Leide ich am Negativitäts-Syndrom wie Millionen andere?

Eigentlich bin ich doch ein positiv denkender Mensch. Meine Texte legen die Finger in die Wunden. Sie entmutigen aber niemanden. Und doch ermüdet es mich und werde meiner Arbeit überdrüssig. Ich bin erschöpft.

Und gerade heute fällt mir hierzu ein Artikel in der Washington Post ins Auge.

Die Washington Post beschreibt, wie Negativität Menschen verändert. Was das mit mir macht, merke ich jeden Tag. Nicht theoretisch. Sondern ganz praktisch. Beim Lesen der Nachrichten. Und beim Nachdenken darüber, warum so viele Menschen erst spät politisch umdenken. Weil sie sich nicht trauen zu wagen. Karl Valentin formulierte es in seiner schelmischen Weisheit so: „Mögen hätt‘ ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.

In diesem Artikel der Washington Post geht es um Negativität generell, aber ich sauge jede einzelne Zeile ich mich hinein. Negativität sei nicht eine momentane Stimmung, sondern als Dauerzustand, die sich im Kopf festsetzt. Wie sie Entscheidungen verlangsamt. Wie sie Menschen vorsichtig macht.  Aber beim Lesen dachte ich nicht an Studien. Ich dachte an mich: bin ich schon infiziert?

Denn diese wummernde Negativität ist nichts Abstraktes. Sie ist nicht angeboren. Nicht deutsch. Nicht schicksalhaft. Sie wird uns übergestülpt. Jeden Tag. Durch Wiederholung. Durch Bilder. Durch Schlagzeilen. Durch das ständige Gefühl, dass irgendetwas aus dem Ruder läuft. Während uns gleichzeitig erklärt wird, alles sei unter Kontrolle. Die Wölfe seien entlaufen, aber das wäre in Ordnung.

Ich merke, was das mit mir macht. Es macht mich nicht wütend. Es macht mich nicht euphorisch. Es macht mich müde, ich resigniere. Und genau das ist der Punkt. Wie soll ich am Tag viermal 2500 Zeichen schreiben, wenn die Finger auf der Tastatur schwer liegen wie Blei?

Mit meinen Texten will ich Menschen anregen, nachzudenken. Doch Menschen ändern ihre politische Haltung schwer. So schwer wie ein Ozeandampfer seine Richtung.

Ich wurde in den letzten Jahren ruhiger. Nicht aus Faulheit, sondern aus Erschöpfung. Aus dem Gefühl: Ich habe genug gesehen und geschrieben. Genug Erklärungen und  Beschwichtigungen gehört. Genug Versprechen, die sich beim nächsten Nachrichtenzyklus wieder auflösen.

Wenn ich durch unsere Stadt, Berlin, gehe, brauche ich keine Statistik. Bahnhöfe und Fußgängerzonen reichen mir. Die Stadtbilder reichen. Die Stimmung reicht. Und immer begleitet von derselben medialen Tonlage. Problem. Einordnung. Relativierung. Nächster Vorfall. Gleiche Sprache. Gleiche Gesichter. Gleiche Beruhigung.

Und dann stellt sich eine unangenehme Frage. Geht es anderen Menschen auch so wie mir?

Wenn man ein ganzes Volk medial in einen Zustand dauernder Negativität versetzt, wird es dann nicht leichter steuerbar? Nicht weil es radikal wird. Sondern weil wir entscheidungsschwach werden. Weil wir müde werden. Weil ich mich nach Ordnung sehne. Nach jemandem, der sagt: Ich kümmere mich. Ich ziehe den dunklen, bedrohlichen Schleier weg.

Ich weiß nur, was es mit mir macht. Es macht mich nicht extrem. Es macht mich wach und müde zugleich. Und misstrauisch gegenüber all jenen, die mir erklären wollen, ich solle mich entspannen. Denn wer entspannt ist, fragt weniger. Wer müde ist, glaubt schneller. Und wer glaubt, lässt sich führen.

Wer schon so alt ist wie ich, in wenigen Tagen 72, der plant nicht mehr wie mit 40. So wie meine Kinder, Nichten und Neffen. Vielleicht soll das Negative auch die Jungen infizieren. Damit sie nicht mehr planen. Kein Haus. Keine Firma. Keine Karriere. Sondern nur noch überleben wollen.

Das Schlimme ist nicht ein plötzlich auftauchender negativer Moment. Sondern die Tatsache, dass wir uns an die Negativität gewöhnt haben. Dass sie zum Hintergrundrauschen wurde. Wie Verkehrslärm. Man hört ihn irgendwann nicht mehr. Aber er zermürbt trotzdem.

Ich komme mir manchmal vor wie die Maus im Milchtopf. Sie rudert aus Hoffnung und aus Notwendigkeit überleben zu wollen. Und irgendwann entsteht unter ihr etwas Festes. Butter. Eine kleine Insel, die Halt gibt.

So fühlt sich politische Orientierung heute an. Wir sind mit Abwehr beschäftigt. Deshalb fehlt mir heute die Kraft für das Große. Dazu müsste ich unbekümmert springen und jubeln können.

Jetzt einen doppelten Espresso. Um 03:50 Uhr.

Kommentare

3 Antworten zu „Leide ich am Negativitäts-Syndrom wie Millionen andere?“

  1. Avatar von Sachlichkeit
    Sachlichkeit

    Wer seine kritische Haltung als Negativismus empfindet, hat schon verloren. Was uns tagtäglich zugemutet wird, ist der Weg zum Ziel, nämlich die totalitäre Aufgabe des Seins!

    Ich werde nie müde, denn die Sektenmitarbeiter des korrupten Dreigestirns, Bildung, Justiz und Politik, dürfen nicht gewinnen.

    Dürften die Menschen das Geldsystem in seiner Entstehung und Auswirkung als Liquidität für den Leistungsaustausch korrekt erlernen, würden wir weltweit in einer radikal zum Positiven veränderten Gesellschaft-, Politik- und Wirtschaftsordnung leben. Auf alle Fälle würden wir nicht, wie praktiziert, als Sektenmitglieder der Sekte Macht dienen!

    Henry Ford, sei gegrüsst, denn seine geistige Revolutionsprophezeiung steht noch aus.

    Wer nicht weiss, wer er ist und für wen er dient, kann ich keinen gesunden Pessimismus entwickeln, denn er ist nie mündig, I. Kant!

    1. Avatar von DR.Faustus hat beschlossen und verkündet...

      Die Sachlichkeit wieder unterwegs,da freue ich mich aber 👍 Stimmt,was ich da immer lese,seeehr Sachlich und im höchsten Maße gut für Hirn und Geist.👍.Dem anderen Schreiber,er hat einiges erlebt und Beruflich was geleistet 👈 Darauf,meine Herren,ein Käffchen,nachts bei dreie rum…🙃 Bewusst so geschrieben.

      1. Avatar von Sachlichkeit
        Sachlichkeit

        Lieber Dr. Faustus

        Es ist nicht nur sachlich korrekt es ist die Wahrheit. Leider werden die Kommentare gelesen, jedoch nicht begriffen.

        Kurz und bündig, wer glaubt er bringe sein Geld, einerseits gegen Verzinsung auf die Bank, damit die Bank dieses Geld gegen höhere Verzinsung „ausleihen“ kann und andererseits „finanziere“ er den Staat und die Renten, der ist dem korrupten Dreigestirn Bildung, Justiz und Politik auf den Leim gekrochen, damit glaubt er auch der Medizin, dass die Symptome als Krankheit gelten und die lebenswichtigen Mikroben zu Erreger mutieren!

        Unser Rechtstaat ist eine Sekte, wir sind die Sektenmitglieder! Ganzheitlich verstanden, Henry Ford, lässt grüssen!

        Besinnliche Festtage und ein sorgenfreies 2026 wünsche ich allen!

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