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Nationalrevolutionäre waren wir nie!

von Werner Olles.

Am 8. Dezember 2023 erschien auf Wir Selbst – Online ein Beitrag aus der Feder des Autors Florian Sander mit dem Titel „Die nationalrevolutionären Wurzeln der 68er – und was davon übrigblieb“. Normalerweise ist es relativ sinnlos sich an einer Debatte zu beteiligen, wenn bereits die Prämissen grundfalsch sind, wir sind jedoch angesichts dieses hoffentlich letzten Versuchs den durch und durch internationalistisch geprägten 68ern ein nationalistisches bzw. nationalrevolutionäres Mäntelchen umzuhängen, zu der Überzeugung gekommen, diesen Text nicht unkommentiert zu lassen. Es gab im SDS, der ja nun einmal der politische Kern der 68er war – alles andere kann man ruhigen Gewissens vernachlässigen – keine nationalrevolutionären Wurzeln, sieht man einmal von den Solitären Rudi Dutschke und Bernd Rabehl ab, zwei DDR-Abhauern und Funktionären des Berliner Verbandes, die in ihren theoretischen Gedankenspielen durchaus die Nation mitdachten, wenngleich auch nicht im originär nationalrevolutionären Sinne. Der Bundesvorstand in Frankfurt am Main, der die antiautoritäre und stärkste Fraktion vertrat, und erst recht die Bonner und Kölner SDS-Gruppen um Hannes Heer und ähnliche dubiose Figuren, die Dutschkes Ausschluß aus dem Verband forderten, und revisionistischen, antifaschistischen und DKP-nahen Überzeugungen anhingen, lehnten derlei Überlegungenvehement ab. Auch die sogenannten K-Gruppen bzw. ML-Parteien, übrigens allesamt mißratene Kinder des SDS, die zum Teil wie die KPD/ML „Für ein wiedervereinigtes sozialistisches Deutschland“ plädierten oder wie die Marxisten-Leninisten Deutschland (MLD), eine winzige Frankfurter Abspaltung der KPD/ML, zur Wahl der CSU aufriefen, waren alles andere als Nationalrevolutionäre, sondern agierten entsprechend ihren chinesischen oder albanischen Weisungsbefugten.

Als Mitglied des Frankfurter SDS hatte ich die zweifelhafte Ehre Bodyguard und Chauffeur des Bundesvorsitzenden K.D. Wolff zu sein, man darf mir also in aller Bescheidenheit zugestehen, eine gewisse Kenntnis der politischen Binnenverhältnisse des Verbands gehabt zu haben und keine Phantastereien zu verbreiten. Tatsächlich geht es jedoch längst nicht nur um eine völlig falsche Zuschreibung sogenannter „nationalrevolutionären Wurzeln“, es stimmt eigentlich so gut wie nichts, was Sander schreibt. So ist beispielsweise die völlig berechtigte und heute mehr denn je aktuelle Kritik von Jürgen Habermas am Parlamentarismus in einem bestimmten Zeitrahmen zu sehen, den der Autor leider nicht erwähnt. Es geht um die Jahre, in denen Habermas in Marburg Assistent von Professor Wolfgang Abendroth war, und wie dieser durchaus diskussionswürdige marxistische Analysen verfaßte, die sich auch heute noch sehen lassen können. Das änderte sich jedoch recht schnell, als Habermas an das Institut für Sozialpolitik der Johann-Wolfgang-Universität in Frankfurt wechselte, und ruck-zuck vom Marxisten zum Linksliberalen und schließlich zum Souffleur der sozialliberalen Bonner Koalition mutierte, dessen Schriften und Vorträge eine einzige Qual waren.

Eine regelrechte Unverschämtheit ist Sanders Charakterisierung der 1950er und frühen 1960er Jahre als „unpolitischste Phase der bundesrepublikanischen Geschichte, eine Phase des hemmungslosen, genießenden Konsums, des Auskosten des Wohlstands“. Einen derart blühenden Unsinn kann wohl nur jemand schreiben, der nicht den leisesten Hauch einer Ahnung von den damaligen Lebensverhältnissen hat. Tatsächlich war die unkritisch als „Wirtschaftswunder“ bezeichnete Rekonstruktionsperiode der kapitalistischen Verhältnisse nach 1945 geprägt von harter Arbeit (Wiederaufbau) und einem bescheidenem Wohlstand der Arbeiterklasse und des mittelständischen Kleinbürgertums. Die politischen Debatten jener Jahre zwischen Adorno und Gehlen, Kurt Schumacher (SPD), Thomas Dehler (FDP), Herbert Wehner (SPD), Carlo Schmid (SPD) auf der einen und Adenauer und Strauß (CDU/CSU) auf der anderen Seite waren im Vergleich zu dem Müll heutiger Altparteien-Politiker von einer Intellektualität und durchaus auch rabiaten Schärfe und Klarheit, die es so nie wieder gegeben hat. Wer sich als Historiker nicht an die sehr lebhaften Diskussionen über die Stalin-Note zur Neutralität und damit auch zur Wiedervereinigung („Die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk, der deutsche Staat aber bleiben bestehen“) allgemein über die Westbindung der BRD, die Wiederbewaffnung, die von Strauß geforderte atomare Aufrüstung der Bundeswehr, die Starfighter- und Spiegel-Affäre, den 17. Juni oder den Ungarn-Aufstand, um nur einige der relevantesten Themen zu nennen, erinnert, hat wohl irgendwie seinen Beruf verfehlt. Glücklicherweise blieben uns damals „Diskussionen“ über Gender-Gaga, LGTB-Perversionen oder unsere Heimat invadierende Vandalen mohammedanisch/orientalischer oder afrikanischer Herkunft erspart, da die aus Italien, Spanien, Griechenland, Kroatien oder Portugal stammenden Gastarbeiter in der Tat hart arbeiteten und ihren Lebensunterhalt auch ohne Familiennachzug ehrlich verdienten. Die heutige lebensbedrohliche Misere begann erst, als die BRD von ihrem Zwingherrn USA den unmißverständlichen Befehl bekam, wegen des Nato-Mitglieds Türkei auch völlig kulturfremde und integrationsunwillige Arbeitsmigranten aufzunehmen, wobei zu sagen ist, daß deren erste Generation sich trotz Sprachschwierigkeiten relativ normal verhielt. Von schwerkriminellen Familien-Clans und Parallelgesellschaften war die BRD damals noch weit entfernt.

Aber zurück zu den „nationalrevolutionären Wurzeln“. Der mißratene Versuch der sogenannten „Kanonischen Erklärung“ von Horst Mahler, Reinhold Oberlercher und leider auch meinem lieben Freund Günter Maschke im Nachhinein den SDS zum „Waffen-SDS“ umzuschmücken und nationalistische Tendenzen der 68er zu erfinden, war allein die Schnapsidee des ehemaligen Hamburger SDS-Funktionärs Oberlercher, der sich inzwischen selbst als „National-Marxist“ bezeichnete und des NS-Romantikers Horst Mahler. Gerne hätten die Herren noch einen vierten SDSler dabei gehabt, aber ich mußte ihnen eine Absage erteilen, nicht aus persönlichen Gründen – Horst Mahlers (Über)-Mut, zu dem ich mich nicht durchringen konnte, habe ich immer bewundert -, sondern weil mich der Text in keiner Weise überzeugte. Mein lieber Freund Maschkino gestand mir wenig später ziemlich kleinlaut, er habe den „Quatsch“ nur aus Solidarität mit Bernd Rabehl unterschrieben, um den es eigentlich in der „Kanonischen Erklärung“ ging. Die Reaktion einiger ehemaliger führender SDS-Funktionäre auf die KE unter dem Titel „Nationalisten waren wir nie!“ war also konzise und vollauf berechtigt. In der Tat hatten wir zwar große Sympathien für die diversen Nationalismen der Vietnamesen, Palästinenser, Kongolesen etc. aber eben nicht für die deutsche Nation.

Ebenso verwegen ist Sanders These, das US-amerikanische Spiegelbild der 68er und des SDS seien die Hippies gewesen. Deren hiesige Sympathisanten wie Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann, P.G. Hübsch etc. waren längst zu Recht aus dem Verband ausgeschlossen worden. Ganz im Gegenteil wurde das Flower-Power-Gedöns der zugekifften Hippies von uns als „objektiv schädlich und konterrevolutionär“ für die Weltrevolution angesehen. Wir solidarisierten uns hingegen theoretisch und praktisch mit dem amerikanischen SDS (Students for a Social Democracy), deren militanter Fraktion der „Weathermen“ und der quasi terroristischen und rassistischen „Black Panther Party“.

Dies alles nicht zur Kenntnis zu nehmen, beziehungsweise absolut keine Ahnung davon zu haben, sollte einen Publizisten eigentlich dazu bewegen, seine Klappe zu halten, doch leider sind wir von den jüngeren „wissenschaftlichen Experten“ der „Neuen Rechten“ inzwischen so Einiges gewohnt. So mußtesie in ihrer Aufarbeitung der Nachkriegsgeschichte immer wieder hinter das theoretische Niveau der „Dialektik der Aufklärung“ zurückfallen, geschweige denn, daß sie jemals darüber hinaus gekommen ist. Inzwischen ist sie unter allem Niveau angelangt, statt Katastrophe und Zusammenbruch also Entwarnung und „Entdramatisierung“. Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff: keine Angst, keine Angst Rosmarie. Es ist dies eine neue Subjektivität, mit der sie liebäugelt, als Chimäre einer kritiklosen Kritik oder kritischen Kritiklosigkeit. 

Nicht bestritten werden soll, daß es auch zwischen SDS-Funktionären und Nationalisten persönliche Bande gab. Ich denke da beispielsweise an die Freundschaft zwischen dem Frankfurter SDS-„Chefideologen“ Hans-Jürgen Krahl und dem NPD-Funktionär Hans-Michael Fiedler. Beide waren im niedersächsischen Alfeld Schulkameraden gewesen, Krahl hatte eine Odyssee durch die verschiedensten Organisationsformen der alten Rechten hinter sich, war 1962 Chefredakteur der von Fiedler gegründeten national-monarchistischen Zeitschrift „Missus“, ehe er 1964 zum SDS wechselte und verleugnete seine Vergangenheit nie. Wenn man das Politische als „schwarzes Loch“ erkannt hat, sind derartige menschliche Bindungen ein Lichtblick im Dunkel der Zeit. Dennoch: Wenngleich einige von uns sich von ihren linken Lebenslügen Gott sei Dank befreien konnten, um zu Nationalrevolutionären, Konservativen Revolutionären, Reaktionären, Nationalkonservativen oder Libertären zu werden, nur um später erkennen zu müssen, daß die radikale Rechte, die sie sich erträumt hatten, nicht existiert, sollte man einfach bei der Wahrheit bleiben: Nationalrevolutionäre waren wir 68er nie!



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Kommentare

  1. Es ist immer wi der aufs Neue erhellend Analysen, Berichte und Kommentare eines alten erfahrenen Zeitzeugen wie Werner Olles zum wirklichen Geschehen zu hören. Ich 12 Jahre jünger erlebe es war immer mit großer Begeisterung wenn dadurch derartige Verdrehungen wie die von Florian Sander richtig gestellt werden. Aufgrund seiner Jugend sei ihm dabei einiges nach zu sehen, als politischer Mandatsträger kann man aber erwarten, dass er sich auch zum Zeitgeschehen der Vergangenheit besser informiert. Mit persönlicher Besserwisserei ist es nicht getan. Auch kommt bei mir Verwunderung auf, dass sich ein Magazin wie „Wir selbst“ für derartige Ergüsse hergibt?, da es ja in Zeiten verbreiteterer Nationalrevolutionäre Aktivitäten entstanden ist und es besser wissen müsste. Leider ist davon nicht mehr viel übrig geblieben. Dies ist zu bedauern wohl aber nicht zu verändern.

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  2. Präsident Milei in Argentinien.
    Dieser libertäre Präsident will die Demokratie und den Parlamentarismus abschaffen. Alles für seine libertäre Ideologie.
    https://www.n-tv.de/politik/Milei-will-Kongress-fuer-mindestens-zwei-Jahre-entmachten-article24647804.html

    Ich bin immer noch ratlos und entsetzt, weil Trump und Musk diesen libetären Präsidenten von Argentinien Milei in den höchsten Tönen gelobt haben. Musk hatte vor ein paar Tagen erneut diesen Schwachmatten gelobt.

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