Zwischen Täterschutz, Ohnmacht und Parteilichkeit

So lautet der Titel eines 2010 erschienenen Buches von Dr. Gabriele Roth. Untertitel: Zum institutionellen Umgang mit „sexuellem Missbrauch“. 

Der Titel allein stimmt schon nachdenklich, der Deckeltext erst recht: „Umfassende fachlich adäquate und wissenschaftlich ausgewiesene Handlungskonzeptionen befinden sich erst in der Entstehung. Das Angebot an spezialisierten Beratungsstellen ist noch immer unzureichend. Auch bestehen bislang noch immer zu geringe Kenntnisse über Ursachen, Täterstrategien und jugendliche Täter.“

Missbrauch hat Tradition. Und er ist hochaktuell – auch und gerade hierzulande. Dass ein solches Thema in einem Land, das für einen hohen Standard an Technologie bekannt und bevorzugtes Einwanderungsland für Menschen aus anderen Nationen ist, auf geradezu stiefmütterliche Weise politisch vernachlässigt wird, lässt beunruhigende Rückschlüsse zu. Kinderschutz und Maßnahmen, diesen verlässlich zu sichern, schafften es bisher nicht einmal in den Bereich der Staatszielbestimmung im Grundgesetz. Der rechtspolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Jürgen Gehb, findet diese Forderung sogar absurd, gefährlich und kontraproduktiv, wie die FAZ berichtete.

Mit ihrem Buchtitel bringt Gabriele Roth das Dilemma auf den Punkt. „Die meisten Opfer sind nach wie vor allein. Umfassende fachlich adäquate und wissenschaftlich ausgewiesene Handlungskonzeptionen befinden sich erst in der Entstehung. Das Angebot an spezialisierten Beratungsstellen ist noch immer unzureichend. Auch bestehen bislang noch immer zu geringe Kenntnisse über Ursachen, Täterstrategien und jugendliche Täter“, so die Autorin, die zugleich Lehrerin, Diplompädagogin, Supervisiorin und Akademische Oberrätin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg ist.

Sexuelle Gewalt wird häufig nicht als solche erkannt
Sexuelle Gewalt wird häufig nicht als solche erkannt

Am 30.10.2015 berichteten wir auf opposition24 über das so genannte Präventionsprojekt „Kein Täter werden“ der Charité, das mit dem Slogan wirbt „Lieben Sie Kinder mehr als Ihnen lieb ist?“, eine Botschaft allerdings, die einen schalen Beigeschmack verursachen könnte, suggeriert sie doch eher Empathie mit den Tätern als mit den Opfern. Und eine Botschaft, die irgendwie an den Bibelvers „Wer sein Kind liebt, der züchtigt es“ erinnert. Mit der Verwendung des Begriffes „Liebe“ in diesem Zusammenhang wird die Täterstruktur bedient, nicht die der Opfer, denn ob die Opfer es sind, die sexuellen Missbrauch – mit oft lebenslang traumatischen Folgen – als Liebe empfunden haben, wäre eine Frage, die in erster Linie ihnen zu stellen wäre, doch sie kommen öffentlich nur selten zu Wort.

Wen wundert das, wo selbst die Kirche sexuell gestörten Tätern oft jahrelang ein Refugium geboten hat? Religionen leisten diesem Dilemma noch Vorschub, indem sie Menschen über Heilsgeschichten in ihre Gewalt bringen, die kindliche „Opferbereitschaft“ beispielsweise durch das Symbol des gekreuzigten Gottessohnes noch idealisieren und indem sie durch die Verteufelung des Körpers – und somit der Sexualität – von sich als Institution abhängig machen.

Die Täter brauchen stets eine Rechtfertigung für ihr Handeln und sind oft sogar noch der irrigen Meinung, das Opfer hätte es so verdient. Aber so bleibt die „Schuld“ beim Opfer – mit all den Verwirrungen, die daraus für das spätere Leben entstehen. Die heutige Gesellschaft macht anfällig für das Täter-Sein, da der Bezug zur Natur und ihren natürlichen Rhythmen weitgehend verloren gegangen ist und sich als Folge dessen eine Abkopplung vom sozialen Gewissen etabliert hat. Die Täter wähnen sich im Recht und kennen kein Gewissen. Es interessiert sie nicht, was wirklich in den missbrauchten Kindern vorgeht. Ihnen ist egal, was das Gegenüber empfindet und was sie anderen Menschen mit ihrem Verhalten antun. Dass diese anscheinend im kollektiven Unbewussten fixierte Haltung gesellschaftlich in Täterschutz mündet, kann durchbrochen werden, indem der Täter aus der Isolation geholt, beim Namen genannt und mit entsprechenden rechtlichen Konsequenzen geahndet wird.

Die Gesellschaft hält an diesem Status quo fest. Doch der Status quo hilft maximal beim Überleben, aber nicht dabei, glücklich zu sein. Die Mehrheit der Bevölkerung ist unbewusst mit den Tätern identifiziert, was einer der Gründe für die stille Zustimmung der Massen zum Täterschutz sein kann. Im psychologischen Fachjargon spricht man von Täterintrojekt. In seinen Büchern „Der Fremde in uns“ und „Verrat am Selbst: Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau“ hat Arno Gruen, deutsch-schweizerischer Schriftsteller, Psychologe und Psychoanalytiker, beschrieben, wie der Mensch aufgrund kritischer Situationen eigene Gefühle, Wahrnehmungen und Ausdrucksmöglichkeiten aus dem Bewusstsein verdrängt und stattdessen Täterabsichten und -emotionen in sich selbst inkorporiert.

Das ganze Weltgeschehen wird durch Täterschaft bestimmt. Täterschaft ist das Fundament des Patriarchats. Die Machthabenden wollen ihre Macht behalten, um sich ihrer Ohnmacht nicht stellen zu müssen. Die Herrschenden erlauben sich alles und wollen dafür auch noch geliebt werden. Das hält das Herrschaftssystem in Gang. In einer solchen Struktur wird die Bereitschaft des Opferns auch noch als Tugend hingestellt. Wer Widerstand leistet, wird geahndet. Im Patriarchat wollen die Machthabenden ihre Macht erhalten, wohl auch, um sich ihrer eigenen Ohnmacht nicht stellen zu müssen.

Schon 1941 schrieb Erich Fromm in seinem Werk „Die Furcht vor der Freiheit“

„Für den autoritären Charakter gibt es sozusagen zwei verschiedene Geschlechter: die Mächtigen und die Machtlosen. Seine Liebe, seine Bewunderung und seine Bereitschaft zur Unterwerfung werden automatisch von der Macht geweckt, ganz gleich, ob es sich dabei um eine Person oder eine Institution handelt. Die Macht fasziniert ihn, nicht weil sie vielleicht irgendwelche speziellen Werte repräsentiert, sondern schlicht als Macht. Genauso automatisch, wie seine ‚Liebe‘ durch Macht geweckt wird, wecken machtlose Menschen oder Institutionen seine Verachtung.“

Ein Opfer, das die Schuld des Täters in sich trägt, auch wenn dies unfreiwillig geschieht und gesellschaftlich indoktriniert wird, nimmt dem Täter seine Würde. Die Verantwortung für sein Handeln muss der Täter selbst übernehmen und das kann nur geschehen, indem die Opfer ihre Geschichten ohne Ressentiments erzählen dürfen und die Täter Farbe bekennen müssen.

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Frieda C.
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Journalistin und Autorin