Wie drei schwule Männer von einer Wahrsagerin als Soldatenmörder enttarnt wurden

Der Soldatenmord von Lebach ging in mehrfacher Hinsicht in die Geschichte ein. Es war der 20. Januar 1969, heute vor 53 Jahren. Kurz vor drei Uhr nachts schlichen sich zwei bewaffnete Männer in ein Munitionsdepot der Bundeswehr in Landsweiler bei Lebach. Kaltblütig töteten sie drei der fünf diensthabenden Wachsoldaten im Schlaf, die anderen beiden wurden schwer verletzt. Einer von ihnen starb später im Krankenhaus. Somit hatten die zunächst unbekannten Täter vier Menschenleben auf dem Gewissen.

Die Bundeswehr und das Verteidigungsministerium standen im Kreuzfeuer der Kritik, denn die brutale Tat hatte gravierende Sicherheitsmängel aufgedeckt. Zur Beute zählten 1000 Schuss Gewehrmunition, 50 Schuss Pistolenmunition, zwei Pistolen Walther P1 und drei Schnellfeuergewehre vom Typ HK G3. Der Fall war für die Boulevardpresse zunächst klar, es mussten Terroristen der APO dahinterstecken, die sogenannte „RAF“ gab es damals noch nicht. Sie wurde erst 1970 „gegründet“.

Die Ermittlungen als Oberstaatsanwalt wurden vom dem später tatsächlich durch RAF-Terroristen ermordeten Siegfried Buback geleitet. Die Spuren deuteten jedoch in eine andere Richtung. Hinter der Bluttat steckten drei homosexuelle Männer aus Landau in der Pfalz. Sie planten mit den erbeuteten Waffen Erpressungen und wollten damit ein Luxusleben finanzieren. Insbesondere sollen sie vermögende Homosexuelle im Visier gehabt haben.

Der Fall kam in die ZDF-Sendung Aktenzeichen XY und die bekannte Wahrsagerin Madame Buchela gab den entscheidenden Tipp. Der Name „Dr. Sardo“, den die Erpresser in einem Telegramm verwendet hatten, kam ihr bekannt vor. Die Täter hatten einen Termin bei ihr gebucht, um sie auszuspionieren und dabei den gleichen Namen verwendet. Offenbar planten sie, die Wahrsagerin auszurauben, da sie viel Bargeld bei ihr vermuteten oder wollten an ihre Kundendatei kommen, weil darin viele Prominente und auch Politiker, wie Konrad Adenauer zu finden waren. Madame Buchela, die grundsätzlich vorsichtig war, hatte sich das Autokennzeichen notiert, mit dem die Männer identifiziert und festgenommen werden konnten. In einem Welt-Artikel zur Erinnerung an die Tat wird ihr Name mit keinem Wort erwähnt. Auf Queer empörte man sich zum 50. Jahrestag über die damalige „homophobe“ Berichterstattung in den Leitmedien und die Stimmung im Gerichtssaal. Zum Zeitpunkt der Tat war Homosexualität unter erwachsenen Männer noch verboten gewesen, der Prozess begann aber erst nach der Reform des Paragraphen 175 StGB. Hier soll auch das Hauptmotiv der Täter zu finden gewesen sein – der Verfolgung als Homosexuelle zu entkommen.

Etwas weniger aufgeregt erinnert die Saarbrücker Zeitung an die Nachwirkungen der Tat:

Nachträgliche juristische und medienpolitische Bedeutung bekam der Kriminalfall dadurch, dass ein 1972 vom ZDF produziertes zweiteiliges Dokumentarspiel von Autor Jürgen Neven-DuMont zum Lebach-Geschehen auf Ersuchen der Täter vom Bundesverfassungsgericht ein Sendeverbot auferlegt bekam, um so eine Resozialisierung der Verurteilten nicht zu verhindern. Seit diesem „Lebach-Urteil“ wurden in bundesdeutschen Medien Namen und Gesichter von Strafgefangenen meist anonymisiert. 

Die zwei Haupttäter wurden zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt, einer von ihnen kam nach 23 Jahren frei. Der dritte Beteiligte verbüßte wegen Mittäterschaft sechs Jahre.

Ein Kommentar

  1. Es galt damals die Wehrpflicht in einer ohnehin umstrittenen Armee. Franz-Josef Strauß einige Jahre zuvor: „Wer je wieder ein Gewehr in die Hand nimmt, dem soll der Arm abfallen.“ Der Fall Lebach erregte die gesamte bundesrepublikanische Öffentlichkeit für lange Zeit; darüber, was ein ruchloses Verbrechen ist waren sich alle einig, in einer noch weitgehend homogenen und funktionierenden Gesellschaft konnte sich ein jeder irgendwie mit den Opfern identifizieren. Lebach gehört zu den bundesrepublikanischen Traumata. – Ob heute eine solche Anteilnahme noch möglich wäre?

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