Die Situation syrischer Christen in Deutschland gibt zunehmend Anlass zu großer Sorge. Eine aktuelle Antwort des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) auf eine Anfrage des Assyrischen Kulturvereins Saarlouis e. V. und der Assyrischen Autonomie Bewegung e. V. Deutschland offenbart Zahlen, die aus Sicht der beiden Organisationen eine dringende politische und humanitäre Auseinandersetzung erfordern.
Zum Stichtag 31. Oktober 2026 waren bundesweit noch 523 Asylverfahren syrischer Christen beim BAMF anhängig. Davon entfallen 24 Verfahren auf das Saarland.
Besonders kritisch bewerten die Organisationen die Zahl der bereits getroffenen Entscheidungen: Zwischen dem 1. Januar und dem 31. Oktober 2026 wurden bundesweit 981 Entscheidungen über Asylanträge syrischer Christen registriert. In 681 Fällen wurden die Anträge als unbegründet abgelehnt, in weiteren 17 Fällen als offensichtlich unbegründet.
Im gleichen Zeitraum erhielten lediglich vier Personen eine Asylberechtigung nach Artikel 16a des Grundgesetzes, 25 den Flüchtlingsschutz und 15 subsidiären Schutz. In weiteren 126 Fällen wurde ein Abschiebungsverbot festgestellt.
Das Saarland: 24 Christen warten weiterhin auf eine Entscheidung
Besonders besorgniserregend ist die Situation im Saarland. Von den 21 zwischen Januar und Oktober 2026 registrierten Entscheidungen über Asylanträge syrischer Christen entfielen 15 auf einfache Ablehnungen. Zwei Personen erhielten subsidiären Schutz, in einem Fall wurde ein Abschiebungsverbot festgestellt. Drei weitere Verfahren wurden auf sonstige Weise abgeschlossen.
Keine der 21 Entscheidungen führte zur Anerkennung als Asylberechtigter oder zur Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft.
Zusätzlich weist die BAMF-Antwort für das Saarland 24 weiterhin anhängige Verfahren syrischer Christen aus. Damit bleibt die Unsicherheit für zahlreiche Menschen bestehen.
Für uns stellt sich deshalb eine grundlegende Frage: Wie kann die Sicherheit eines Landes pauschal beurteilt werden, wenn religiöse Minderheiten dort weiterhin mit Bedrohungen, Einschüchterung, Entführungen und islamistischer Gewalt konfrontiert sind?
Eine politische Neubewertung darf nicht an der Lebenswirklichkeit vorbeigehen
Der Machtwechsel in Damaskus hat die Situation in Syrien grundlegend verändert. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch ableiten, dass das Land für alle Bevölkerungsgruppen sicher geworden ist.
Gerade Christen, insbesondere die historische assyrische Bevölkerung Syriens, befinden sich in einer besonderen Schutzsituation. Kirchen und christliche Einrichtungen wurden angegriffen. Menschen werden aufgrund ihres Glaubens bedroht. Islamistische Strukturen und religiöser Druck prägen weiterhin das Leben vieler christlicher Gemeinschaften.
Die Anschläge auf christliche Einrichtungen, die Gewalt gegen Gläubige und die zunehmende Verunsicherung christlicher Familien dürfen bei asylrechtlichen Entscheidungen nicht ausgeblendet werden.
Eine allgemeine Verbesserung der Sicherheitslage ist nicht gleichbedeutend mit individueller Sicherheit. Entscheidend muss sein, ob ein Mensch aufgrund seiner Religion, seiner Herkunft, seiner persönlichen Geschichte und seiner konkreten Gefährdung tatsächlich sicher zurückkehren kann.
Unsere Forderungen an die Bundesregierung und das Saarland
Der Assyrische Kulturverein Saarlouis e. V. und die Assyrische Autonomie Bewegung e. V. Deutschland fordern:
- einen sofortigen Abschiebestopp für syrische Christen, solange ihre Sicherheit und der wirksame Schutz ihrer religiösen Freiheit nicht gewährleistet sind;
- eine erneute und sorgfältige Überprüfung bereits ergangener BAMF-Ablehnungen unter Berücksichtigung der besonderen Gefährdung christlicher und assyrischer Minderheiten;
- eine individuelle Prüfung jedes einzelnen Falls, statt die allgemeine politische Entwicklung in Syrien als ausreichenden Beleg für die Sicherheit aller Rückkehrenden zu betrachten;
- eine klare politische Stellungnahme der saarländischen Landesregierung und insbesondere des Innenministeriums zur Situation syrischer Christen im Saarland;
- eine stärkere Berücksichtigung der Einschätzungen kirchlicher Vertreter, Menschenrechtsorganisationen und internationaler Beobachter zur Lage religiöser Minderheiten in Syrien.
Wir haben uns mit unseren Sorgen und konkreten Fragen bereits an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gewandt. Die nun vorliegende Antwort zeigt, dass unsere Befürchtungen nicht unbegründet sind.
Schweigen ist keine Antwort auf eine humanitäre Frage
Besonders enttäuschend ist für uns, dass unsere wiederholten Bemühungen um einen politischen Austausch im Saarland bislang nicht zu einer angemessenen Reaktion geführt haben.
Wir erwarten von einer Landesregierung, dass sie sich mit der Situation einer besonders gefährdeten religiösen Minderheit auseinandersetzt. Es geht hier nicht um Parteipolitik und nicht um eine allgemeine migrationspolitische Debatte. Es geht um Menschen, die vor Verfolgung geflohen sind und nun befürchten müssen, in ein Land zurückkehren zu müssen, in dem sie erneut bedroht werden könnten.
Wir betonen ausdrücklich: Straftäter und tatsächliche Gefährder müssen nach rechtsstaatlichen Maßstäben zur Verantwortung gezogen werden. Aber Menschen, die selbst vor islamistischer Gewalt geflohen sind, dürfen nicht mit ihren Verfolgern gleichgesetzt werden.
Syrien ist nicht für alle sicher. Und solange die Sicherheit syrischer Christen nicht gewährleistet ist, darf ihre Abschiebung keine politische Normalität werden.
Unsere Forderung ist deshalb eindeutig: Schutz statt Rückführung, individuelle Prüfung statt pauschaler Sicherheitsannahmen und politische Verantwortung statt Schweigen.
Gastbeitrag des Assyrischen Kulturvereins Saarlouis e. V. und der Assyrischen Autonomie Bewegung e. V. Deutschland. Verantwortlich: Charli Kanoun und Majed Bahi. Die Überschrift wurde redaktionell angepasst.


