrheit stellen die Buddhisten, die keinem Tier etwas zu Leide tun dürfen, sich aber mit den Tamilen mehr als 25 Jahre einen blutigen Bürgerkrieg geleistet haben. Dieser Konflikt hat seine Wurzeln in der Kolonialzeit. Während der britischen Herrschaft dienten Tamilen als Beamte und erlangten so eine Sonderstellung, die der Mehrheit der Singhalesen ein Dorn im Auge war. Nach der Unabhängigkeit wollte man das wieder ändern und als eine Maßnahme sollten Englisch und Tamil als Amtssprachen abgeschafft werden, was zu Widerstand bei den Tamilen führte, die ihrerseits nun eine Unabhängigkeit anstrebten.

Vor diesem Hintergrund muss man die Erstürmung des Präsidentenpalastes betrachten. Der Bürgerkrieg ist noch nicht lange vorbei, die ihm zugrunde liegenden Konflikte sind kein bißchen gelöst und gespannt ist auch das Verhältnis zwischen den anderen religiösen und ethnischen Gruppen. Und doch haben sich die Menschen nicht aufeinander hetzen lassen, sondern haben diejenigen zum Teufel gejagt, die sie für das aktuelle Übel verantwortlich machen.

Das klingt zu schön, um wahr zu sein und viele hiesige Unzufriedene sehnen nun solche Bilder auch für Berlin, Paris, London, Rom und ganz aktuell Den Haag herbei. Mark Rutte und sein gammelfleischliebhabender Amtskollege aus Frankreich werden ihre Soldaten allerdings nicht in die Luft schießen lassen, es hat bereits ordentlich geknallt. Und das war erst der Anfang. Warum wohl berichten „unsere“ Medien plötzlich von den Schüssen auf den 17-jährigen Bauernjungen, wo sie doch wochenlang geschwiegen haben? Richtig, man soll es mit der Angst zu tun bekommen, gar nicht erst die Idee entwickeln, dass Widerstand etwas bringen könnte.

In Sri Lanka sieht man bereits das Ende der politischen Ordnung. Wenn man dort kein weiteres Blutvergießen wünscht, lässt man der wütenden Menge ihren Triumph, baut im Hintergrund an neuen Strukturen, wenn es nicht bereits längst geschehen ist, und schiebt die Schuld für alles was schief läuft, der verjagten Politelite in die Schuhe. Die Demonstranten können nicht jede Woche den Palast stürmen und müssen nun abwarten, welche neue Führung die Amtsgeschäfte übernimmt und für Stabilität sorgen kann. Wer anders als das Militär käme dafür infrage? Nichts wird mehr so sein wie vorher. Wer jetzt ein paar Wohltaten am Volk vollbringt, sorgt damit für kurzfristige Beruhigung und muss dann seine Macht festigen. Eines wird sicher nicht passieren – dass eine wie auch immer zusammengesetzte Herrschaft des Volkes übernimmt, auch wenn sie sich so nennen sollte. Wer in das Machtvakuum vordringen und sich dort behaupten will, muss andere Qualitäten mitbringen, als man für die Leitung einer Suppenküche benötigt. Vielleicht dient Sri Lanka auch als eine Variante für den „Great Reset“ der etwas weniger subtileren Art.

Die so gewonnenen Erkenntnisse wird man vielleicht schon bald in Den Haag umsetzen. Werden die Bauern zu massiv und lassen sich wider Erwarten nicht mit ein paar gezielten Schüssen stoppen, könnte auch ein Mark Rutte als Bauernopfer die Reise ins Exil antreten. Für Großbritannien hat man andere Pläne, wie die Demontage von Boris Johnson anzudeuten scheint. Nicht umsonst hat es ja auch noch rechtzeitig vor Corona und dem Ukraine-Krieg für den Brexit gereicht.

Eine andere Frage, die selten beantwortet wird, vielleicht weil deren Beantwortung hierzulande mittlerweile kriminalisiert wird, lautet: Was kommt danach, wenn eine Regierung Scholz gestürzt und mit Schimpf und Schande aus dem Land gejagt sein sollte? „Neuwahlen?“ Wozu sollte das gut sein? Stellen sich dann plötzlich bessere Bewerber als zuvor zur Wahl? Wo sollen sie denn herkommen?

Und was für ein System soll es denn sein? Wir brauchen doch ein System, oder?