Warum die Motten vom Licht angezogen werden – Roman in dreißig Anläufen

Paul Rebstein 2024

„Die Menschen wechseln weniger die Ideen, als die Ideen ihre Masken“ Nicola´s Gomez Da`vila

Warum werden Motten vom Licht angezogen? Paul Rebsteins neues Buch nimmt diese Frage zum Ausgangspunkt für eine ebenso skurrile wie tiefgründige Erkundung menschlicher Schicksale. Es ist das zweite Buch des Autors unter diesem Namen. Erschienen bei edition impress im kleinen Verlag Kidslife. 

Rebstein lebt in Zürich und ist der gebildeten Leserschaft in Deutschland wenig bekannt, was nicht heißt, dass er zu den vergessenen, verkannten und verfemten Schriftstellern zu zählen ist. 


Dieses Buch ist eigentlich eine Biografie des Autors, eine Erzählung, abgefasst in 30 kleineren und größeren Beschreibungen von Lebensereignissen, die von zahlreichen Brüchen und menschlichen Enttäuschungen gekennzeichnet sind und die am Ende eine optimistische eigene Bewältigung erfahren.  

Rebsteins Figuren jagen alle unerreichbaren Zielen nach, ohne dass sie selbst wissen, was sie eigentlich suchen. Kein Wunder, dass manche von ihnen auf der Strecke bleiben – ähnlich wie die Motten, die im nächtlichen Licht taumeln und sich dabei oft die Flügel verbrennen und abstürzen. Drei von Rebsteins Helden, Bruder und zwei langjährige Freunde, erleben ihr 40tes Lebensjahr nicht, werden vom Alkohol, durch Suizid und Aids dahingerafft. Neben Verwandten und Freunden begegnet man beim Lesen auch Schicksalen, die zufällig die Wege Rebsteins gekreuzt haben.  

Die Handlung findet in der bewegten Zeit zwischen 1975 und 1985, statt. Schonungslos, offen und direkt werden in sich abwechselnden Geschichten Ereignisse mit hoher Spannung beschrieben, wobei das Wechseln der Zeiten dabei nicht als störend empfunden wird.

Der Blick des Erzählers ist hauptsächlich auf die Existenz der Individuen gerichtet, die seinen Weg während der genannten Zeitspanne gekreuzt haben. Geschwister, Freunde, Freundin und Ehefrau, Nachbarn und die kleine Tochter. Das Leben hat sie früh auf die „Schattenseite des Lebens“ abgedrängt, oft finden sie nur ein karges Dasein am Rande der Gesellschaft, in jedem Fall bleiben sie „Nobodys“, nicht aber „Verlierer“ wie sie auf dem Buchdeckel genannt werden. Einen breiten Raum nehmen die Geschichten um und mit seiner Freundin Marianne, die er später heiraten wird, ein. Sie völlig dem Alkohol verfallen, versucht in mehreren Entziehungskuren den Boden unter den Füßen zu finden. Rebstein kann ihr selbst nur bedingt helfen, auch weil er selbst sich oft den Trinkgelagen der Freunde hingibt und beruflich nur unbefriedigende Anstellungen als Gelegenheitsarbeiter finden kann. Dennoch war wohl sein Rückzug auf das was er wirklich kann, der Beschäftigung mit Literatur und dem eigenen Schreiben ausschlaggebend.

Die geschilderten Exzesse verlangen vom Leser, wenn nicht Akzeptanz so doch immer wieder Durchhaltevermögen. Tragisches wechselt sich mit Depressivem ab. Dennoch lohnt es sich bei der Lektüre zu bleiben. Die Ehe scheint hoffnungslos und dennoch gelingt es Rebstein oder vielleicht auch Beiden, dass sie am Ende gut aus dem Elend herauskommen und ein Leben führen können das sie sich einmal gewünscht hatten.

In allen Geschichten zeigt sich im Verhalten der Protagonisten, dass sie ihre Sehnsucht nach Glück behalten und nie die Hoffnung aufgeben. Dennoch bleiben sie ohne Zukunft und ohne Chancen. Dies gilt für alle, ob sie nun verheiratet, geschieden, arbeitslos oder in einem ungeliebten Beruf beschäftigt sind. In den großen Meisterwerken der Literatur sind derartige Outlaws bereits beschrieben worden.  Rebstein knüpft an dieser Tradition an und beim Lesen erinnert man sich an Werke von Raymond Carver, Hubert Selby, Charles Bukowski und an die Helden von Jack Kerouac. 

Auch sind Rebsteins Kumpanen durch ihre Exzesse keineswegs der Verblödung verfallen. Beeindruckend sind die Schilderungen der Diskussionen mit Oliver Volk, dem längsten Freund Rebsteins der in seinen 60er Jahre auch sein Leben durch Suizid verlor, aber nie aufgab sich über Literaten wie Bodo Strauß oder Ernst Jünger und Denkern wie Carl Schmitt und Gomez Davila mit dem Autor austauschte. Der Autor zeigt damit, dass Gegenentwürfe zur Neuzeit in vielem auch für ihn lebensbestimmend waren und noch sind. Due Absicht dieser Besprechung ist die lesenswerten Geschichten einem größeren Leserkreis zugänglich zu machen.

Das Buch kostet € 14,90 und kann bei Edition ImPress im Kidslife Verlag bezogen werden.

Wer weiteres über Rebstein erfahren will und bei Facebook ist, kann sich unter Walter Graf (der echte Rebstein) über sein gesamtes Werk informieren. 


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