Der Telegram-Albtraum der Autokraten

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Was haben sogenannte Verschwörungstheoretiker, Emmanuel Macron, Demonstranten in Hongkong oder Weißrussland gemeinsam? Sie nutzen den Messenger Dienst Telegram der sich, für unterschiedlichste Gruppierungen auf der ganzen Welt, zu einem Organisationswerkzeug etabliert hat. Die Messenger-App mit Verschlüsselungsfunktion, die 2013 startete und die einfache Versprechen macht: simpel, kostenfrei und vor allem – sicher. Die Geschichte aus dem Jahr 2011 würde die Welt wohl nicht interessieren, wäre sie nicht die Initialzündung einer App gewesen, die heute rund um den Globus mehr als 400 Millionen Menschen nutzen – und die nicht nur dem russischen Sicherheitsapparat ein Dorn im Auge ist.

Amnesty International und andere Menschenrechtsbewegungen dagegen sind öffentlich für Telegram in die Bresche gesprungen. Während das Vertrauen in WhatsApp und dessen Konzernmutter Facebook weiter schwindet, wächst der Messangerdienst Telegram. Noch liegt er hinter dem Mitbewerber WhatsApp zurück und doch schaffte es dessen App erstmals unter die Top Ten der häufigst, genutzten Apps der Welt. Selbst Politiker wie Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron kommuniziert fast ausschließlich über die App.

Gegründet wurde der Dienst von den Brüdern Pawel und Nikolai Durow. Während sich Nikolai eher im Hintergrund ums Technische kümmert, ist sein Bruder Pawel Geldgeber, Organisator, öffentliches Gesicht und der russische Staatsfeind Nummer eins.

Durow, der einsame Wolf

Pawel Durow der einsame Wolf, der den Mächtigen gerne auf die Füße tritt. Egal, ob sie Mark Zuckerberg, Theresa May oder Wladimir Putin heißen: Schwarz gekleidet, die schwarzen Haare kurz geschnitten, das Gesicht blass und glatt rasiert – erinnert er an eine Figur aus einer anderen Welt und das scheint auch die Lieblingsrolle des Pawel Durows zu sein. Er stammt aus einer Sankt Petersburger Intellektuellenfamilie, wächst dort, wie in Turin auf und fällt bereits als Kind durch seinen Freigeist und als hochtalentierter Eigenbrötler in der Schule auf.

Durow der Freiheitskämpfer, der Robin Hood der digitalen Welt? Eine schwierige Frage. Sein Umgang mit Geld scheint darauf hinzuweisen, dass er wirklich einer tiefen Überzeugung folgt. „Im freien Internet ist Geld nicht das Wichtigste“, ließ er mehrfach verlauten. Während Facebook und Co ihre Kanäle als Geldmaschine ausbauen, verzichtet Telegram auf Werbung. Weiterhin lässt er einmal Papierflieger aus 5000-Rubel-Scheinen aus dem Fenster der VKontakte-Firmenzentrale segeln. Das gibt es allenthalben einmal virtuell auf dieser Seite: https://bonus.com.de/casino-bonus/. Auf der Straße vor dem Bürokomplex bricht daraufhin völliges Chaos aus. Man habe für eine „festliche Atmosphäre“ sorgen wollen, wird er später auf Nachfrage antworten.

Durow, der gerne «Faust» zitiert, entwickelte bereits als Literaturstudent an der philologischen Fakultät der Sankt Petersburger Uni ein Faible für libertäre Ideen und teilte sie deutlich mit. An der Universität programmierte er 2003 ein erstes soziales Netzwerk für Studenten.Sein älterer Bruder Nikolai hingegen ist ein Wunderkind, das mit drei Jahren liest, später bei Programmier- und Matheolympiaden abräumt und als Genie im Hintergrund agiert.

Durow-Brüder als Begründer von VKontakte

Bereits 2006 starteten die Durow-Brüder einen Facebook-Klon namens VKontakte, der auch von russischen Oppositionellen genutzt wurde. So geriet vor allem Pawel Durow, mehr und mehr ins Visier der Geheimdienste. 2011 standen diese in St. Petersburg vor seiner Haustür, nachdem die Regierung nach den Parlamentswahlen die Löschung von Oppositionsseiten auf VKontakte verlangt hatte. Er öffnet die Türe nicht. Während draußen die Sicherheitskräfte warteten, realisiert er, dass ihm kein sicherer Kommunikationskanal zu seiner Familie zur Verfügung steht. Also habe er einen bauen müssen, wird er später in einem Interview erklären.

Durow weigerte sich Dokumente auszuhändigen und musste aus nicht bekannten Gründen, als Chef von VKontakte zurücktreten. Für seine verbliebenen zwölf Prozent an VKontakte erhielt er Ende 2013 zwischen 300 und 450 Mio. Dollar.Genug, um einen neuen Messenger mit dem Papierflieger im Logo vorerst aus eigener Tasche zu finanzieren.Das war für ihn das Ende mit Vkontakte. Und der Beginn von Telegram. Im Frühjahr 2013 verließen Durows Sankt Petersburg. Im Exil in Dubai entwickelten er und sein Bruder Nikolai Telegram. Einen Chatdienst, der mehr als gut verschlüsselt ist.Verantwortlich für die Technologie ist wie immer Durows Bruder Nikolai, das Mathegenie.

Viel Feind, viel Ehr …

Am 16.04.2018 verfügte die russische Behörde Telegram in Russland sperren zu lassen: Der Grund: Durow hatte sich erneut geweigert, nicht nur dem russischen Geheimdienst FSB Zugang zu den verschlüsselten Nachrichten zu verschaffen. Die Behörden warfen ihm vor, Terroristen würden – fern der staatlichen Kontrollen – über den Chatdienst ihre Terrorakte planen. Ein guter Vorwand also, um den unliebsamen Dienst, endlich loszuwerden. Immer wieder gelang es Telegram, der Sperrung mit technischen Kniffen zu entkommen, indem er schneller seine Server wechselte, als die Behörden IP-Adressen sperren können. In Absprache mit der Generalstaatsanwaltschaft nahm die Aufsichtsbehörde die Verfügung zurück, da sie nicht umgesetzt werden konnten. Telegram konnte das als Sieg verbuchen.

Auch in anderen Ländern ist Telegram inzwischen ein Ärgernis. In Deutschland, aber auch in den Niederlanden gilt Telegram inzwischen als der Kanal, in denen Verschwörungstheorien ungehindert geteilt und unzensiert an Leser weitergegeben werden. Was als durchaus schwierig, aber je nach Sichtweise auch als freiheitsliebend bezeichnet werden kann.

Telegram-Kanäle, die ähnlich wie Blogs funktionieren, haben keine Beschränkung der Teilnehmerzahl. Einer oder mehrere Administratoren können dort Beiträge posten, die – anders als in Gruppenchats – nicht direkt kommentiert werden können. Theoretisch ist Telegram auch abgesehen von terroristischer Propaganda kein rechtsfreier Raum. Doch die Durchsetzung von Gesetzen ist schwierig.Das deutsche Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) verpflichtet zwar seit Oktober 2017 soziale Netzwerke dazu, rechtswidrige Inhalte innerhalb von 24 Stunden zu löschen, aber Telegram fällt als Messenger-Dienst noch nicht darunter.

Der nicht verschlüsselte Teil

Eine Eigenart der App allerdings bietet staatlichen Sicherheitsbehörden eine Chance. Auf Telegram gibt es nicht nur verschlüsselte Nachrichten, sondern auch einen Cloud-basierten Chat, der nicht Ende-zu-Ende-verschlüsselt ist und in verschiedenen Rechenzentren auf der Welt gespeichert werden. Ein Vorteil für die Nutzer ist, dass sie riesige Dateien – bis zu 1,5 Gigabyte – mit anderen teilen können. Diese werden dann in der Cloud gespeichert und beanspruchen nicht den Handyspeicher. Die so verschickten Nachrichten sind im Klartext lesbar sind, weckt das auch bei einigen Regierungen Begehrlichkeiten. Telegram bleibt bei der Aussage, man habe «bis zum heutigen Tag» null Byte Nutzerdaten an Dritte weitergegeben, inklusive aller Regierungen.

Durow freier Geist, hegt unbestritten ein abyssisches Misstrauen gegen jede Form von Staat, die er bereits 2012 deutlich in einem russischen Magazin abdrucken ließ. So schrieb er «Die beste Gesetzgebung im 21. Jahrhundert ist ihre völlige Abwesenheit». Diese Aussage kann man als feindlich bewerten, aber bei aller Feindschaft sollte nicht vergessen, werden – es ist nicht Pawel Durow, der den Kanal mit Inhalten füllt, es sind die Nutzer selbst.

1 Kommentar

  1. Kürzlich wurde über eine Nähe Durows zum WEF berichtet. Ob das stimmt, weiß ich nicht, wäre aber denkbar, allein schon wenn man an die „Gehaltsklasse“ denkt.
    Jetzt wurden dem Vernehmen nach doch eine ganze Reihe von Kanälen (64) gesperrt.
    Und wenn genug Druck auf die Emirate ausgeübt wird, läßt sich sicher auch Telegram in irgendeiner Form infiltrieren.

    Fazit: Derzeit mag man den Dienst noch als „sicher“ bewerten. Man sollte sich allerdings besser nie „zu sicher“ sein. Niemand weiß und niemand kann wissen, was tatsächlich im Hintergrund passiert.

    Trotzdem ist die Leistung der Telegram-Macher uneingeschränkt zu würdigen und anzuerkennen. In einer zunehmend diktatorisch-faschistischen Welt ist allerdings Vorsicht geboten.

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