Adventszeit ist Geborgenheitszeit

Die Romantik unserer Wohnküchenszene ist schnell erzählt. Der Herd in unserer Küche wurde mit Holz beheizt. Die Holzscheite trugen wir drei Buben am Nachmittag mit Weidenkörben aus dem Schuppen in die Küche. Und legten sie in die große Holzkiste neben dem Herd. Die Küche war der einzige warme Raum im ganzen Haus. Weitere Zimmer blieben selbst bei minus 25 Grad kalt. Das war normal. Niemand klagte darüber.

Ab 1. Advent stand der Adventskranz auf dem Küchentisch. Die erste Kerze wurde entzündet und ein Freund stimmte Lieder an. Geborgenheitsfeeling würde man heute sagen. Gegen Abend kam oft Besuch. Eigentlich fast immer, die Haustüre stand immer offen. Erwachsene erzählten Geschichten, wir Kinder hörten zu und redeten nur, wenn man uns etwas fragte.

Wie Orgelpfeifen saßen alle auf der großen Eckbank am Brotbackofen, auf dem Sofa und den schweren Küchenstühlen. Stimmen, Lachen, das Knistern des Holzes. Es war ein einfacher Raum, und doch fühlte ich in diesen Stunden etwas, das ich erst viel später benennen konnte. Geborgenheit. Damals sagte man heimelig.

Niemand starrte aufs Handy. Es gab keins. Das WLAN fiel nie aus. Auch das gab es nicht. Man besuchte sich ungeplant, ohne vorherigen Anruf. Bei uns gab es 1960 kein Telefon. Man trat einfach ein, schüttelte den Schnee von den Stiefeln und setzte sich an den Tisch. Keiner fragte, ob er sich dazusetzen dürfe. Jeder durfte. Das genügte, um Teil der Runde zu sein. Das Fass mit Most stand in der Speisekammer. Man trank ihn gerne auch heiß. Und er machte lustig. Wir Kinder bekamen keinen, dafür Apfelsaft. Oma hatte lieber Kamillentee.

Wenn es am spannendsten wurde, mussten wir drei Buben ins Bett. Unter extra dicke Daunendecken. Das Eis auf den Fensterscheiben malte Figuren, die aussahen wie kleine Märchen. Die Katzen schnurrten auf der Bettdecke, der Dackel schlief lieber in der Nähe der Holzkiste in der Küche.

Und so war das Haus nie leer. Es war voller Leben, voller Stimmen, voller Wärme, die ganz ohne Zentralheizung entstand. Die Kälte draußen machte die Wärme drinnen kostbarer. Die „Geschichten von früher“ der Erwachsenen wärmten, wenn ich es so sagen darf, auch die kindlichen Seelen.

Kann man Geborgenheit schaffen? Oder entsteht sie einfach? Vielleicht ist sie eine unausgesprochene Eigenschaft der Eltern, Großeltern, Nachbarn und Freunde. Menschen, die ein Klima schaffen, ohne darüber nachzudenken. Menschen, die keine psychologischen Begriffe brauchten, um zu wissen, wie man ein Kind sicher fühlen lässt. Niemand folgte einem Leitfaden. Und doch war Geborgenheit da.

Die Sehnsucht nach Geborgenheit, vom Vater Staat erwartet  

Diese Geborgenheit suchen wir heute wieder. Besonders in der Adventszeit. Aber nicht nur in der Erinnerung an die Wohnküche. Wir erwarten sie vom „Vater Staat“. Sinnigerweise nennen wir ihn so. Von einem Vater erwarten wir Schutz. Gerechtigkeit. Und Geborgenheit.

Wir sind zu Tode betrübt, wenn dieses tief verwurzelte Verlangen plötzlich nicht mehr gestillt wird. Wenn ein Gemeinwesen – eine Gemeinde, eine Stadt – die Atmosphäre nicht mehr erzeugen kann, die uns 70 Jahre zurückversetzt. Wenn an die Stelle der Geborgenheit das Gegenteil trat: die Angst.

Wo wir Harmonie erwarten, säuseln plötzlich keine Weihnachtslieder mehr aus hunderten kleinen Lautsprechern am Weihnachtsmarkt. Wo Glühweinduft eine Atmosphäre schaffen sollte, die uns in die Kindheit zurückholt, steht plötzlich ein Schild: „Waffenverbotszone“. Will man uns die Erinnerung mit Gewalt austreiben?

Wenn wir unsere Enkel ganz fest an der Hand halten müssen und keinesfalls herumtollen lassen dürfen, dann ist etwas in Unordnung geraten. Die Harmonie ist weg. Und mit ihr die Geborgenheit.

Der Vater Staat hat versagt, weil er die Kunst Geborgenheit zu schaffen verlernt hat. Er organisiert. Er kontrolliert. Er verbietet. Aber er schafft kein Klima mehr, in dem sich Kinder sicher fühlen und Erwachsene nachts gerne noch unterwegs sein wollen.

Die Seele merkt das. Sie zieht sich zurück. Das Vertrauen schwindet. Die Liebe zum Gemeinwesen erlischt. Genau wie ein Kind, das sich nicht geborgen fühlt, sich anderweitig umsieht, so sucht der Bürger nach neuen Orten der Sicherheit.

Der Staat, das sind nur wenige, an den entscheidenden Stellen. Er mag versagen. Aber die Wohnküche in unserer Seele bleibt. Die Daunendecken sind noch da. Und die Geschichten warten darauf, erzählt zu werden.


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