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Die Ferien des Monsieur Müller

“Raus aus dem politischen Berlin”, lautet seine Devise. Seit Monaten befremden ihn auf Schritt und Tritt rot-grün-gelbe Pferdeäpfel auf allen Wegen, produziert von „nachhaltigen“ und „diversen“ Rössern. Hunderte Fahnen, diesmal so bunt wie Schlafanzüge, wehen von diversen Dächern und verheißen wieder einmal nichts Gutes. 

Mit der guten alten Eisenbahn entkommt Monsieur Müller so auch den tagsüber auf dem Boulevard wabernden Kifferwolken. Endlich frische Luft, obwohl sich die Abteilfenster der Ostdeutschen Eisenbahn nicht mehr öffnen lassen. Die weite, flache brandenburgische Landschaft zieht gemächlich vorbei, als hätte er alle Zeit der Welt. Der Zug hält oft an und unterbricht die Fahrt wie ein Redner, der immer wieder auf seine Notizen blicken muss. Aber Monsieur Müller lässt sich nicht stören. Er sieht sich in Gedanken schon am Ufer des Flüsschens Dosse, die Füße im Wasser, seinen Blick auf Schwalben und Libellen gerichtet.

Endlich erreicht er sein Urlaubsziel. Die Hausherrin der gebuchten Brandenburger Bauernkate wartet schon am Bahnhof und empfängt den Gast aus dem politischen Berlin mit ihrer (leider) roten „Kutsche“. Die Pferdestärken unter der Motorhaube werden jedoch noch traditionell fossil erzeugt, was über diesen politischen Fauxpas hinwegtröstet.

Landschaftliche Schönheit pur begleitet die Fahrt. Den preußischen Monarchen – sechs Friedrichs und ein Wilhelm – ist zu verdanken, dass Alleen nicht als Luxus, sondern als Notwendigkeit und Ordnungselement geplant wurden. Ein Relikt aus vergangenen Zeiten, so scheint es. Die Moderne heute will Pluralität, beschert aber nur „buntes“ Chaos.

Endlich erreicht Monsieur Müller das historische, reetgedeckte Häuschen, ein Kleinod mit freiem Blick über märkische Felder und Wiesen. Ein Schlösschen Bellevue en miniature. Die in einen Ziegelstein über dem Eingang eingebrannte Zahl zeigt die Jahreszahl 1900, als das Deutsche Reich gerade mal 29 Jahre alt geworden war. Und während er auf einer Gartenbank, am von Kletterrosen umrankten Giebel Platz nimmt, wird ihm klar: Hierhin muss sein Home-Office verlegt werden! Die WLAN-Kabel, so erfährt er, seien bereits verlegt worden. Man habe einfach die zahlreich vorhandenen Maulwurfsgänge von 1989 wieder benutzt, scherzt die Gastgeberin.

Das wichtigste Utensil dieser Sommerfrische sollte jedoch – unerwartet – eine blaue Fliegenklatsche mit rotem Pfeil werden, die sich für die Aufrechterhaltung der politischen Sommerarbeit als unentbehrlich erwies. Monsieur Müller sitzt wie meist im Sessel, sein Laptop auf dem geschnitzten Tischchen vor ihm, die Finger auf der Tastatur und die Funkmaus auf einem barocken Hocker neben ihm. Während Monsieur noch darüber sinniert, wie er seine politischen Gegner mit neuen Texten auf die Palme bringen könnte, geschieht etwas Denkwürdiges.

Sein Blick schweift mit dem linken Auge über die Auenlandschaft, das rechte Auge klebt am Bildschirm, und er wünscht sich in diesem Moment eine dritte Hand zu haben. Denn eine lästige Fliege (schwarz), die sich nicht scheut, von der Tastaturtaste A zum M zu krabbeln, gerade als der Schreiber ein G wie Glück drücken wollte, bringt so die Politik durcheinander. Auch ein Klick auf N wie Neuwahlen wird beeinträchtigt.

Fliege 1 zog sich beim Anblick der blauen Klatsche mit rotem Pfeil taktisch zurück, wurde aber schnell von Fliege 2 abgelöst, die auf einem der Lautsprecher Platz nahm. Ein weit ausgeholter Schlag mit der Klatsche verfehlte sein Ziel. Vermutlich flog sie, rechtzeitig aufgeschreckt durch das Tremolo im zweiten Akt von Giuseppe Verdis “Il Trovatore”, davon und landete auf den Rand des mit Bordeaux, das ebenfalls auf dem bereits erwähnten Tischchen neben der Maus stand.

Ein weiterer Schlag mit der Fliegenklatsche konnte durch den spontanen Einsatz des (bei Konservativen noch häufiger anzutreffenden) Restverstandes gerade noch verhindert werden. Das schwere Glas fiel ergo nicht um, wohl aber das Biest in den guten Wein.  

Die vielen Erzählungen des Monsieur Müller berichten von einem weiteren Höhepunkt seiner Ferien: dem Nachthimmel über dem Nordwesten Brandenburgs. Während vom Kurfürstendamm aus abends höchstens drei Sterne am Firmament zu sehen sind, sind es hier Tausende!!! Tausende!! Sterne, so weit sein Auge reicht. Verwundert führt dies zu dieser folgenden Überlegung: Die bei politischen Empfängen gereichten vielen alkoholischen Getränke müssen, so scheint es, durch irgendeine Notverordnung in ihrer Wirkung kastriert worden sein, denn ein virtueller, sich drehender Sternenhimmel über den Köpfen wurde vom wissenschaftlichen Dienst noch nie beschrieben.  

„Ein berauschender Anblick“, denkt Monsieur Müller und wendet sich neuen Texten zu. Wenn doch alles, was in Berlin so geschieht, so sonnenklar verstanden würde.

ENDE



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