Der WIRECARD-Skandal wird von den Medien übertrieben. Die Rede ist von der größten Finanzaffäre deutscher Nachkriegsgeschichte, dem Mega-Schaden für den Finanzplatz und einem einmaligen. Bilanzbetrug. Dabei ist die Affäre im Vergleich zur Banken- und Finanzkrise von 2009 nur ein Kleinstunfall, Deutschland kann in der Finanzwelt keinen guten Ruf verlieren, weil es nur einen schlechten hat und last but not least Bilanzmanipulationen sind bei uns keinesfalls neu, sondern sie gab es schon massiv im Neuen Markt. Auch entstand durch die Insolvenz kein außerbörslicher (bei Nicht-Anlegern) und kein bankexterner Schaden (bei Nicht-Banken) Schaden, da Wirecard keine Zulieferer hat, in Deutschland „nur“ etwa tausend Arbeitsplätze verloren gehen und die Kunden kein Geld verlieren. Dennoch ist der ideelle Schaden zwar groß – in Merkels Deutschland nichts Neues – es steckt aber mehr dahinter, wenn die Politik sich plötzlich um den „DAX-Zweitligisten“ so kümmert.

Bilanzbetrug und Hochstaplerei schon im Neuen Markt Tagesgeschäft

Ein Blick auf die Bilanz 2018 zeigt, dass der Bankrotteur mit zwei Milliarden Umsatz, einem Eigenkapital von knapp einer Milliarde, Jahresgewinnen von zwei- bis dreihundert Millionen (alles in Euro) sowie weltweit fünftausend Beschäftigten kaum ein systemrelevanter Finanzriese ist. In Wirklichkeit war der DAX-Neuling noch viel kleiner, weil die entscheidenden Bilanz- und Ertragszahlen „getürkt wurden“. (1)

Wenn die deutsche Börse den Hochstapler zum Riesen stilisierte, liegt die Schuld bei den Aktionären und den Analysten und nicht nur beim „Papiertiger“, der BaFin oder dem Wirtschaftsprüfer EY. Denn die Wirecard-Aktie war auch ohne die Fälschungen – wie einst in Zeiten des Neuen Marktes der Versicherungsmakler MLP, der sich ebenso den Einstieg in die erste deutsche Börsenliga erschlichen hatte – hoffnungslos überteuert. (2). Auch Umsatzmanipulationen mit fiktiven Asien-Geschäften, wie einst beim „Rekordler“ Comroad, der es auf eine Betrugsquote von 97% gebracht hatte sind ein alter Hut (3).

Eine Insolvenz die wirtschaftlich kaum jemanden schadet

Da es keine erdichteten Umsätze und die Gewinne gab, darf nicht verwundern. Wäre korrekt bilanziert hätte Wirecard, der sein Geld mit Gebühren für die Abwicklung der Kreditkartenzahlungen für Warenhäuser (Payement bei Massengeschäften) oder Händler (Acquiring bei Geschäften mit Kunden-Rückgaberecht), verdient, nur Kleingewinne erzielt. Der Vorstand kann sich bei diesem Modell keine Kundengelder aneignen, weil deren verzögerte Weitergabe/Ausfall an die Begünstigten kurzfristig auffallen würde. Also mussten Banken und Privatinvestoren als Geldgeber her.

Wozu brauchte aber Wirecard überhaupt so viele Kredite? Die ergaunernden Bankschulden und die wohl bald wertlose Unternehmensanleihe (4) in Höhe von knapp drei Milliarden Euro waren wegen fehlenden Eigenmitteln dem fiktiven und tatsächlichen für überteuerte Unternehmenskäufe bestimmt. Das war auch im Neuen Markt ebenso. Der Bilanzleser erkennt das Ausmaß der Fehlinvestition an den „Luftposten“ Geschäftswert („Goodwill“) und Kundenbeziehungen.

Fazit: Geschädigt sind bei WIRECARD die Aktionäre, die beim Zockerpapier zwanzig Milliarden Euro verloren haben, die sie vorher „gewonnen“ hatten. Die Anleihezeichner sowie die Banken haben „nur“ wenige Milliarden zu beklagen. Ökonomisch sind diese Beträge in der Corona-Krise Peanuts.

Financial Times uneigennutzig?

Wenn heute die FINANCIAL TIMES so penibel beim Wirecard-Skandal aufdecken möchte, so ist es vielleicht der Neid, dass auch die Teutonen mittlerweile zu tricksen und zu täuschen gelernt haben? Denn aus den USA kommen wohl keine Sammelklagen, weil es kaum US-Aktionäre gibt. Wer weiß es schon. Es würde nicht wundern, wenn aus der Region gesteuerte Klagen kämen. Auf jeden Fall dürfte dort am weiteren Rufschaden für Deutschland und der Schuld der Schuldzuweisung an die Bafin gearbeitet werden, schon um die diskreditierten eigenen Wirtschaftsprüfer (EY) zu unterstützen.

Nur Dilettantismus der BaFin oder bald ein Politik-Skandal?

Geht es allein nur um den Rufschaden? Bei der vergangenen Finanzakrobatik in der Finanzkrise 2009 kümmerten sich die Politeliten wenig. Was ist da los? Könnte die peinliche Verquickung mit der Politik – ein Untersuchungsausschuss wird ja gefordert! – noch böse Überraschungen bringen. Denn umsonst hätte Berlin in der Vergangenheit wohl keine solche auffälligen Werbeleistungen im In- und Ausland– der Betrüger war zu keinem Zeitpunkt ein „zweiter Daimler“ – für Wirecard erbracht. Weil mächtige angelsächsische Interessen im Spiel sind, wird sich die Affäre so leicht nicht verharmlosen lassen.

Im Gegensatz zu den USA sind wie bei Enron &Co. keine veruntreuten Pensionsgeldern, sondern nur „normale“ Börsenverlusten im Spiel. Seit wann ist das Anlegerwohl für Berlin so wichtig? (5).

Fazit:

Das Thema Wirecard ist noch längst nicht abgearbeitet und besitzt viel Entwicklungspotential.