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Als Medizinstudent erlebt man ein ständiges Wechselbad der Gefühle. Bei manchen Erkrankungen, die im Laufe des Studiums an einem vorüberziehen braucht man schon ein ziemlich stabiles Nervenkostüm. Dabei erwischt es die Medizineleven, je nach persönlicher Webart, ganz unterschiedlich. Einige durchleiden im Laufe des Studiums so ziemlich jede Krankheit, die zu studieren sie angehalten werden, andere geraten ins Grübeln angesichts der Tatsache, daß ihre Professoren auf politischen Befehl in den Talkshows genau das Gegenteil von dem erzählen, was sie im Hörsaal lehren. Wieder anderen kommt beim Studium mancher Krankheitsbilder nicht selten die Galle, manchmal auch das ganze Mensaessen hoch.

Letzteres geschah mir, und zwar an dem Tag, an dem Gastroenterologie, genauer gesagt, als die symbiotischen Bewohner des menschlichen Darms dran waren, genauer gesagt, die Bandwürmer. Das sind Bewohner des menschlichen Verdauungstrakts, welche sich im wohlig warmen und nährstoffreichen Milieu des menschlichen Darms auf Kosten des Wirts, also des Patienten, ernähren. 

Nun ist, wie wir in den letzten Jahren der bundesrepublikanischen Politik eindrucksvoll vor Augen geführt bekommen haben, des einen Uhl des anderen Nachtigall. Und zwar solange – ein staunendes Premierenpublikum erlebt es gerade im Schmierentheater des Friedrich Merz – bis der Wirt gar nicht mehr so viel beischaffen kann, wie der Schmarotzer verzehrt. 

Deshalb verursachten beim Studium dieses Krankheitsbildes auch nicht so sehr die Schilderung der Bandwurm-Erkrankung an sich als vielmehr die Parallelen zum alltäglichen menschlichen Leben  kaum zu unterdrückenden Ekel, einhergehend mit Drehschwindel, Übelkeit und linksseitigen Ohrgeräuschen.

Genau so erging es mir wieder vor einigen Tagen:

Da hatte ich nämlich einen Traum über dessen Bedeutung ich mir bis heute nicht so recht klar werden kann. 

Das ganze spielte sich so ab:

Es war einmal eine Bandwurmfamilie, bestehend aus der Mutter,  drei Vätern,  den beiden Kindern Dirk und Thomas und einem Onkel, unbekannter Herkunft, dem schwarzen – na ja – Schaf kann man hier ja schlecht sagen – der Familie über den man geflissentlich hinweg sah, da er an allem und jedem etwas auszusetzen hatte und alle anderen, wenn er wie so oft nichts zu tun hatte, gegeneinander aufbrachte. Gemäß dem bei Bandwürmern herrschenden Matriarchat war Mutter Marie das unbestrittene Oberhaupt der Familie. Wegen ihres geölten Mundwerks, ihrer schönen Handschrift sowie des Fehlens jeglicher sonstiger Qualifikationen hatte sie es übrigens bis zur Sprecherin der ganzen übrigen Bandwurmkolonie gebracht. 

Alle fühlten sich da, wo sich Bandwürmer normalerweise aufhalten, nicht nur pudel -sondern nachgerade bandwurmwohl. Unbehelligt und in wohliger Wärme ernährten sie sich  von der Nahrung, welche ihr menschlicher Wirt zu sich nahm. Der wurde zwar immer magerer, sie selber, also die Bandwurmfamilie, aber immer dicker und fetter. Das hätte, wen wunderts, ein ganzes Bandwurmleben so weitergehen können. 

Nun aber ergab es sich eines Tage, daß sich der menschliche Wirt  an einer veganen Weißwurst den Magen verdorben hatte, 

daraufhin ein menschliches Rühren verspürte –  und flugs fand sich die ganze Bandwurmfamilie, übrigens zum ersten Mal in ihrem Bandwurmleben, im Freien wieder. 

Und – was soll ich Ihnen sagen – sie konnte ihres Erstaunens über die Welt da draußen kaum Herr werden! 

Da war Licht, da war Luft und eine Weite wie es  sich unsere Bandwurmfamilie in ihrem ganzen Bandwurmleben nicht hatte träumen lassen. Und da gab  es  ja noch so viele andere Lebewesen, die durchaus nicht feindlich gesinnt, sogar bereit waren, unserer eben eingetroffenen Bandwurmfamilie ebenfalls einen Platz an der Sonne einzuräumen. Freilich nicht ohne auch ein wenig Toleranz und tätiges Mithelfen von seiten der  Neuhinzugekommenen einzufordern. Ja eigentlich suchten sie sogar das Gespräch mit den vormaligen Darmbewohnern um ihnen den Einstieg ins wirkliche Leben da draußen ein wenig zu erleichtern. Nach anfänglichem Zögern fand sich schließlich  die engere Bandwurmfamilie durchaus bereit, die  fremden und so gänzlich anders gearteten neuen Zeitgenossen der Außenwelt wenigstens zur Kenntnis zu nehmen. Den kleinen Bandwurmkindern fiel es gar noch leichter, die von den Erwachsenen aufgerichtete  Gesprächsmauer zu ihren gleichaltrigen Zeitgenossen zu überwinden. Und Marie, Mutter, Familienoberhaupt und Bandwurmsprecherin, schaffte es sogar, Repräsentanten der Außenwelt nach einigen Tagen im Schutze der Dunkelheit zu einem kleinen abendlichen Plausch einzuladen. Nur der oben erwähnte Bandwurmonkel , wir wollen ihn Egon nennen, von Hause aus ein eher scheuer um nicht zu sagen eigenbrötlerischer Vertreter seiner Bandwurmart, betrachtete das ganze mit Argwohn. Mit  gezielten und unbestreitbar böswilligen,  gänzlich aus der Luft gegriffenen Gerüchten gelang es ihm langsam aber sicher, Ehre und Lauterkeit nicht nur einzelner sondern bequemlichkeitshalber  der Gesamtheit der Außenbewohner in ein schlechtes Licht zu rücken. 

Ständig lag er Marie in den Bandwurmohren: Die Ehre und das Wohlergehen der gesamten Wurmgattung stünde auf dem Spiel:  wenn schon Untergang, dann gefälligst alle gemeinsam. Außerdem ginge es in der Außenwelt da draußen zu wie im wirklichen Leben: dort müsse man für seinen Lebensunterhalt arbeiten, der Wirklichkeit ins Gesicht sehen  statt sich im Schutze des Wirts bequem von dessen Nahrung zu ernähren. Kalt und windig sei es dort draußen zuweilen statt wohlig und warm wie im menschlichen Wirtsgedärm. Nichts als böse Absichten hegten die Außenbewohner und Gespräche mit den Bandwürmern führten sie um ihnen das Bandwurmdasein zu verleiden und sie ihrem Wirt abspenstig zu machen. Wenn die Kontaktaufnahme zu diesen Außenlebewesen nicht sofort aufhöre, verlasse er, Onkel Egon, den Darm, die Familie und das Land!

Und um seinen üblen Reden Nachdruck und Beweiskraft zu verleihen, begann er, aus den bei seiner weißwurstgeschuldeten Reise in die Außenwelt mitgeführten Materialien eine Mauer aufzurichten, der weder Flut noch Brand etwas anhaben sollten. 

Den auf der anderen Seite dieser im wahrsten Sinne des Wortes anrüchigen Brandmauer zusehenden Bewohnern der Außenwelt blieb nichts anderes übrig als achselzuckend wieder ihrem Tagwerk nachzugehen und Bandwurm Bandwurm sein zu lassen. 

Da sich unsere Bandwurmfamilie durch ihr Werk, die Brandmauer, aber nicht nur von der Außenwelt sondern auch von der dringend nötigen Versorgung abgeschnitten hatte, blieb ihr wegen der zur Neige gehenden Vorräte  nichts anderes übrig als schließlich wieder dorthin zurück zu kriechen woher sie gekommen waren: Zuerst Marie, Mutter, Oberhaupt und Verbandssprecherin, dann die Kinder nebst den zahlreichen Vätern. Den Schluß bildete Onkel Egon, der die Tür hinter sich abschloß, auf daß niemals wieder ein Familienverbandsmitglied durch das Leben draußen verunsichert und gefährdet würde. 

Posthum wurde übrigens  ihm, und weil noch ein wenig buntes Blech übrig war, auch  den übrigen Mitgliedern der Bandwurmfamilie vom Bandwurmpräsidenten ein Orden verliehen. 

Der Orden trägt übrigens einen Namen, dessen zweiter Teil das Wort “Kriecher“ ist.  Und dort im Wirtsgedärm, der Ort wird gemeinhin durch das erste Wort des vorgenannten Ordens bezeichnet, lebten sie noch bis zum Frühjahr des kommenden Jahres, solange bis eines Tages der menschliche Wirt, von dem sie so lange so bequem gelebt hatten, wegen allgemeiner Auszehrung das Zeitliche segnete und von den vormals so geschmähten Bewohnern der Außenwelt mitsamt seiner schmarotzenden Bandwurmmitbewohner entsorgt wurde.

Tja, liebe Zuhörer, das also war der Traum, den ich Ihnen unbedingt erzählen wollte. 

Wie gesagt: Vielleicht können Sie mir bei der Deutung meines Traums ein wenig helfen. Und vielleicht erraten Sie auch den vollständigen Namen des Ordens, den der Wurm-Präsident unserer Bandwurmfamilie verliehen hatte. Ich jedenfalls bedanke mich bereits im voraus bei Ihnen und wünsche Ihnen …

Ach da fällt mir gerade ein, was ich Sie schon lange einmal fragen wollte: 

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