Risiken der Säkularisierung: Wie christlich ist das „abendländische“ Deutschland ohne das Konkordat?

Steht das Abendland vor dem Untergang?

Viele Kirchenbänke bleiben auch zu den Gottesdiensten unbesetzt.
kirche photo

Zunächst ein paar Daten:

2014 traten laut der Statistik von „Kirchenaustritt.de“ 487 719 Menschen aus den beiden großen Kirchen aus – die Tendenz ist nicht nur mit dem Entsetzen angesichts der  vielen Missbrauchsfälle und dem Umgang der Kirchen damit zu begründen, sondern seit Jahren steigend und hält sich bei Katholiken und Protestanten jeweils die Waage.

29,5 Prozent der Bevölkerung sind katholisch, 27,9 Prozent evangelisch, laut den Zahlen von 2014. Nur noch 57,4 Prozent der Deutschen sind also Mitglieder einer der großen Kirchen. Somit ist die Gruppe der Konfessionslosen mit über 40 Prozent bei getrennter Betrachtung der Konfessionen sogar die Mehrheit. Der Vergleich hinkt natürlich insofern, da alle diese Zahlen nichts über den Grad der Religiosität oder der Mitgliedschaft zu einer anderen Glaubensgemeinschaft aussagen.

Geht man jedoch davon aus, dass sich unter den Mitgliedern beider Amtskirchen eine hohe Anzahl sogenannter „Lauer Christen“ befindet, die aus Gewohnheit weiterhin der Gemeinschaft angehören, ihrer Glauben aber nicht im religiösen Sinne praktizieren und viele gesellschaftliche Regeln und Vorstellungen aus dem Klerus ablehnen, ist das Konkordat mit den beiden Amtskirchen nicht mehr zeitgemäß – es steht eher sogar den Kirchen bei der sehnlichst herbeigewünschten Reaktivierung christlicher Werte mehr im Weg, als dass es ihnen nützt – außer jedoch finanziell.

Kirchliche Einrichtungen werden durch das Konkordat im Wesentlichen durch die Steuergelder aller Steuerzahler alimentiert – nicht nur die üppigen Gehälter der Bischöfe, auch die sogenannten Konkordatslehrstühle an den Universitäten, Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten, Seniorenheime etc.

Obwohl die Kirchen als Arbeitgeber bestimmte Sonderrechte bei der Ausgestaltung ihrer Verträge genießen, hält immer mehr weltliches Gedanken- und Rechtsgut Einzug in diese Bereiche. Nach wie vor können jedoch besonders in höheren Positionen Geschiedene im Zweifelsfall aufgrund „christlicher Präambeln“ entlassen werden oder wird Konfessionslosen der Aufstieg verwehrt, weil sie die Werte des Arbeitgebers nicht voll umfänglich vertreten können. Ohne diese Staatsverträge wäre vielleicht heute noch das alttestamentarische Züchtigen mit der Rute üblich und erlaubt – so weit so gut.

„Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“, das gilt hier auch in bedingtem Maße für die ehemals so mächtigen Kirchen. Mitleid für die alten Herren in Bettlaken und die Bräute Christi liegt mir fern, ich habe selbst mehrere Jahre in einem Kloster gearbeitet und dort viele Einblicke gehabt, auf die ich gut hätte verzichten können, was aber eine andere Geschichte wäre.

Wenn es aber bei einem christlichen Arbeitgeber immer weltlicher zu geht, warum hängt man dann noch das Etikett vom christlichen Menschenbild darüber und verzichtet nicht ganz auf das merkwürdige Konstrukt der „Körperschaften des öffentlichen Rechts“? Wenn die Kirche aus religiösen Gründen beispielsweise ein Problem mit Homosexuellen hat, dann kann sie es gerne behalten, kein Homosexueller würde gezwungen, dort zu arbeiten und seine Neigung zu verbergen, wenn es Alternativen gäbe, die es oft im ländlichen Raum nicht gibt. Private Initiativen haben es nämlich schwer dank der staatlich geförderten Konkurrenz.

Andererseits fehlt auch denen ein Angebot, die besonderen Wert auf christliche Maßstäbe und Gebräuche legen, wenn in Schulen und Kindergärten, die eigentlich unter dem christlichen Logo firmieren, aus Gründen der Rücksichtnahme auf andere Religionsgruppen, denen sie Zugang gewähren müssen, andererseits aus politischer Korrektheit, diese Maßstäbe mehr als über das „zeitgemäße“ Maß hinaus, derart aufgeweicht worden sind, dass man von einer christlichen Erziehung kaum noch sprechen kann.

Mit dem Konkordat ist weder die Kirche alleiniger Herr in den Häusern des Herrn, noch der Staat vor wechselseitiger Beeinflussung geschützt – eine unheilige Allianz, die beiden Seiten in der Vergangenheit auch gut getan haben mag, jetzt aber im Zuge des Gleichstellungswahns in der politischen Klasse im Begriff steht, irreparablen Schaden anzurichten.

Nicht zu Unrecht pochen andere Glaubensgemeinschaften auf Staatsverträge – die Zeugen Jehovas bekamen sie, erste muslimische Gemeinden haben sie bekommen – einzig die Scientology „Kirche“ dürfte wohl bis zum Sankt Nimmerleinstag auf eine Zusage vertröstet werden.

Gegenüber der christlichen Community wird von den islamischen Minderheiten eine andere, insbrünstigere Art von Religiosität gelebt. Neidisch blickt die Kirchenobrigkeit auf diese wohl ihr für immer versagt bleibenden Schäfchen und will mit der Renaissance des Christusbewusstseins entschlossen allzu radikalen Strömungen aus diesen Gemeinden begegnen, mehrfach haben Gottesmann Gauck und Pfarrerstochter Merkel entsprechende Gedanken geäußert.

Ein Blick in den bisher säkulärsten Staat der Welt könnte die Seifenblasen dieser Träumer jedoch zum Zerplatzen bringen, bevor eine Entwicklung in Gang gesetzt wird, deren Verlauf vorhersehbar ist. Ich spreche von der Türkei. Mustafa Kemal Atatürk wollte den „verwesenden Kadaver des Islams auf den Müllhaufen der Geschichte“ werfen, es blieb jedoch bei diesem Versuch, die Umerziehung einer ganzen Nation ist gründlich misslungen, wie auch die Nation sich bis heute hartnäckig weigert, zu einem Gesamtgroßeinheitstürkentum zu verschmelzen.

Die Zwangssäkularisierung hat den Islam in der Türkei nicht zum Verschwinden gebracht, obwohl westliche Kleidung per Gesetz verordnet und Fes und Kopftücher verboten wurden – im Gegenteil. Erdogan versteht es wie kein Zweiter vor ihm, an Atatürks Erbe anzuknüpfen, auf dessen Beleidigung und Schmähung nach wie vor hohe Strafen drohen, die Erdogan gerne für sich beanspruchen würde und andererseits hat er mit der Wiederbelebung osmanisch-islamischer Traditionen die vernachlässigte Landbevölkerung hinter sich gebracht, bei der das notwendige Radikalisierungspotential zur Durchsetzung seiner politischen Agenda jederzeit abrufbar ist.

In den westlichen Ländern aber hat der Glaube seine Kraft verloren. Will die Kirche sich wieder auf ihr eigentliches Kerngeschäft besinnen, dann muss sie sich aus der Umklammerung von Vater Staat lösen und sich wieder mehr dem himmlischen Vater zu wenden, dessen Wunder um einiges größer sind, als wertlose Euros aus Draghis Falschgeldpresse unters Volk zu bringen. Auf Dauer wird es davon nicht satt werden, es wäre an der Zeit, das Ding mit den fünf Laib Brot und den zwei Fischen zu wiederholen.

Bei einer hundertprozentigen Trennung von Kirche und Staat stünden die wenigen echten Gläubigen nicht im Regen, sondern müssten sich selbst organisieren –  für den Erhalt ihrer Gotteshäuser und die Finanzierung ihrer Geistlichen sorgen. Diese Kirche wäre um einiges kleiner und ärmer, aber würde von den Menschen gestaltet und nicht vom Staat verordnet und durch Steuereintreibung alimentiert. Eine gefährliche Reaktivierung von extrem fundamentalistischem Gedankengut wäre eher nicht zu erwarten, wie die Beispiele einiger radikaler christlicher Sekten zeigen. Bei den umstrittenen „Zwölf Stämmen“ kursieren merkwürdige Vorstellungen von Erziehung, doch hier genügt das ganz gewöhnliche Strafrecht, um dem zu begegnen – würde dies doch auch bei anderen Gemeinschaften so kompromisslos durchgesetzt werden, wie bei dieser Gemeinde, müssten wir heute nicht täglich über den Islam diskutieren.

Gleiches Recht für alle hieße auf den kleinsten Nenner gebracht:

  • Keine Staatsverträge
  • Einhaltung von geltenden Gesetzen bei ansonsten freizügiger Gestaltung des religiösen Zusammenlebens innerhalb der Gemeinde
  • keine Finanzierung aus dem Ausland – eine Gemeinde muss sich ausschließlich selbst tragen
  • keine Zwangsmitgliedschaft durch Geburt, Taufe o. ä.

Irgendwelche Ausnahmen von geltenden Gesetzen für die Angehörigen religiöser Gemeinschaften sind nicht mehr zulässig.

Vollwertiges Mitglied einer Religionsgemeinschaft kann nur werden, wer das 18. Lebensjahr vollendet hat.

Wichtige Rituale, wie eine Beschneidung, müssen auf diesen Zeitpunkt verschoben werden und dürfen nur auf eigenen Wunsch des Gläubigen praktiziert werden.

Man vergleiche hierzu die Regeln für Piercings und Tattoos bei Jugendlichen, die eine ähnliche Funktion als Ersatz für Initiationsriten besitzen oder das Alter zum Erlangen eines Führerscheins, das aktive und passive Wahlrecht, das Mindestalter für die gesetzliche Eheschließung u.ä. – nur bei der Religion soll der Bürger unmündig bleiben und nicht gefragt und gehört werden?

In einer freiheitlichen Gesellschaft wären solche Werte selbstverständlich und stünden nicht zur Disposition. Welche angebliche „Religionsgemeinschaft“ auch immer sich dagegen stellt, macht deutlich, dass es ihr nicht um echte Werte und wahren Glauben geht.

Wer unmündige Schäfchen zu Gehorsam heranzüchtet, will Staat im Staate sein, wer Inkasso Steuern eintreiben lässt, ist Büttel und Nutznießer des Staates zugleich, wer lieber viele große und leere Kirchen, statt wenige und dafür überfüllte Gotteshäuser als Begegnungszentren wünscht, dem geht es um den schnöden Mammon, und wessen Glaube an einer Vorhaut hängt, der hat ein paar Jahrhunderte der Menschheitsentwicklung schlichtweg verschlafen.

An diesen Grundsätzen sollten sich alle sogenannten „Glaubensgemeinschaften“ messen lassen – denn dieser Spielraum gilt ebenso selbstverständlich für alle anderen Menschen, die ihr Leben frei und unbestimmt von Religion gestalten möchten.

Möglicherweise ist aber der Zug längst in einigen Bereichen der Gesellschaft abgefahren. In Österreich ist die Auslandsfinanzierung der Moscheegemeinden untersagt, dennoch wird in diesen Tagen erneut hitzig über islamische Kindergärten und Kopftuchverbote diskutiert, da der Einfluss radikaler Imame immer noch bedenklich groß ist. Die Abschaffung des Konkordats aber haben die Österreicher abgelehnt – die muslimischen Gemeinden in Österreich werden eine Schlechterstellung bei aller Berechtigung der beabsichtigen Einschränkungen nicht widerspruchlos hinnehmen.

Die Kirchen drüben wie auch hierzulande täten gut daran, angestrebten Reformen nicht weiter entgegen zu stehen, sondern die gewachsenen „christlich-abendländischen“ Werte zu verteidigen, denen sie ihr Überleben bis in die Gegenwart verdanken und sich gemäß ihres Herrn und Meister Jesus in Verzicht üben.

Tun sie’s jedoch nicht, dann mangelt es wohl an Gottvertrauen und das Abendland wird untergehen – Amen!

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Wolfgang van de Rydt
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2 Kommentare

  1. Es wäre so schön, wird aber leider nicht passieren, dass die Pfaffen auf ihre Pfründe verzichten. Wovon sollten sie sonst ihre Gerichtskosten wegen Missbrauch bestreiten?

  2. Man muss sich nur mal anschauen, welchen Grundbesitz die christlichen Kirchen in Deutschland besitzen, um zu verstehen, dass die Anzahl der Gläubigen für diese Konzerne eine sehr untergeordnete Rolle spielt.

    Die Karitas ist nach dem Staat der größte Arbeitgeber in Deutschland mit ca. 350.000 Mitarbeitern. Rechnet man alle Mitarbeiter der Kirchenkonzerne zusammen (Diakonie, Stiftungen, kirchliche Vereine) dann wird man sicherlich nahe zwei Millionen Beschäftigter landen, die aber nicht oder nur zu maximal wenigen Prozenten aus kirchlichen Mitteln bezahlt werden.

    Im Englischen pflegt man zu sagen: „Religion is where the money is at.“
    Und das auch ganz ohne staatlicher Subventionierung.

    Konzerne wie Scientology oder die Mormonen haben es in nur wenigen Jahrzehnten zu stolzen Multimilliadären gebracht.

    Ich persönlich hatte mal überlegt, „Papst der Kirche der Nationalen Wiedergeburt“ zu werden. Nach der Zeit bis zur Anerkennung hätte man dann auch von den staatlichen Zuwendungen, den Steuerbefreiungen und dergleichen profitiert. So muß z.B. eine Kirche für die Wohnungen ihrer Amtsträger und Religiös genutzte Grundstücke keine Grundsteuer zahlen. Auch bei der Körperschaftssteuer kommen Kirchen sehr gut weg.

    Letztenendes ist die rasant sinkende Zahl der Mitglieder von Kirchen aber nur die eine Wahrheit. Denn viele Kirchen haben sich vom Kern und den Quellen der eigenen Glaubenslehre verabschiedet. Und viele verlassen diese Kirchen, weil sie nicht mehr richtig religiös sind im Sinne dessen, was die Menschen als ihren Glauben begreifen. Das hat auch damit zu tun, dass Kanzeln der ideale Ort für die Beeinflussung von Menschen ist und eine Einladung für Gruppen die eine Umerziehung und Kontrolle des Volkes möchten.

    In der DDR waren sehr viele Pastoren inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Und heute werden da oft genug ganz sicher auch die Mitarbeiter des Verfassungsschutzes und der Dienste predigen.

    Es wäre viel zu riskannt, die Kanzeln den Gläubigen zu überlassen…

    Die Leute, die sich von verwässerter organisierter Religionsausübung
    abwenden, sind damit aber nicht automatisch keine Christen mehr.

    Und es gibt auch Christliche Gruppen, wo die Leute jeden Tag mehrere Stunden und sehr viel Geld für ihre Religion opfern. Nur werden die von den Religionskonzernen nach Kräften am großflächigen Markteintritt gehindert und als Sekten difamiert.

    Man sollte auch nicht vergessen, was Satanist (Freimaurer) Adam Pyke als Ziel für die jetzige Zeit ausgegeben hat: Die Christen und die Moslems sollen sich in einem 3. Weltkrieg bekämpfen, der damit endet, dass beide Religionen blamiert und am Ende sind und der Weg für Luzifers (des Teufels) reine Lehre und seine neue Weltordnung freigemacht wird.

    Insofern muss man sich immer fragen, was an den aktuellen Nachrichten über Hässlichkeiten dieser beiden Religionen ist bewußt gemacht worden, und wird uns täglich präsentiert, um den Zielen des Streits, des Hasses und des Krieges zu genügen.

    So ist ja z.B. der islamische Terrorismus finanziert und gefördert durch die USA, die als Freimaurerstaat mit satanistischen Symbolen gegründet wurden. Jene USA auch den Flüchtlingsstrom zu uns lenken, um Mord und Totschlag zu erreichen.

    Und umgekehrt haben auch die USA als angeblich christliches Land in den arabischen Ländern gewütet und für Millionen Tote und verbreitetes Elend gesorgt.

    Und wenn demnächst die Bombenserien auch bei uns losgehen, sollte man das nicht vergessen und nicht gleich alle persönliche Freiheiten für einen satafaschistischen Überwachungsstaat opfern oder nach Vergeltungskriegen rufen.

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