Jahresendgrüße von Meinrad Müller (71)

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Geht es dir auch so? Wieder neigt sich ein Jahr und wir denken zurück. Die Tage werden kürzer, die Nächte länger, und irgendwo tief drinnen fragt man sich leise: Wie viele solcher Jahre werden wohl noch kommen? War dieses Jahr eine Treppenstufe nach oben, zu mehr Menschlichkeit, zu mehr Gelassenheit, zu mehr Zufriedenheit? Oder ist es einfach nur vorbeigegangen wie ein langer Spaziergang, von dem man kaum erzählen kann? Und ich frage mich: Habe ich meine Leser unterhalten, informiert oder vielleicht sogar ein wenig amüsiert?

Man sagt oft, das Leben habe nur ein Frühlingserwachen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Es gibt jedoch auch eine zweite Blüte, später, ruhiger, wärmer, aber von einer Kraft, die die frühen Jahre nie haben konnten. Wenn die großen Stürme vorbei sind, öffnet sich etwas in uns, das tiefer wurzelt und länger duftet. Wie ein alter Apfelbaum, der nicht mehr viele Äste hat, aber Früchte trägt, die süßer sind als je zuvor. Und ehrlich gesagt, vor zwanzig Jahren hätte ich meine heutigen Kolumnen nicht schreiben können. Das Geschäftsleben war zu schnell, zu laut, zu dicht.

Viele glauben, mit siebzig oder achtzig gehe nur noch der Vorhang zu. Die Bühne werde dunkel, die Rollen verteilt, und man verbeugt sich ein letztes Mal. Doch genau dann öffnet sich oft eine ganz neue Bühne. Eine, auf der nicht mehr Tempo zählt, sondern Erfahrung. Auf der nicht die Lauten siegen, sondern die Weisen. Und die Reaktionen meiner Leser zeigen mir, dass meine Gedanken noch Funken schlagen und viele Herzen erreichen.

Louis Armstrong war über sechzig, als er „What a Wonderful World“ aufnahm. Seine Stimme war rau, ein wenig brüchig, gezeichnet von Jahrzehnten voller Musik und Leben. Aber genau deshalb berührte sie Millionen Menschen. Er sang von einfachen Dingen, die jeder kennt. Und weil er sie mit dem Gewicht eines langen Lebens sang, klangen sie wie konzentrierte Wahrheit.

Armstrong zeigte: Die späten Jahre sind kein langsames Auslaufen. Sie können ein Neubeginn sein. Ein leiser, aber kraftvoller Neubeginn. Einer, der das Kleine sieht und weitergibt an jene, die die Erfahrungen eines langen Lebens noch vor sich haben.

Wer älter wird, verliert nicht an Wert. Er gewinnt an Klarheit. Man erkennt, was das Herz nährt. Was bleibt und was verfliegt. Ein gutes Gespräch. Ein ehrlicher Rat. Ein freundliches Lächeln. Das sind die Spuren, die die Welt wirklich braucht.

Ein väterlicher Satz zur rechten Zeit kann ein ganzes Leben lenken. Eine ruhige Hand auf einer jungen Schulter kann mehr geben als viele Versicherungen zusammen. Kinder und Enkel suchen nicht den stärksten Menschen, sondern den warmherzigsten. Nicht den Allwissenden, sondern den, der zuhört. Das ist der Schatz der älteren Generation.

Einsamkeit im Alter ist kein unveränderliches Schicksal. Sie ist eine Tür, die man schließen oder langsam wieder öffnen kann. Wer sich traut, etwas von seiner Geschichte zu erzählen, der merkt schnell: Die Menschen warten. Sie sehnen sich nach jemandem, der Ruhe ausstrahlt und sagt: Ich habe das auch erlebt. Und es wurde gut.

Dieses vergangene Jahr, war es eine Stufe nach oben. Zu mehr Gelassenheit, zu mehr Güte, zu mehr von dem Menschen, der du sein kannst. Die späten Jahre beginnen nicht von vorn. Aber sie beginnen neu. Und das neue Jahr, das vor dir liegt, gehört denen, die es wagen.

Louis Armstrong hat es gewagt. Bis heute singt er von grünen Bäumen und weißen Wolken. Und Millionen spüren, dass er recht hatte. Die Welt ist immer noch wunderbar. Und du, ja genau du, bist immer noch ein Teil davon. Vielleicht sogar ein besonders wichtiger. Sehe deine Bedeutung!

What a wonderful world, auch 2026.

Ich wünsche euch allen ein gutes Neues Jahr in voller zweiter Blüte.

Weitere Texte für ruhige Stunden in stürmischen Zeiten: www.info333.de/p

Kommentare

Eine Antwort zu „Jahresendgrüße von Meinrad Müller (71)“

  1. Avatar von Sachlichkeit
    Sachlichkeit

    Spannend, man kann sich auch in einer Sekte wohlfühlen, oder den Weg finden, denn die Gegenwart ist immer das Ergebnis der Vergangenheit und die Grundlage für die Zukunft!

    Wenn man jedoch, staatlich bildungsnah diktiert, wahrnimmt, dass man Zahler seines Lebensunterhaltes, der Banken, des Staates und seiner Vorsorge ist, dann hat man die Grundlangen unseres Lebens nicht begriffen, nämlich das geniale Geldsystems.

    Weil den Menschen, weltweit die kognitiven Fähigkeiten fehlen, um das geniale Geldsystem, korrekt fernab der betreuten Bildung zu begreifen, hat die geistige Revolution, wie sie Henry Ford in den 1940er Jahren prophezeite, noch nicht stattgefunden.

    Der Mensch weiss demnach nicht, dass die Armut und Existenzkämpfe, weltweit von den Regierungen, verordnet werden, denn das Geld dazu fehlt nicht, es fehlt nur als grösste Waffe der Verstand, leider wird er nicht benutzt!

    In diesem Sinne, Worte müssen inhaltlich stimmen, denn nur dann können sie wirksam werden, einen besinnlichen Advent wünsche ich allen!

    Herzlichst: bupi.bender@gmail.com (man darf mich kontaktieren)

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