Alfred Matzlaff ist 71. Er hat 46 Jahre gearbeitet, zuerst als Automechaniker, dann als Busfahrer in Berlin. Schichten, Dienstpläne, Verspätungen, Werkstatt. Ein Beruf, den er gerne hatte, sagt er. Für Alfred war es Arbeit wie für Millionen andere Menschen auch. Vielleicht kennen Sie auch einen Alfred?
Seit vier Jahren ist mein Vereinskamerad Rentner. Brutto 1.386 Euro, netto 1.218. Das ist die Summe, mit der er seine 39-Quadratmeter-Wohnung bezahlt: 590 Euro Kaltmiete, 150 Euro Nebenkosten, 50 Euro Strom, 39 Euro Internet und Handy. Am Monatsanfang verschwinden 839 Euro sofort. Es bleiben 389 Euro für alles, was im Leben sonst anfällt. 13 Euro pro Tag.
Alfred kauft günstig. Meist Eigenmarken. 200 Gramm Fleisch gibt es sonntags. Obst, wenn es reduziert ist. Manche Sachen stellt er zurück, wenn der Preis zu hoch ist. Das erzählt er ohne Klage, eher wie jemand, der gelernt hat, damit auszukommen. Seine Brille ist alt und hat einen Sprung. Eine neue kostet fast 400 Euro, was für ihn einfach nicht machbar ist. Zum Sozialamt will er aber nicht.
Im Winter heizt er wenig. Rund 18 Grad. Zwei Pullover, fertig. Urlaub gibt es nicht. Der letzte war 2011. Heute fährt er einmal im Monat nach Heidelberg, um die Enkel zu sehen. Dafür braucht er die Deutschlandkarte für 58 Euro monatlich. Das ist sein einziger Luxus, denn sonst käme er nicht zu seiner Tochter. Die Enkel bekommen zu Weihnachten und Geburtstag je 20 Euro. Das kann er sich vom Munde absparen. Er sagt selbst, dass es ihm unangenehm ist, aber ändern kann er es nicht.
Wenn die Waschmaschine streikt oder der Kühlschrank Probleme macht, wird es ernst. Dann muss er sich Geld leihen oder zur Tafel gehen. Das ist kein Ausnahmefall, sondern die Realität vieler Rentner, die Jahrzehnte gearbeitet haben und trotzdem am Monatsende bei Null stehen. Im besten Deutschland, das wir je hatten. Das sagte Steinmeier mit 22.000 brutto.
Alfred hat nie über Politik nachgedacht. Er hat gearbeitet, Überstunden gemacht, wenn jemand ausgefallen ist. Heute sitzt er am 27. des Monats oft mit einem Rest von wenigen Euro da. Am 28. kommt die Rente, und der Kreislauf beginnt von vorne. Wenn er aus dem Fenster auf die Cafés gegenüber schaut und sieht, wie Menschen acht Euro für einen Kaffee ausgeben, sagt er nur einen Satz: Das ist für mich unvorstellbar. Und das Rauchen hat er sich auch abgewöhnt, zwangsweise. Soll ja auch gesünder sein, scherzt Alfred. Wir sitzen auf einer Parkbank vor dem Schloss Charlottenburg. Alfred lacht wieder und sagt: dieser schöne Ausblick kostet noch nichts. Brotreste für die Enten konnte er keine mitbringen, denn er hat keine.
Alfred Matzlaff wollte alt werden aber nicht arm. Er wollte Ruhe und nicht mit Cents rechnen. Jetzt sucht er manchmal nachts Pfandflaschen, damit niemand ihn in der Nachbarschaft erkennt. Zwanzig Colaflaschen bringen fünf Euro. Das reicht für eine Woche Brot vom Bäcker.





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