Von Rücktritten und Roten Linien: Wer die Distanz verliert, kommt darin um

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Es wird viel gestritten, wütend kommentiert, oberhalb und unterhalb der Gürtellinie, innerhalb und außerhalb der eigenen Hoheitsbereiche werden Grenzüberschreitungen mokiert und „Rote Linien“ gefordert. Im Polittheater wie im Showgeschäft gelten andere Regeln im Umgang mit Nähe und Distanz, als in therapeutischen Disziplinen oder pädagogischen Berufsfeldern. Ja – auch dort werden längst die Grenzen verwischt, weil Ideologen am Werk sind, dennoch sind private Beziehungen zwischen Klient und Therapeut, Patient und Arzt tabu und eine Verletzung der Schweigepflicht kann nach wie vor das Ende einer beruflichen Karriere bedeuten. Im Medienbetrieb muss man nah dran sein, um Informationen zu erhalten, weiterempfohlen, geliked und geklickt zu werden. Das gilt im Mainstream wie auch außerhalb. Der verstorbene Udo Ulfkotte hat in seinem Bestseller „Gekaufte Journalisten“ eindrucksvoll beschrieben, welche Journalisten seinerzeit mit dem Kanzlerflieger um die halbe Welt reisten und wie schnell dieses Privileg gestrichen werden konnte.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass mit dem Aufstieg der AfD ganze Redaktionen in die neue Partei eintreten wollten, einigen verwehrte man den Zugang, andere fanden einen Job als persönliche Referenten, Pressesprecher oder ergatterten gleich selbst ein Mandat und tanzen seitdem auf mehreren Hochzeiten zugleich. Die Anziehungskraft geht freilich von beiden Seiten aus. Im Mainstream landen AfD-Politiker naturgemäß am Katzentisch und beklagen öffentlich die hohe Präsenz der „bevorzugten Grünen“, abseits davon verwischen sich die Grenzen jedoch genauso wie zwischen SPD und Madsack, TAZ und Grün oder CDU und Medien-Union. Wie seriös wirkt der als „Patriotenreise“ verkaufte Besuch eines AfD-Politikers bei einem Youtuber, dessen Videos eher auf einen Pornokanal passen, der „Talkshowgäste“ nicht mit ihrem Kosenamen anreden möchte, weil es sich einfach „komisch anhören würde, […] wenn ein Mann das sagt.“ (Nico, blas mir einen!) Ernsthaft? Diese Herrschaften wollen über Grenzverletzungen debattieren und verlorene Souveränität wieder herstellen?

Die Haut des Drachens

Es heißt, wer Veränderung will, muss den langen Marsch durch die Institutionen antreten, was übrigens keine Erfindung der 68er ist, schon die alten Chinesen wussten, dass man einen Drachen besiegen kann, wenn man in seine Haut schlüpft. Das ist allerdings nur ein Weg von vielen und wer zulange in der Haut des Drachens steckt, wird ein Teil von ihm. Auch das wusste man in Fernost. Wie übertragbar östliche Weisheiten auf den Westen sind, ist allerdings eine andere Frage und ein Hinweis auf den Unterschied zwischen dem japanischen Teeritual und einer gutbürgerlichen Kaffeetafel könnte die Antwort darauf liefern.

Veränderung entsteht – so lehren verschiedene psychologische Schulen – nicht alleine durch Intervention von außen, sondern durch die Interaktion zwischen Klient und Berater, der als Beobachter stets Teil des Experiments ist und Bewusstsein darüber entwickeln und vermitteln muss, dass die Landkarte nicht das Gebiet ist, um nur ein paar Punkte zu nennen. Übertragen auf das politische System, das sich jeder Veränderung widersetzt und immer rigidere Züge annimmt, lassen sich die Erfolgschancen der AfD und den mit ihr verbundenen Aktivisten leicht berechnen: Sie tendieren gegen Null! Als Teil des Systems tragen sie zu seinem Zusammenbruch bei und beschleunigen diesen, mehr nicht. Was danach kommt, ist offen (hoffentlich)!

Bleiben Sie wachsam!

Sapere aude, ja bitte! Aber vergessen Sie nicht, dass Sie mehr als nur ihr Verstand sind, Emotionen lügen nicht, niemals.

3 KOMMENTARE

  1. Die AFD und ihr JETZIGER Fanclub sind in der Tat chancenlos.

    Nicht Fisch, nicht Fleisch.
    Ursprünglich gegründet von Profs (Lucke, Henkel…), die seinerzeit (ohne wirklich anzuecken), fette Kohle absahnen und/oder ihr Ego pimpen wollten. Denen war klar, dass sie als u 5% Partei nichts ändern können, aber lecker (EU)Pöstchen geh’n ja immer.
    Dann kam 2015 und man entschied sich, wider die eigene DNA, auf den gefährlichen Krisenzug aufzuspringen. Den Stimmzuwachs nahm man nur zu gerne mit. Dann aber begannen die Probleme, die Abwehrreaktion der eigenen DNA nahm Fahrt auf (Lucke, Petry…). Die „Liberalen“ würden am liebsten wieder in Ruhe gelassen werden und stressfrei vegetieren. Nur nicht anecken.
    Funktionieren kann und wird das nicht, denn Frankenstein hat gute Arbeit geleistet. Außerdem wird das Monster derzeit noch gebraucht, um dem Pack noch so was wie Hoffnung vorzugaukeln, um den Frosch möglichst lange im Wasser zu halten.
    Faktisch ist es so, dass nicht die unbequeme Mutation (die nachweislich für die Stimmzuwächse verantwortlich zeichnet) der Hemmschuh ist, sondern die eigentliche (nutzlose) DNA, die sich in Wirklichkeit nen Scheiß um die Sorgen und Nöte der verworfenen „Kleinanleger“ scheren (und die merken das!). Das erklärt auch die Wahl-Unterschiede zwischen (Mutation)Ost und (Original-DNA)West. Das erklärt auch den internen Kampf zwischen feige und anpassungsfähig gegen mutig und widerspenstig, Trittbrettfahrer und Wendehälse gibbet natürlich auch.

    ….

  2. ….

    Die AFD müsste ihre „asoziale“ DNA abstreifen und so was werden wie eine !ehrliche! SPDGRÜNLINKE. Die Verwerfungen werden nicht kleiner, da genau liegt das tatsächliche Wählerpotential und somit die Chance zur Veränderung. Stattdessen aber versuchen sie bei C-XY und FDP zu wildern, was mehr als nur strategischer Unsinn ist.
    Früher war es mal so, dass die gut Betuchten „rechts“ wählten und die „Arbeiter“ „links“. Auch heute ist es nicht anders, bis auf, dass die Zahl der „Arbeiter“ stetig wächst und diese heute keine Orientierung mehr haben. Kurzum, die AFD muss sozial werden (bevor es die SPD wieder simuliert!), dann verschwindet auch das „Naziimage“, welches nicht unerheblich von der alten DNA gepflegt wird, um sich der anstrengenden Mutationen zu entledigen. Verändern sie sich nicht (hin zum Linkspopulismus), werden sie auf ewig die Nazijuden und Prügelknaben bleiben und werden irgendwann sogar völlig überflüssig sein.

  3. Wer Auto fahren will, darf sich nicht von Lenkrad und Gaspedal distanzieren, das ist doch wohl klar. Dass ich auf der Fahrt nicht jeden als Fahrgast dabei haben will, ist wohl auch klar. – Das Besoffene-Laune-Video mit Bystron und dem Tätowierten ist ekelhaft. Bystron sollte unsere Partei nicht weiter beflecken.

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