Es gibt Städte, die man besucht, und es gibt Städte, die man erst durch den Blick eines anderen wirklich kennenlernt. In seinem wunderbaren Buch „Ein Bayer erkundet Berlin“ zeigt uns Meinrad Müller die deutsche Hauptstadt von einer Seite, die in herkömmlichen Reiseführern gar nicht vorkommt. Es ist eine herzliche Einladung an uns alle, Berlin nicht als hektische chaotische Metropole, sondern als einen Ort der Lebenskunst zu begreifen. Müller betrachtet die Stadt durch die Brille eines Mannes, der die bayerische Gemütlichkeit im Herzen trägt und sie in Berlin auf eine Weise wiederfindet, die ebenso überraschend wie befreiend ist.
Ein zentrales Thema, das sich wie ein roter Faden durch die Seiten zieht, ist die Berliner „Coolness“. Doch der Autor versteht darunter weit mehr als nur ein modisches Schlagwort für die Jugend. Für ihn ist Coolness eine Philosophie für das gelungene Älterwerden, als er das Buch 2015 schrieb, war er immerhin schon 61. Es geht ihm darum, den unnötigen Stress aus dem Alltag herauszufiltern und den Herausforderungen des Lebens mit einem kühlen Kopf und einer großen Portion Besonnenheit zu begegnen. Müller beschreibt eindrucksvoll, wie die Berliner Lockerheit dabei hilft, den inneren Druck abzubauen. In einer Welt, die sich immer schneller dreht, bietet diese Stadt eine fast schon meditative Ruhe, wenn man weiß, wo man hinschauen muss. Und genau das ist der springende Punkt.
Man spürt beim Lesen förmlich die warme Berliner Luft, wenn der Autor uns gedanklich an den glitzernden Lietzensee und in die weiten Parkanlagen entführt, die wie grüne Oasen mitten im Großstadttrubel liegen. Berlin präsentiert sich hier als ein Raum der grenzenlosen Überraschungen. Das Motto „Leben und leben lassen“ nicht nur eine Floskel ist, sondern wird an jeder Straßenecke gelebt. Arm neben Reich, total Verrückt und den Anzugträger. Diese Atmosphäre der Freiheit wirkt ansteckend und macht sofort Lust darauf, selbst die Koffer zu packen, um sich in das Abenteuer zu stürzen. Es ist die Mischung aus kultureller Vielfalt und einer fast schon dörflichen Entspannung in den Außenbezirken, die Berlin so einzigartig macht. Hier findet man französische Lebensart direkt neben traditioneller Gemütlichkeit, und genau diese Mischung sorgt dafür, dass man sich als Besucher sofort willkommen und aufgehoben fühlt. Manche Stadtteile wirken auf ihn, wie das Jahr 1950. Alles mehr improvisiert, als Messing und Marmor Münchens.
Was diese Rezension so erfrischend macht, ist die Ehrlichkeit, mit der Müller auch über die kleinen Stolpersteine des Alters spricht. Er tut dies mit so viel Humor und Selbstironie, dass man gar nicht anders kann, als mit ihm zu schmunzeln. Er macht uns Mut, den Anschluss an die Gegenwart nicht zu verlieren und modernen Entwicklungen mit Offenheit zu begegnen, weil sie das Leben bereichern können. Das Buch erinnert uns daran, dass das Lachen die beste Medizin ist und dass man die Welt mit wachen Augen sehen muss, um die kleinen, witzigen Momente des Alltags nicht zu verpassen.
Am Ende ist dieses Werk weit mehr als eine Sammlung von Hundert Beobachtungen; es ist ein Plädoyer für die Lebensfreude. Wer sich auf Müllers Perspektive einlässt, entdeckt ein Berlin, das den Geist belebt und die Seele wärmt. Es ist die perfekte Lektüre für alle, die Lust auf eine Entdeckungsreise haben, die zeigt, dass das Leben in jedem Alter voller Überraschungen steckt, wenn man es nur mit der richtigen Einstellung angeht. Man klappt das Buch zu und möchte eigentlich nur noch eines: Raus in die Stadt, die Berliner Luft schnuppern und diese unnachahmliche Gelassenheit selbst erleben. Wer also noch einen Grund für einen Städtetrip gesucht hat – hier ist er. Berlin wartet mit offenen Armen und einer ordentlichen Portion Coolness auf Sie. Die Franzosen nennen es Laissez-faire.
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