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Thilo Sarrazin: “Welches Europa wollen wir?”

Grundsätzlich bin ich ein Freund von überschaubaren, nicht zu großen Staatswesen. Die europäische Kultur kam in den italienischen Stadtstaaten der Renaissance oder auch in den Freien Reichsstädten des Heiligen Römischen Reiches zu ihrer höchsten Blüte. Nationalstaaten waren dort erfolgreich, wo Sie das Beste der europäischen Stadtkulturen aufnahmen und zu neuen Einheiten zusammenfügten.

Immer wieder spielten aber auch kriegerische Auseinandersetzungen, Machtgier, Expansionsdrang und die Bedrohung durch äußere Feinde eine Rolle. So entstand ein Zwang zum Zusammenwachsen zu größeren Einheiten, das war die Geburtsstunde der europäischen Nationalstaaten. Es gab in Europa stets eine Vielfalt der Sprachen, des Brauchtums oder der Küche. Aber daneben gab es eine innere Einheit der Europäischen Kultur. Das zeigte sich in der Mode, den Künsten oder im Stand der Technik.

Die Mischung von Einheit und Vielfalt sowie reger Austausch über die Grenzen förderten den Wettbewerb und schufen den besonderen Charakter der europäischen Kultur und der abendländischen Zivilisation.

In einer Welt mit stark wachsender Bevölkerung ist Europa relativ gesehen immer kleiner geworden. Die europäische Integration ist seit 1950 die politische Antwort auf Europas relativen Bedeutungsverlust und auf die kriegerischen Verwicklungen in der ersten Häl\e des 20. Jahrhunderts. So soll nach innen der Frieden gesichert werden, und nach außen hofft man, Bedrohungen gemeinsam besser zu bestehen.

Die europäische Integration ist bezogen auf die Zukunft ein offener Prozess ohne ein klares, allgemein anerkanntes Ziel. Starke Minderheiten möchten in allen europäischen Ländern am Vorrang des Nationalstaats festhalten, andere sehen ein Europa der Vaterländer. Es gibt aber auch starke Minderheiten, die langfristig auf einen europäischen Bundesstaat setzen. Dazu gehöre ich nicht. Für mich sind drei Dinge wichtig:

  • Ein gemeinsamer Wirtschaftsraum, in dem Menschen und Waren frei verkehren können, mit gemeinsamen Regeln für Wettbewerb und Umweltschutz.
  • Eine gemeinsame wirkungsvolle Sicherheits- und Verteidigungspolitik – am besten in und mit der NATO aber notfalls auch ohne Amerika.
  • Ein gemeinsamer wirkungsvoller Schutz der Grenzen mit einer robusten Politik zum Schutz vor unerwünschter Einwanderung.

Alle drei Ziele können grundsätzlich in einem Europa der Vaterländer, aber auch in einem europäischen Bundesstaat gewährleistet werden. Nötig ist aber in jedem Fall, endlich eine gemeinsame Sicherheits- und eine gemeinsame Asyl- und Einwanderungspolitik zu entwickeln. Dazu muss man sich über den Charakter von Bedrohungen einigen und entsprechend handeln:

  • Will Europa von den USA wirklich militärisch unabhängig werden, so braucht es einen gemeinsamen nuklearen Schirm. Das kann nur eine fortentwickelte Force de frappe sein. Deren Schutzfunktion darf dann nicht auf Frankreich beschränkt sein.
  • Europa braucht konventionelle Streitkräfte, die für die Bedrohung durch Russland adäquat sind., also Panzer, Artillerie und eine funktionierende Luftabwehr. Kräfte für den Einsatz in Afrika oder dem Nahen und Mittleren Osten braucht es nicht mehr. Die Zeiten europäischer Kolonialherrschaft oder weltweiter Interventionen sind vorbei.
  • Europa braucht nicht nur eine gemeinsame Asyl- und Einwanderungspolitik. Sie muss auch so ausgestaltet sein, dass eine wirksame Steuerung der Zuwanderung tatsächlich möglich ist. Das erfordert eine Reform der Genfer Flüchtlingskonvention und der Europäischen Menschenrechtskonvention, sowie eine robuste Abschirmung der europäische Seegrenzen durch entsprechend ausgerüstete Marinekräfte.

Der falsche Weg ist es, die innere Vielfalt Europas durch ein immer dichteres Netz europäischer Regulierungen zu erdrosseln, und gleichzeitig Europas kulturellen Kern und seine demographische Identität durch fortgesetztes Masseneinwanderung aus der islamischen Welt zu gefährden und am Ende zu zerstören. Gegenwärtig befindet sich die Europäische Union überwiegend auf diesem falschen Weg.

Thilo Sarrazin

Berlin, 17. Oktober 2023



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Kommentare

  1. “Nötig ist aber in jedem Fall, endlich eine gemeinsame Sicherheits- und eine gemeinsame Asyl- und Einwanderungspolitik zu entwickeln.”

    Wie wäre es denn, eine Uckermärkische ANSCHELA-Asyl-Findungskommission einzurichten, mit der Arbeits-Hypothese:

    “Jetzt sind sie halt da. Mir doch egal, ob ich schuld bin” ?

    Das wäre bestimmt ein trendiger Erfolgsknüller.

    1. Der Schreibtisch von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) könnte voller kaum sein: Tausende randalierende Hamas-Verherrlicher und Judenhasser auf den Straßen, immer mehr illegale Einreisen, der Abschiebe-Appell des Bundeskanzlers und erschreckende Terror-Beispiele aus dem Ausland. Doch statt jede freie Sekunde zu nutzen, um für Sicherheit auf Deutschlands Straßen und die der Jüdinnen und Juden im Land zu sorgen und die Asyl-Krise in den Griff zu bekommen, genießt Faeser die Sonne von Mallorca. Weiterlesen auf nius.de

    1. „Falsch verstandene Toleranz fällt uns jetzt auf die Füße“
      „Viele Jahre wurden die Zustände, die einem in Neukölln tagtäglich in Schulen, Jugendeinrichtungen und auf der Straße ins Gesicht gesprungen sind, ignoriert oder gar als ‚bunt‘ schöngeredet. Meine Rufe als damaliger Jugendstadtrat sind im Nichts verhallt. Gerade von den linken Parteien galt das Motto: Wo keine Probleme benannt werden, da gibt es auch keine. Ein Irrglaube, wie wir heute wissen.“ Weiterlesen auf m.bild.de

      1. Es wird unverändert ignoriert und schöngeredet. Die selbst- und volksmörderische AGENDA wird von der verbrecherischen Polit-Kamarilla nach wie vor gnadenlos durchgezogen und der Widerstand dagegen ist ebenfalls nach wie vor extrem schwach.

  2. Ich stimme Herrn Sarrazin in vielen Dingen zu, lehne jedoch die von ihm in dem Raum gestellte Bedrohung Europas durch Russland ab. Hier soll offenbar das größte Land Europas wieder einmal außen vor gelassen werden. Die offensichtliche Bedrohung Europas geht nicht von Russland aus, sondern geschieht durch extremistische islamische Terrorbanden, welche eben gerade von dem heutigen Europa massiv aufgerüstet und finanziell unterstützt werden. Herr Sarrazin muss sich schon die Frage gefallen lassen, warum Europa für ihn offensichtlich an den heutigen EU- bzw. NATO Grenzen endet und nicht, wie geographisch korrekt, am Ural. Europa wird sich niemals militärisch von dem Weltmachtstreben der USA abkoppeln können, solange es der größten europäischen Macht feindlich oder zumindest sehr distanziert gegenüber steht. Die Geschichte hat immer wieder gezeigt; eine Garantie für einen europäischen Frieden war immer die enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Russland. Wurde diese durch andere Mächte (vor allem den USA und Großbritannien) torpediert, brachte dieses den gesamten Kontinent in Gefahr.

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