Vorwärts zurück: In der Not frisst der Teufel Fliegen – Kohlekraftwerke werden reaktiviert

Luftaufnahme vom Sicherheitskraftwerk Heyden/ Westfalen. Wikimedia Commons, ChristianSchd – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Die peinlichen Possen um die „Energiesicherheit“ sind schon filmreif. Nach AKW-Abschaltung und Kohleausstieg, stellte sich Her Bundeswirtschaftsminister Habeck vor die Kameras und tönte, man habe die Sanktionen und das Gas-Embargo sehr bewusst und genau überlegt als Strategie gewählt, weil es Russland ruinieren und in die Knie zwingen werde. Uns Deutschen dagegen mache das sehr wenig aus, Deutschland könne das locker wegstecken. Und überhaupt, so freuten man sich bei den Grünen, sei das Ganze ja eine gute Gelegenheit für den Einstieg in den Gas-Ausstieg, denn Erdgas ist ja ebenfalls ein fossiler Brennstoff mit CO2 und so.

Am 24. Februar meinte Her Habeck noch sehr sicher, dass die Sanktionen Russland hart treffen werden, Deutschland das aber ganz gut wegstecken könnte. Er werde alles dafür tun, dass Deutschlands Energieversorgung sicher ist. Damals meinte er noch sehr selbstsicher zum Thema „Gasversorgung“, man könne schon sagen, dass wir sicher über den Winter kommen. Auch dann, wenn Russland die Gasversorgung einstelle, man habe genug in den Gasspeichern bis über den Winter. (ca. bei Minute 4).

Nun ist es zwar noch Sommer, aber das alles ist bereits Makulatur.  Die Politik hat die Hosen voll. Die Gasversorgung ist sowas von überhaupt nicht sicher, man bereitet uns schon auf Notfallszenarien vor. Man will bestimmte Industriebetriebe einfach abschalten, wenn nicht mehr genug da ist und spielt schon Szenarien durch, dass es zu flächendeckenden Blackouts kommen könnte, weil die Gaskraftwerke ausfallen. Herr Bundeskanzler Scholz stellt sich medienwirksam vor die gewartete Gasturbine für Nordstream 1 und will damit Putin bzw, Gazprom zum Handeln nötigen, damit um Gottes Willen bloß wieder Gas durch die Leitung fließt. Und heimlich, still und leise werden die Kohlekraftwerke doch weiter laufen gelassen, ja, sogar abgestellte Kohlemeiler wieder in Betrieb genommen. Insider berichten davon, dass sie schon eine ganze Zeit heimlich in Bereitschaft gehalten wurden schon mehrfach das Stromnetz diskret gerettet haben. Ein Fall aus Westfalen zeigt dies deutlich:

Der E.on-Ableger Uniper, mittlerweile eigenständig, betreibt eben nicht nur – wie böse Zungen es nennen – die „Resterampe“ von E.on mit den alten Kohlekraftwerken. Mittlerweile sind sie die immer wieder eingesetzten Notfall-Sicherheits-Kraftwerke für die schöne neue Solarwindkraft-Welt der Zukunft.

Die Welt schreibt:

„So wie Banken in der Finanzkrise ihre faulen Kredite auf Bad Banks abwälzten, um ihre Bilanz aufzupolieren, wurde Uniper mit seinen rund 12.000 Mitarbeitern zur Bad Bank der Energiewende.“

Schon Anfang 2021 brauchte man aber den eigentlich schon abgeschalteten Kohlemeiler Heyden in Westfalen dringend. Die Abschaltung von elf Steinkohlekraftwerken war wohl ein bisschen übereilt. Uniper hatte das Steinkohle-Großkraftwerk Heyden sogar fünf Jahre früher als geplant stillgelegt und dafür Förderungen aus dem Bundeshaushalt erhalten. Doch in 2021 – allein bis zum März – musste es sechs mal (!) wieder hochgefahren werden, um eine Dunkelflaute auszugleichen und einen Blackout zu verhindern. Die Manager hatten wohlweislich die Werksingenieure und -Techniker nicht abgezogen, um den Ofen und die Turbinen bei Bedarf sofort anfachen zu können. Die Leute sind vom Fach. Die wussten wohl, dass man sie brauchen würde. Diese Mannschaften haben uns wahrscheinlich mehrere Blackouts erspart.

Und auch die Welt stellt ernüchtert fest:

„Die angebliche „Resterampe“ verkauft anders als erwartet, keinen fossilen Ramsch, sondern ein gefragtes Produkt, das im Wert ständig steigt: Versorgungssicherheit.“

Aber das Großkraftwerk Heyden schafft es nicht allein. Im März erklärten die Netzbetreiber gemeinsam mehrere Steinkohlekraftwerke für „Systemrelevant“:

Mehrere Steinkohlekraftwerke, die im Zuge des Kohleausstiegs im Sommer stillgelegt werden sollen, werden vom jeweiligen Netzbetreiber als systemrelevant eingestuft. Darüber berichtet die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ, Donnerstagausgabe). Darunter sind das Steag-Kraftwerk Walsum 9 in Duisburg und das Uniper-Kraftwerk Heyden 4 bei Minden in Ostwestfalen. Das geht aus Adhoc-Mitteilungen der Strombörse EEX hervor. Die Beschäftigten dürfen damit wieder hoffen, ihre Arbeitsplätze noch ein paar Jahre länger zu behalten. Das letzte Wort hat allerdings die Bundesnetzagentur. Auch das RWE-Kraftwerk Westfalen in Hamm wird offenbar noch gebraucht.

Aber nein, die Grün-rote Regierung war sich siegessicher, wie schon Herr Minister Habeck so selbstsicher verkündete. Und so wurden die Anträge, die Steinkohlewerke länger laufen zu lassen oder wieder hochzufahren, wo es noch zu machen ist, abgeschmettert.

Doch schon Mitte Juli musste man einen Rückzieher machen. „Wegen Gaskrise: Reserve-Kohlekraftwerke können ans Netz“ hieß es am 13. Juli:

Kohle ist schlecht für Klima – und erlebt wegen der Gaskrise trotzdem eine Mini-Renaissance. Das Regierung macht nun den Weg frei für die Reaktivierung von Reserve-Kraftwerken. (…) Das Bundeskabinett beschloss am heutigen Mittwoch eine entsprechende Verordnung. Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) erklärte: „Wir wollen jetzt im Sommer Gas einsparen, um unsere Speicher für den Winter zu füllen.“

Ei-ei, hatte er nicht verkündet, alles sei sicher, selbst bei einem absoluten Gas-stopp? Es sei genug Gas in den Speichern bis zum nächsten Frühling? Und nun muss man die Speicher doch und sogar „für den kommenden Winter füllen“? Das nimmt Wunder. Und nun geht still und leise ein Kohlekraftwerk nach dem anderen wieder ans Netz. Schon am nächsten Tag, am 14. Juli, gingen allein in Baden-Württemberg neun(!) Öl- und Kohlekraftwerke wieder ans Netz. Und zwar nicht für ein, zwei Wochen oder Monate, bis angeblich „die Gasspeicher wieder gefüllt sind“. Nein, bis zum Ende des Winters auf jeden Fall, heißt es. Und danach wird man wahrscheinlich weiter auf Sicht fahren:

In Baden-Württemberg geht es um Kraftwerke in Mannheim, Heilbronn, Altbach/Deizisau (Kreis Esslingen), Marbach und Walheim (beide Kreis Ludwigsburg). Sie sollen bis zum Ende des Winters einspringen. Voraussetzung ist, dass weiter die Alarmstufe des Notfallplans Gas gilt. Die Betreiber müssen nun laut Verordnung sicherstellen, dass die Anlagen auch technisch dauerhaft einsatzbereit sind. Die dafür anfallenden Kosten würden erstattet, heißt es aus dem Ministerium.

Diesen Donnerstag ging auch, ganz ohne großes Aufsehen und ohne Meldung in der Tagesschau das Kohlekraftwerk Mehrum im Landkreis Peine wieder ans Netz.

Der Geschäftsführer des Kraftwerks, Armin Fieber sagte, dass die Anlage die lange Pause gut überstanden habe. Die Situation sei vergleichbar mit „einem Auto, das acht Monate in der Garage stand, da weiß man auch nicht, ob es sofort wieder anspringt“. Und die Betriebsgenehmigung geht bis zum April nächsten Jahres.

Die FDP will die Kohlekraftwerke bis 2024 laufen lassen:

Um die Stromerzeugung aus Gas entwickelte sich am Wochenende eine Kontroverse innerhalb der Bundesregierung. Finanzminister Christian Lindner (FDP) forderte, diese zu stoppen. „Wir müssen daran arbeiten, dass zur Gaskrise nicht eine Stromkrise kommt“, sagte er der „Bild am Sonntag“. „Deshalb darf mit Gas nicht länger Strom produziert werden, wie das immer noch passiert.“ Es spreche vieles dafür, die restlichen Kernkraftwerke nicht abzuschalten, „sondern nötigenfalls bis 2024 zu nutzen“.

Sogar Herr Minister Habeck scheint verstanden zu haben, dass die grünen Fantasien und ideologische Machtbesoffenheit allein keinen Strom produzieren, sondern direkt vor die Wand führen:

Ein Sprecher von Bundesenergieminister Robert Habeck (Grüne) wies darauf hin, dass ein völliger Verzicht auf Gas im Stromsektor zu einer Stromkrise und zu Blackouts führen würde. „Es gibt systemrelevante Gaskraftwerke, die mit Gas versorgt werden müssen. Bekommen sie kein Gas, kommt es zu schweren Störungen. Das ist leider die Realität des Stromsystems, die man kennen muss, um die Versorgungssicherheit herzustellen.“

Ja, stimmt – um das mal genauer zu formulieren: Wenn die Verbrauche zu hoch sind oder urplötzlich ansteigen oder die „Erneuerbaren“ gerade mal kurzfristig ausfallen, dann sinkt sofort die Netzspannung ab und das Stromnetz bricht zusammen. Das Netzt ist eben nicht der Speicher, wie Frau Außenministerin Baerbock so fröhlich fabulierte. Wind und Sonnenschein kann man aber nicht per Ordere de Mufti befehlen und auf keinen Fall Jetzt! Sofort!. Auch Atomkraftwerke können ihre Leistung nicht schlagartig erhöhen und man kann sie auch nicht schlagartig abstellen. Aber Gaskraftwerke schon. Man kann einfach die Gaszufuhr erhöhen und binnen Sekunden zusätzliche Brennöfen von Null auf Hundert hochfahren. Und wieder auf Null herunterfahren. Und auf diese Weise Leistungseinbrüche oder Überlastungen des Stromnetzes ausgleichen. Das hätte der Herr Energieminister Habeck von vorneherein wissen müssen.

Man kann schon absehen, was passieren wird. In den nächsten Jahren werden sehr viele Kohlekraftwerke in Deutschland nach und nach medienwirksam „abgeschaltet“, aber sehr wahrscheinlich nur vom Netz getrennt und sorgsam gepflegt. Denn im Fall einer – unvermeidlichen – Dunkelflaute, spätestens im Winter, werden sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder angeworfen werden, um  Gas und Kohle zu verstromen und ins Netz einzuspeisen. Bis auf paar restlos veraltete Werke, die man publikumswirksam „sprengt“ wird man sie nicht abreißen. Sie werden, wie jetzt geschehen, immer schön als Sicherheit einspringen.

Doch was ist mit dem endgültigen Kohleausstieg 2038? Was, wenn Methan- und Wasserstoffkraftwerke die Kohlekraftwerke nicht komplett ersetzen können? Nun, dann werden die alten Kraftwerke sehr wahrscheinlich „notfallmäßig“ und dauerprovisorisch am Netz bleiben. Bekanntermaßen hält nichts länger, als ein Provisorium. Der Kohleausstieg wird wahrscheinlich ein Einstieg in eine viele Jahre lange Ära der Durchwurstelei münden. Der Holmgang mit Russland kostet Europa seinen Lebensstandard und seine Wirtschaftskraft und wir werden mit vielen Provisorien, überalterten, aber systemrelevanten Versorgungseinrichtungen herumhantieren müssen und aufhören, daran zu glauben, dass der Staat die Probleme lösen wird. Das wird er nicht. Er hat sie geschaffen.

Verhältnisse, über die wir andernorts früher nur den Kopf geschüttelt haben und es „griechische Verhältnisse“ nannten, werden möglicherweise in Deutschland auch zum Alltag gehören. Da sind Ideen und Findigkeit  und Zusammenhalt gefragt. Betrachten wir es als Chance, dass wir Menschen genau deswegen wieder mehr in die Eigenverantwortung, Kreativität und gegenseitige Unterstützung gehen können. Wenn das Versagen der Politik dazu führen sollte, dann wäre das zwar unbequem, aber eine gute Schule und wieder Kontakt mit der Realität. Denn so ist das echte Leben eigentlich.

Quelle: Schildverlag