Aufarbeitung des Falls Kentler: Berliner Landesjugendamt im Fokus eines weitreichenden Pädophilen-Netzwerks

Die aktuelle wissenschaftliche Aufarbeitung von Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfeuntersucht die organisationalen Verfahren und die Verantwortung des Berliner Landesjugendamtes. Ein zentrales Ergebnis einer vorherigen Untersuchung war, dass die Senatsverwaltung als Landesjugendamt in den 1970er Jahren die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen bei pädophilen Männern duldete und dafür die Fallverantwortung trug. Es wird von einem Netzwerk von Personen ausgegangen, das pädophile Ansichten duldete, stärkte und legitimierte sowie Übergriffe arrangierte und rechtfertigte. Es wird angenommen, dass mehrere Mitarbeitende der Senatsverwaltung und von Bezirksjugendämtern in dieses Netzwerk eingebunden waren.

Die laufende Aufarbeitung nutzt verschiedene Forschungsansätze. Gespräche mit Betroffenen liefern neue Hinweise auf die Strukturen und möglichen Verflechtungen des Landesjugendamtes im Hinblick auf Helmut Kentlers Rolle. Die Aktenanalyse umfasst Fallakten der Kinder- und Jugendhilfe in der Verantwortung des Landesjugendamtes, Akten lokaler Jugendämter und freier Träger sowie Bestände verschiedener Archive. Erste Ergebnisse der Aktenanalyse zeigen Bezüge über Berlin hinaus, eine unklare Rolle lokaler Jugendämter und die Unterbringung junger Menschen aus Berlin bei alleinstehenden Männern in Westdeutschland, wobei persönliche Netzwerke und ein gemeinsames Fachverständnis relevant gewesen sein könnten. Auch die Analyse von Archivbeständen in Berlin, Göttingen und Darmstadt dient der Rekonstruktion des Netzwerks und der Rolle des Landesjugendamtes. Zudem werden Gespräche mit Zeugen geführt und der fachöffentliche Diskurs analysiert.

Die bisherigen Erkenntnisse deuten darauf hin, dass das rekonstruierte Netzwerk enge Beziehungen hatte und sich über Berlin hinaus in verschiedene Regionen Westdeutschlands erstreckte. Dort konnte es an Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe, Hochschulen und der evangelischen Kirche anknüpfen. Das Landesjugendamt Berlin wird als ein zentraler Ort identifiziert, der es dem Netzwerk ermöglichte, Situationen zu schaffen, in denen es zu sexualisierten Übergriffen kam. Die wissenschaftliche Aufarbeitung betont die Notwendigkeit, den Blickwinkel zu erweitern und neben der Pflegekinderhilfe auch andere relevante Bereiche zu untersuchen. Betroffene und Zeugen werden weiterhin gebeten, sich mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen an das Forschungsteam zu wenden.

Quelle: Zwischenbericht „Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe – Aufarbeitung der organisationalen Verfahren und Verantwortung des Berliner Landesjugendamtes“

Kommentare

5 Kommentare zu „Aufarbeitung des Falls Kentler: Berliner Landesjugendamt im Fokus eines weitreichenden Pädophilen-Netzwerks“