Thomas Mann müsste heute nicht lange suchen. Er würde kein einziges Kapitel für einen neuen Felix Krull planen. Er müsste nur ins Kanzleramt schauen. Dort sitzt ein Kulturstaatsminister, Wolfram Weimer, der jahrelang mit einem glänzenden Lebenslauf unterwegs war. Bestes Abitur Hessens, große Medienreichweite, ein Magazin voller angeblicher Autoren, von denen später einige sagten, sie hätten nie eine Zeile für ihn geschrieben. Da erinnert vieles eher an Zierde als an Substanz.
Im Bundestag bekam die Sache ihren besonderen Reiz. Dr. Frömming trat ans Pult und stellte fest, dass der Minister nicht anwesend ist und gerade heute ausgerechnet im Ältestenrat sitzt. Ein Gremium, das er sonst kaum besucht. Es wirkte wie ein Schüler, der kurz vor Schluss versucht, sein Klassenbuch zu retten. Genau in diesem Moment erinnern wir uns an Thomas Manns Roman „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Krulls Charme, das Ausweichen, das Lächeln, das sagt, alles sei doch gar nicht so schlimm. Und plötzlich denkt man, dass Thomas Mann diese Szene mit Vergnügen in sein Manuskript geschrieben hätte.
Dann kam Frömmings Liste der Vorwürfe. Plagiate. Übernommene Reden, die als Gastbeiträge ausgegeben wurden. Partnerschaften, die auf dem Papier standen, aber mit den Partnern selbst kaum etwas zu tun hatten. Ein Finanzinstitut, das als Mobilitätspartner geführt wurde, obwohl es nicht einmal ein Auto besitzt. Und mitten hinein die Sache mit den zugeschriebenen Autoren, die sich später wunderten, wie ihr Name überhaupt in diese Mediengruppe geraten ist. Das alles hat den Ton einer Bühne, deren Kulissen bei leichtem Klopfen bereits hohl klingen.
Und dann meldete sich die FAZ. Ein Blatt, in dem Weimer früher selbst geschrieben hat. Dort stand nun die Überschrift „Windbeutel Weimer“. Wenn so ein Wort fällt, dann sind alle höflichen Schleifen vorbei. Der Glanz schrumpft auf Teelichtgröße. Und die Regierung steht daneben und tut so, als hätte sie den Rauch nicht bemerkt. Doch wer jemanden im Amt lässt, der öffentlich so beschrieben wird, verliert automatisch selbst an Haltung.
Am Ende bleibt eine einfache Frage, die jeder versteht. Warum entlässt der Kanzler ihn nicht. Warum hält man an einem Mann fest, dessen Maske längst Risse hat. Thomas Mann hätte es klar formuliert. Ein Hochstapler funktioniert nur, solange niemand genau hinschaut. Aber in diesem Fall schaut inzwischen ein halbes Land sehr genau hin.
Heute hat der Bundestag den Antrag der AfD auf Weimers Entlassung abgelehnt. Damit bleibt das verglimmende Teelicht im Amt. Die Regierung trägt den Schaden nun mit. Und das Schandmal wächst, je länger sie es dort stehen lässt.
Während jeder Falschparker mit der Härte des Gesetzes belangt werden kann, gelten hier Ausnahmen, welche Gerechtigkeit neu definieren.
Gilt weiterhin „Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen“?

