Sind die Polen ausländerfeindliche Nationalisten?

Bilder vom jährlichen Unabhängigkeitsmarsch polnischer Nationalisten – Photo by DrabikPany Flickr

Polen und Deutsche durch die Asylkrise wieder verfeindet (3)?

Wie alle Osteuropäer sind auch die Polen der Überzeugung, unsere Asylkrise sei ein rein deutsches Problem. Sind sie heute undankbar? Hatte doch Deutschland seinem östlichen Nachbar nicht nur ökonomisch stets unter die Arme gegriffen? Der Autor, Zeitzeuge und Landeskenner, analysiert in diesem Beitrag die Frage, ob die Polen gegen die Migranten sind, weil sie ausländerfeindliche Gene in sich tragen. Wenn es angeblich den „hässlichen Deutschen“ gab, vielleicht gibt es auch den „fremdenfeindlichen Polen“?

Historischer Rückblick

Ob die Polen in ihrer tausendjährigen Geschichte intolerant und xenophobisch waren, kommt auf den Betrachtungszeitraum an. Im Mittelalter und unter der mächtigen Jagellonen-Dynastie im XV. und XVI. Jahrhundert, galt das Land als Geheimtipp für Abenteurer und „ökonomische Glücksritter” aus Westeuropa, vor allem für Deutsche, Italiener und Holländer. Die nachfolgende Adelsrepublik Polen-Litauen war im XVII. und XVIII. Jahrhundert ein Vielvölkerstaat, aber katholisch indoktriniert und intolerant. Im Vorkriegspolen (1919-1939) gab es wiederum nationale Konflikte mit den Ukrainern und anderen Minderheiten. Andererseits lebte dort mit 6 Millionen Personen die größte jüdische Diaspora weltweit. Die Volksrepublik Polen (1945-1990) konnte so auf so gut wie keine Kontakte mit Ausländern zurückblicken. Die wenigen Studenten aus der Dritten Welt waren wegen ihrer begehrten USD ein Anziehungsmagnet für junge hübsche Polinnen. Den Jungs konnten die exotischen Kommilitonen dagegen weniger imponieren. Die ideologisch unterstützten Vietnamesen, fleißig aber bedürftig, waren wegen ihrer geringen Zahl niemals ein Thema. Einzig und allein würde sich die vormalige Feindseligkeit gegenüber den Deutschen und heute gegenüber den Russen als eine echte Ausländerfeindlichkeit identifizieren lassen. Mit den Deutschen ist man heute durch jahrzehntelangen Begegnungen klar gekommen.

Ukrainer in Polen oder wie heute eine kontrollierte Migration funktioniert

Die Beziehung der EU-Polen zu den Ukrainern als dem letzten Armenhaus Europas eignet sich als Bewährungstest. Auch heute blicken die Ukrainer wahrscheinlich so zu den Polen so auf, wie diese früher zu den Deutschen. Beide Ostvölker sind seit vierhundert Jahren verfeindet. Die Polen waren stets die Herren, die Ukrainer die Untergebenen. Während der deutschen Besatzung verübten ukrainische Nationalisten einen Völkermord an den Polen und wollen es heute nicht zugeben. Das ist alles keine gute Basis für eine Willkommenskultur. Die Geschichte lehrt oft, dass ein Volk selten nur als Opfer sondern auch als Täter dasteht und dass die Ökonomie hilft, schneller zu vergessen. Zwischen den Deutschen und den Russen ist es ja nicht anders.

In Polen lebt seit drei Jahren mindestens eine halbe Million ukrainischer Migranten von ihrer eigenen Hände Arbeit. Umgerechnet auf die deutschen Verhältnisse wären das etwa 1,2 bis 1,5 Millionen. Es gibt kein Geld vom polnischen Staat und keine Sprach- und Integrationskurse. Die Arbeitswilligen warten tagtäglich an bestimmten Sammelstellen und nehmen jede Arbeit an, wenn sie keinen Vertrag haben. In Ausnahmefällen unterstützen arbeitende Ukrainer ihre Landsleute und Verwandte, die vor Ort noch keinen Job gefunden haben. Es gibt zwar keinen Mindestlohn, aber genug Arbeit für die Neuankömmlinge. Der Markt regelt die Sätze. Zwei Euro pro Stunde gelten schon als guter Verdienst. Die Ankömmlinge nehmen den Einheimischen keine Jobs weg, weil polnische Arbeitskräfte für solchen Stundenlohn nicht zu haben sind. Die Ukrainer sind genügsam, zufrieden und stellen keine langen Kataloge an Forderungen. Sie machen auch keine negativen Schlagzeilen in den Medien mit Prügeleien, Diebstahl oder Vergewaltigungen. In Polen hätte die funktionierende Staatsgewalt derartige Exzesse ohnehin schnellst unterbunden.

Die Ukrainer definieren sich durch ihre Arbeitsleistung. Die meisten sind zuhause nicht politisch verfolgt worden, sind legal zur Arbeit eingereist oder geblieben und stammen nicht aus den Kriegsgebieten in der Ostukraine (Donbas). Sie haben in Polen keinen geregelten Rechtsstatus, werden aber als „Wirtschaftsflüchtlinge“ geduldet. Die Mehrzahl von ihnen macht sich keine Illusionen über Integration, da – obwohl beide Nationen kulturell und sprachlich eng verwandt sind – sie mit dem wenigen Ersparten in die Heimat nach einigen Jahren zurückkehren wollen. Man akzeptiert sich gegenseitig und die unkontrollierte Einwanderung auf Zeit funktioniert. Eine klare win-win-Situation.

Exkurs: So lange sich die EU nicht einmischt, gibt es keine Willkommenskultur, Asylindustrie und Flüchtlingsanwälte. In Lublin, nah der weißrussischen Grenze, werden gerade für EU-Gelder Beratungsstellen eingerichtet, die „Asylsuchende“, die über Russland und die Ukraine kommen, entgeltlich zu informieren. Ein Zubrot für arbeitslose Juristen.

Exkurs: Gibt es vielleicht wieder ein Go East?

Viele Polen wissen genau, wenn es in Deutschland wegen der Migranten – primär finanziell – nicht mehr weiter geht, dürfen sie in ihre Heimat zurückkehren. Vielleicht schließt sich ihnen so mancher Spätaussiedler an. Denn die Nationalitätsabgrenzung zwischen den Deutsch-Polen und den Aussiedlern verwischte sich zusehends, besonders in der zweiten Generation.

Ein deutscher Spätaussiedler aus den 70er Jahren oder ein in den 80er eingebürgerter Pole, heute beide im Rentenalter, würden mit 1.200 € Rente in Polen komfortables Leben führen. Damit sie das Vorhaben realisieren können, müssten sie ihre „heimliche Übersiedlung“ clever einrichten: Das geht so: Besitzen sie ein Reihenhaus, verkaufen sie dieses an ihre berufstätigen Kinder und kaufen eine billigere Immobilie in Schlesien oder im schönen Masuren. Den Rest des Geldes bringen sie legal als Reserve ausser Landes und retten das Kapital vor eventuellem Zugriff des finanzklammen deutschen Staats. Werden sie krank, reisen sie zur Behandlung wieder nach Deutschland ein, weil sie dort bei ihren Kindern angemeldet sind. Plant Berlin irgendwann die Eigenheimbesitzer mit Vermögensabgaben zu belangen, – der kleine Mann wird wohl die Berliner Flüchtlingsparty finanzieren müssen! – sind ihre Kinder aus dem Schneider, weil sie das Haus mit Kredit finanziert haben.

Die Zahl derjenigen, die ein solches simples „Altersruhemodell“ wählen dürften, kann schnell in die Hunderttausende gehen. Auch deutsche Fachkräfte und Gewerbetreibende im produktiven Alter entdecken das Land an der Weichsel immer öfter als Niederlassungschance. Go East ist in der tausendjährigen deutsch-polnischen Geschichte kein Novum. Wer die Geschichte auf die polnischen Teilungen und den Zweiten Weltkrieg reduziert und die Zeiten des fruchtbaren Zusammenlebens übersieht, der sei auf die Fachliteratur verwiesen.

Bleibt zu fragen, ob deutsche Einwanderer und nicht nur ihres Kapitals willens in Osteuropa willkommen sind. In der Geschichte gab es viele Probleme mit deutschen Minderheiten. Solche Gefahren sind heute ausgeschlossen. Deutsche Auswanderer haben andere Sorgen, als Forderungen im Gastland zu stellen. Anders als in der Vergangenheit haben die Auswanderer zudem einen starken Staat („das Reich“) im Rücken mehr, der sie „manipulieren” könnte.

Im heutigen Polen ist die Aversion gegen die Deutschen auf ein Minimum gesunken. Wenn es Ablehnungen gibt, richtet sich diese gegen die Bevormundungsversuche der Berlin-Brüssel-Clique. Auch die Polen in Frankreich, Belgien oder in Großbritannien, haben die Gefahr der Islamisierung Europas erkannt. Das verbindet sie mit den Deutschen. Sobald auch sie ein ausreichendes Finanzpolster akkumuliert haben, werden sie nach Hause zurückkehren wollen.


Dr. Viktor Heese – Ex-Börsianer, heute freiberuflicher Dozent und Fachbuchautor

www.börsenwissen-für-anfänger.de

Anzeige

für eine Banküberweisung finden Sie die Kontonummer im Impressum

Opposition 24 unterstuetzen
Ihre Email Adresse:

Hinweis zu den Kommentaren

Kommentare geben nicht die Meinung der Redaktion wieder!
Dr. Viktor Heese
Über Dr. Viktor Heese 27 Artikel
Dr. Viktor Heese - Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Er hat über das postsowjetische Russland und die ehemalige Sowjetunion die Bücher "Die (Un-)Möglichkeit der russischen Imperialpolitik (Tectum 2015) und 25 Jahre danach "Was ist aus der Ex-Sowjetunion geworden?" (epubli 2016) verfasst.

2 Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.