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Deutscher Durchblick – die Röntgenstrahlen

Die X-Rays, wie die Röntgenstrahlen außerhalb Deutschlands oft genannt werden, haben eine weltweit segensreiche Ära der Medizin begründet. Ihre Entdeckungsgeschichte ist zugleich ein mustergültiges Zeugnis deutschen Forschertums.

Was passiert eigentlich, wenn konzentrierte Betastrahlung auf ein Platinblech trifft? Die Antwort erfordert einen Ausflug in die Physik- und Medizingeschichte. Unterwegs eröffnet sich das Panorama deutschen Forschens und Wirkens. Setzen wir uns für ein paar Minuten wieder auf die Schulbank!

Blitze gehören zu den faszinierenden Erscheinungen am Himmel. Die Vermutung, daß die dortige Luftverdünnung das Lichtphänomen begünstigt, wurde zum Forschungsansatz. 1857 gelang es dem Glasbläser Heinrich Geißler in Bonn, die Luft in einer Glasflasche  künstlich zu verdünnen und dabei über gasdicht eingeführte gegenpolare Elektrodrähte Miniatur-Blitzgewitter hervorzurufen. Am Plückerschen Universitätslabor konnte der junge Johann Heinrich Hittorf sogar das Glimmen der höchsten Atmosphärenschichten, das Polarlicht, simulieren. Die Entwicklung der Neonröhre ergab sich nebenbei. –  Mit der verbesserten Luftpumpe des Berufsschullehrers August Töpler spitzte Hittorf seine Versuche weiter zu. Bei noch stärkerer Verdünnung er-loschen Blitz und Polarlicht, aber der zugeführte Strom floss im Unsichtbaren weiter – als eine Art langsame Betastrahlung, wie wir heute wissen – und erzeugte auf dem Glas einen grün schimmern-den Fleck. Indem er hier ein zartes Platinblättchen einsetzte, öffnete ein deutsch-ungarischer Physi-ker in Breslau (heute Wroclaw) das sogenannte „Lenard-Fenster“ – und betrat ein Forschungsfeld, das bald zur Entdeckung der Elektronen und zur Entwicklung der modernen Atomphysik führte.

Ihre Krönung fand die über Jahrzehnte planvoll voranschreitende Arbeit deutscher Forscher eher beiläufig. Würzburg, 8. November 1895:  Im Laborzimmer des Pro-fessor Wilhelm Conrad Röntgen meldete sich das Trommeln der Betastrahlen am Lenardfenster. Es ist jedoch kein Geräusch, sondern eher ein atomares hochfre-quentes Vibrieren, welches ringsum Abschirmungen durchdringt, Fotopapier schwärzt und Präparate zum Fluoreszieren bringen kann. Die späteren „Röntgenröhren“ funktionieren mit einem im Flaschenbauch angebrachten Platinblech.

Weil ihm noch die exakte Vorstellung fehlte, was da so mühelos durch Materie geht, schuf Röntgen den Begriff „X-Strahlen“. In sorgfältigen Kontrollexperimenten durchstrahlte Röntgen auch die Hand seiner Frau Bertha; der Ehering scheint in der Aufnahme um den Fingerknochen zu schweben. Erst dann, am 28. Dezember, gab der „Strahlenkönig“ seine Entdeckung bekannt. Die britische Sensationspresse titelte mit den „X-Rays“.

An deutschen Schulen konnte schon ab Mai 1896 im „Grundriss der Experimentalphysik zum Gebrauch beim Unterricht auf höheren Lehranstalten und zum Selbststudium“, von den OberlehrernEmil Jochmann und Oswald Hermes, über die „Röntgenschen X-Strahlen“ nachgelesen werden – nicht einmal ein halbes Jahr nach der Laborentdeckung. Dies wies Deutschland als weltweit fortschrittlichste Bildungs- und Wissenschaftsnation aus.



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Kommentare

  1. So ändern sich die Zeiten. Heute muss – so sie denn überhaupt noch stattfindet – Spitzenforschung nach Afrika oder sonstwohin außerhalb Deutschlands disloziert werden.

    Deutsche werden aller Voraussicht nach bald wieder in selbst gegrabenen Erdlöchern wohnen, sofern die Grünen Khmer noch eine Weile “Regierung” spielen und Deutschland in die Steinzeit zurückbeamen dürfen.

    Da denkt man mit Wehmut an Deutschland`s wissenschaftliche und technische Blütezeit zurück.

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