Hurra, hurra, ein Hofnarr für den Bundestag!

Aus der Mitte des Bundestagspräsidiums kommt die überraschende Forderung, den Posten eines „Parlamentspoeten“ einzuführen. Doch bereits jetzt, ganz ohne offiziellen Hofnarren an ihrer Seite, gebärden sich die Mitglieder des Hohen Hauses oft wie im Kindergarten oder Komödiantenstadel. Dieser unerträgliche Zustand muss jetzt endlich korrigiert und optimiert werden. Einen optimistischen Ausblick lesen sie hier.

Die Fasenacht, auch Fasching genannt, beginnt erst in wenigen Wochen, doch jetzt bereits dringt weltbewegende Kunde ans Ohr des staunenden Volkes. Der Posten eines „Parlamentspoeten“ soll neu geschaffen werden, vermutlich im Rang eines Staatssekretärs samt Gefolge. Um diesem gleich die Schwierigkeit seiner Aufgabe vor Augen zu führen, gebe man ihm dies gleich mit auf den Weg:

Bevor du weißt, was Leben heißt,

ist die Hälfte weg zumeist.

Es müsste folglich jemand sein, der in langen Lebensjahren Weisheit erworben, nicht mehr auf die Gunst des Arbeitgebers angewiesen wäre und unkündbar sein müsste.

In früheren Zeiten war es an den Fürstenhöfen gute Tradition, sich einen Hofnarren zu „halten“. Diese Wortkünstler und Kritiker wurden landesweit gehandelt und transferiert wie heutzutage Profifußballspieler. Sie unterhielten nicht nur das eigene Fürstenhaus, sondern vor allem auch die seinetwegen angereisten Gäste. Die Not an spontanem Intellekt war in finsteren und ist in heutigen Zeiten groß. 

Produzierte sich ein Redner im Bundestag mit seinem Jahrhundertwissen, so wäre der richtige Zeitpunkt, seinen Überschwang zu stoppen. Jetzt hieße es für den demokratischen Hofnarren, sich spontan zu erheben, das Mikrofon zu ergreifen und verkünden:

„An ein Zitat von Alexander vom Humboldt muss an dieser Stelle erinnert werden:

Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist

die Weltanschauung der Leute, welche die

Welt nicht angeschaut haben.“

Während Höflinge, niedrigere Adelige und Gesinde es nicht einmal wagen durften ihre Fürsten zu kritisieren, konnte der Hofnarr seine Kommentare, die er in lustige Verse hüllte, unverblümt vortragen. Seine Kritik trug er deshalb komödiantisch vor, womit er offiziell nicht ernst genommen werden brauchte, aber durch die Blume den Hofstaat, Gesetze und Zeremonielles auf die Schippe nehmen konnte. Mithin war er Einmann-Opposition, die dadurch Bewegung in erstarrte Strukturen bringen konnte, ohne dabei den eigenen und gescheiten Kopf zu verlieren.

Brüstete sich ein MdB mit seinem angelesenen und lückenhaften „Sachverstand“, so könnte der Parlamentspoet ihn wieder auf den Boden zurückholen mit:

Mancher fällt aus dem Rahmen,

das war klar, dass heißt aber nicht,

dass er vorher im Bilde war.“

Dieser Ratschlag träfe gewisse Herrschaften ins Herz, die sich aufplustern wie ein Pfau, doch weit nicht so schön sind, höchstens nur gräulich schillernd wie bei Neumond.

Nun also auch im Deutschen Bundestag. Bravo möchte man ausrufen, denn so ein geistig anspruchsvolles Amt hat längst gefehlt. Ihm fiele die Aufgabe zu, Bundestagsreden aufs Korn zu nehmen, um Schmunzeln und lautes Lachen auszulösen. Auch diente er als unerschöpfliche Quelle für die Presse, deren Erzeugnisse dann endlich wieder passagenweise lesenswert würden.

Oft gar zu trocken hören sich die Reden an, kein Fünkchen Empathie fürs Wahlvolk scheint in die Runde. Warum nicht die Herrschaften mit einem Zitat von Hermann Hesse an ihre „Kundenfreundlichkeit“ erinnern:

Wenn wir einen Menschen glücklicher

und heiterer machen können,

so sollten wir es auf jeden Fall tun,

mag er uns darum bitten oder nicht.

Die Herren Parlamentarier erinnern sich gegenseitig nicht selten daran, man möge doch bitte bei der Wahrheit bleiben. Ja, dies mit der Wahrheit ist so eine spezielle Sache. Das monierte bereits Cicero. Dessen Zitat humorvoll umformuliert, könnte lauten:

Wer immer nur die Wahrheit spricht,
erblickt des Morgens nicht das Licht.

Sein spontanes Rederecht im Bundestag „ohne „Erlaubnis des Präsidenten“ ließe die Einschaltquoten auch bei Einschlafsendern wie Phoenix in die Höhe schießen. Die Abgeordneten gingen mit Elan und freudiger Erwartung von Geistesblitzen zur Arbeit, die blauen Sessel stünden nicht mehr leer und eine ungeahnte Lockerheit förderte die Gesetzgebungspraxis.

Abgeordnete und deren Referentenschar verfassen nicht selten Reden, so penibel formuliert, damit diese in die Geschichte des Parlaments eingingen, wie Ciceros Reden vor dem Senat zu Rom. Altmeister Goethe spendete hierbei Trost und Hunderttausende von Zuschauern staunten ob dieser gestiegenen Qualität im Hohen Hause, eingebracht vom Poeten:

Und wenn’s euch Ernst ist, was zu sagen,

Ists nötig, Worten nachzujagen?

Alle Reden, die so blinkend sind,

Sind vergänglich, wie der Nebelwind.

Mittels seines literarischen Wissens verschaffte sich der Parlamentspoet zusätzlichen 
Respekt, indem er punktgenau an Größen der Geschichte erinnerte, sollten die gegenseitigen Angriffe vor aller Augen, inklusive vor Phoenixkameras und YouTube, mal wieder überhandnehmen. Er erinnerte einfach an Viktor Hugo mit:

Der letzte Beweis von Größe liegt darin,

Kritik ohne Groll zu ertragen.

Und wird die einzig echte Opposition wieder mal angegriffen wie mit einem Kanonenhagel, dann zitierte er einfach George Bernhard Shaw:

Was wir brauchen, sind ein paar

verrückte Leute;

seht euch an, wohin uns die

Normalen gebracht haben.

Wie wir sehen, hätte der Herr Parlamentspoet ein blumiges Feld vor sich, dies zu beackern erforderte Kompetenz, die so unangreifbar sein müsste wie die seiner Herren Vorfahren, den weisen Hofnarren des Mittelalters.

2 Kommentare

  1. Vielleicht bewerbe ich mich auch. Hier eine Probe:

    „Der parlamentarische Volksbetrug

    Das Parlament ist die heilige Kuh
    und der Tempel der Plutokraten,
    hier können sie straflos Unrecht tun
    und Milliardensummen verbraten;
    hier können sie straflos leisten
    Hilfe zum Völkermord
    und können beliebig brechen
    dem Wähler gegebenes Wort.
    Die böse Mixtur aus Gangstertum
    und Mittelmaß, die sich dort wälzt
    in Unflat und Schmutz der eignen Schand’,
    ist, wie es heißt, „frei gewählt“.
    Noch üblere Gestalten zieh’n
    die Fäden im Hintergrunde,
    gedeckt von Presse und Justiz
    richten sie Deutschland zugrunde.
    „Dem Deutschen Volke“ steht draußen dran –
    ‚ist der Hals umzudreh’n‘, denkt man drinnen,
    doch wird, wer so denkt, das steht felsenfest,
    der Vergeltung des Volks nicht entrinnen!
    Das Schlepper- und Schachergesindel
    sich räkelt bequem auf den Sesseln
    der Parlamente im ganzen Land
    und schlägt unser Volk in Fesseln.
    Die Fesseln spürt nur, wer sich bewegt,
    doch hat dies Gesindel gewählt
    die Mehrheit des Volks, des’ Tage, glaub’ ich,
    wählt’s weiter so, sind gezählt!“

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