Von Klaus Neumann | Während sich die EU verzweifelt nach Alternativen zu russischem Gas umsieht, wird ein Land plötzlich als „Rettungsanker“ ins Rampenlicht gestellt: Aserbaidschan. Brüssel verspricht sich sichere Lieferungen, stabile Partnerschaft, verlässliche Mengen. Doch wer genauer hinschaut, erkennt schnell: Das ist mehr Hoffnung als Realität.
Offiziell will Aserbaidschan die Gaslieferungen an Europa deutlich ausweiten. Doch die nackten Zahlen sprechen eine andere Sprache: Die Förderkapazitäten des Landes reichen kaum aus, um den europäischen Bedarf merklich zu decken. Selbst wenn die Pipelines am Limit laufen, ist klar – Baku kann und wird Moskau nicht ersetzen.
Das führt zu einer entscheidenden Frage: Wenn das aserbaidschanische Gas nicht reicht – woher kommt der Rest? Die Antwort ist unangenehm für Brüssel: über Drittländer, über Umwege, oft über Quellen, die alles andere als sauber sind. Zentral in diesem Spiel ist die Türkei. Sie kontrolliert wichtige Transitstrecken und Pipelines, ohne die aserbaidschanisches Gas Europa gar nicht erreichen würde. Ankara weiß um diese strategische Macht – und nutzt sie. Wer glaubt, die Türkei werde im Notfall einfach und günstig liefern, verkennt die geopolitische Realität: Jeder Kubikmeter Gas kann in Ankara zum politischen Faustpfand werden.
Noch brisanter ist die geopolitische Position Bakus. Vor Kurzem gewährte Aserbaidschan dem Iran Überflugrechte – ein Schritt, der in westlichen Hauptstädten für Stirnrunzeln sorgte. Während Europa über neue Sanktionsrunden gegen Teheran diskutiert, öffnet der angebliche „Partner“ Aserbaidschan dem Mullah-Regime buchstäblich den Himmel. Das wirft Fragen auf: Wie verlässlich ist ein Land, das sich offen zwischen die Stühle setzt – und im Zweifel eher eigene regionale Machtspiele verfolgt als europäische Interessen? Die Abhängigkeit von einem so kleinen und politisch wankelmütigen Lieferanten wie Aserbaidschan ist kein Sicherheitsnetz – sie ist ein Drahtseilakt ohne Sicherung. Im Krisenfall könnte der Gasfluss über Nacht versiegen – sei es durch innenpolitische Spannungen, internationale Konflikte oder schlicht durch Ausverkauf an besser zahlende Abnehmer.
Die EU spielt hier ein gefährliches Spiel: Sie ersetzt eine problematische Abhängigkeit (Russland) durch eine neue, kaum berechenbare – und verschließt dabei die Augen vor den offensichtlichen Risiken. Aserbaidschan mag kurzfristig als politisch bequemer Partner erscheinen, doch die Realität sieht anders aus: begrenzte Ressourcen, strategische Abhängigkeit von der Türkei, Nähe zu Iran, eigene Machtinteressen. Wer ernsthaft Energie-Souveränität will, muss weiterdenken – und darf sich nicht in die Hände eines Partners begeben, der im Ernstfall vielleicht nicht liefert. Europa sollte aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben. Bisher sieht es nicht so aus.


