Die Geschichte kennt keine Gnade mit den Selbstvergessenen. Wer sich selbst aufgibt, wird früher oder später von jenen verdrängt, die entschlossener, hungriger und härter sind. Schon die alten Chronisten sahen in der Geißel Gottes – etwa in der Gestalt Attilas – keine bloße Laune des Schicksals, sondern ein Symptom innerer Schwäche. Der Hunnenkönig kam nicht, weil die Welt stark war – er kam, weil sie mürbe geworden war.
Auch heute lässt sich dieses Bild übertragen. Die moderne westliche Zivilisation wirkt an vielen Fronten entwurzelt, zersplittert, erschöpft. Sie glaubt weder an sich selbst noch an ihre Ursprünge. Weder Religion noch Tradition, weder Heimat noch Familie, weder Identität noch Verantwortung haben noch einen verbindlichen Platz im kulturellen Selbstbild. Der Glaube – im spirituellen wie im zivilisatorischen Sinn – ist vielerorts abhandengekommen. Was bleibt, ist eine Leere, ein offenes Vakuum.
Und genau dieses Vakuum zieht jene Kräfte an, die mit absolutem Selbstverständnis auftreten. Wo der eine zweifelt, bekennt sich der andere. Wo der eine dekonstruieren und verlernen will, greift der andere zu. Die Geißel Gottes kommt immer dann, wenn der Mensch sich selbst entheiligt.
Es ist kein Zufall, dass dort, wo Ordnung aufgegeben, Autorität verspottet und Kultur zur Fußnote gemacht wird, die Tore weit offenstehen – nicht für Befreiung, sondern für Übernahme. Diejenigen, die fest glauben – an ihre Religion, an ihre Herkunft, an ihr Recht zu herrschen –, füllen die Räume, die andere preisgeben.
Insofern ist das, was wir erleben, keine zufällige Entwicklung. Es ist die Konsequenz eines epochalen Selbstverrats. Eine Welt, die ihre Grundlagen verspielt, ihre Kinder sich selbst überlässt und ihre Geschichte verleugnet, lädt jene ein, die bereit sind, sich das zu nehmen, was kampflos daliegt.
Die neue Geißel Gottes reitet nicht auf Pferden – sie tritt durch offene Grenzen, durch kapitulierte Institutionen und durch die Köpfe derer, die längst vergessen haben, was es heißt, für etwas einzustehen. Wer den Glauben an sich verliert, wird glauben gemacht werden – von anderen.



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