Russland versus China – unterschiedliche Entwicklungswege, unterschiedliche Erfolge

Die letzte Jahrespressekonferenz von Wladimir Putin zeigt, dass es mit Russland aufwärts geht. China ist aber noch erfolgreicher. Warum hat Russland nicht den gleichen Entwicklungsweg wie die Chinesen gewählt?

Bildquelle: Kremlin.ru / CC 4.0

Hat es doch wie das Reich der Mitte eine fatale planwirtschaftliche Vergangenheit hinter sich und einen starken Staat, der die gewählte Strategie durchsetzen könnte. Die Übernahme des chinesischen Modells brächte Russland einen doppelten Vorteil. Würde es beim BIP den gleichen Wachstumssprung gegenüber dem Westen wie China haben, stünde es jetzt auf Platz 3. und nicht auf 6. in der Weltrangliste, gleichauf mit Indien und noch vor Japan und Deutschland. Es wäre ohne wenn und aber als Supermacht akzeptiert worden und hätte weniger Druck des Westens abzuwehren. Wer wirtschaftlich stark ist, ist meistens politisch stark. Oder kann sich jemand vorstellen, dass es Merkel & Brüssel nur andeutungsweise in den Sinn käme, China wegen „Verletzung der Menschenrechte“ oder der Tibet- und Taiwan-Politik mit Wirtschaftssanktionen zu drohen! Der auf den bekannten Fakten basierende Beitrag erklärt, warum China und Russland wirtschaftlich so unterschiedliche Entwicklungswege gingen und wie erfolgreich diese waren (sind).

1. 20 Jahre Zeitvorsprung zugunsten Chinas

China hatte keinen Systemeinbruch, wie Russland während der Perestrojka und der Jelzin-Ära (1985 – 2000), überstehen müssen. Der nach der chaotischen Zeiten der Kulturrevolution in den 1960er Jahren 1978 mit den Deng-Reformen 1978 begonnene Übergang zum Kapitalismus, fand 20 Jahre früher statt. Der Transformationsprozess verlief in China ohne größere Blessuren. Ein solcher Vorsprung zu „Beginn des Wettlaufs“ lässt sich nicht einfach aufholen. Das Blatt hat sich zugunsten Chinas gewendet. Auch wenn statistische Zahlen fehlen, war die Sowjetunion in 1960er Jahren ökonomisch wesentlich stärker als der arme sozialistische Bruder im Süden und half diesem mit umfangreicher Entwicklungshilfe.

2. Landespotentiale setzen jedem Entwicklungsweg enge Grenzen

Russland besitzt als Land und Nation andere wirtschaftliche Potentiale als sein asiatischer Nachbar. Durch den Rohstoffreichtum ist es quasi gezwungen sich wirtschaftlich (zunächst?) auf den Energie- und Rohstoffsektorsektor zu konzentrieren, um Aufbaukapital zu akkumulieren. Im BRICS-Jargon fungierte es als das „Rohstofflager der Welt“, während China aufgrund des Bevölkerungsreichtums lange die “ Werkbank der Welt“ darstellte. Der Vollständigkeit halber sei zu ergänzen, dass Indien von den Investmentbankern als das „Büro der Welt“, Brasilien als die „Plantage der Welt“ und Südafrika als die „Mine der Welt“ getauft wurden. Es wäre pseudoökonomisch, wenn sich die Kreml-Strategen bei einem chronischen Arbeitskräftemangel, wie China, auf arbeitsintensive Wirtschaftssektoren spezialisiert hätten. Seit David Ricardo, der vor 200 Jahren die Prinzipien der Außenhandelstheorie ausformuliert hatte (Principles of Political Economy and Taxation) weiß man, dass ein Land sich auf jene Sektoren zu konzentrieren hat, bei denen es komparative Kostenvorteile besitzt.

3. Lebenssinn besteht nicht allein aus Arbeit – unterschiedliche Mentalitäten der Russen und der Chinesen

Die Russen haben als europäisches Volk eine ganz andere Wirtschaftmentalität als die Asiaten des Fernen Ostens. Das heißt nicht, sie würden das ökonomische Leistungsprinzip weniger bejahen als die Chinesen. Sie treiben es nur weniger intensiv. Jeder Westeuropäer versteht warum Japan nach 1945 so lange wirtschaftlich die Nase vorne hatte. Arbeitsdisziplin, Konsumverzicht und Einstellung zur Freizeit werden als Lebensqualität in Europa anders als im Fernen Osten oder in Afrika empfunden. In Bezug auf die Wertschätzung dieser Komponenten unterscheiden sich eben die Russen und die Chinesen gravierend. In Russland, das nach Jahrzehnte langen Entbehrungszeiten die Reize des Konsums entdeckte, wären die chinesischen Spar- und Investitionsquoten von 40% völlig unvorstellbar. Man lebt nur einmal, zumal wenn man an Geld gekommen ist. Für die Russen, die seit Jahrhunderten die Leistungskraft der Deutschen bewunder(te)n, spielen die Chinesen noch einmal in einer ganz anderen Liga.

4. Kapitalismus „von unten“ (China) begünstigt, Kapitalismus „von oben“ (Russland) hemmt die Wirtschaftsleistung

Die Chinesen wählten ein anderes Lenkungsmodell für die Wirtschaft als ihre Nachbarn. Die in Russland 1991 aufgelöste Kommunistische Partei, kontrolliert in China formal noch immer die Wirtschaft über das weit verzweigte Kadersystem, ohne sie dabei zu dirigieren. Diese Kontrolle übten in Russland zur Jelzins Zeiten (1992 – 2000) die Oligarchen aus. Heute ist es der starke Staat und seine Ober-Bürokraten, die das Sagen haben. Während die Oligarchen in der Mehrzahl klassische Privatisierungsmilliardaire waren, entwickelten sich in der Volksrepublik echte Leistungsmilliardaire. Die „roten Kapitalisten“ aus Fernost haben früh erkannt, welchen Vorteil die Nichteinmischung und der freie Wettbewerb auf einem riesigen Binnenmarkt mit sich bringen. Lediglich die Top-Manager werden noch, genau so wie im Russland, vom Staat auf verschiedene Weise kontrolliert – auch in den rein privatwirtschaftlichen Konzernen. Es gibt noch einen Unterschied: Neben dem Staatskapitalismus lässt China im großen Stil Small Business zu und fördert diesen. Solchen Mittelstand werden wir in Russland kaum finden. Ein Blick auf die Anzahl und Größe der Unternehmen in de Aktienindizes – den RTX in Russland und den CSI 300 in China – genügt weiter, um zu sehen, wie breit und tief die chinesischen Wirtschaft aufgestellt ist. Während chinesische Privatanleger dauernd zocken und gelegentlich Crashs verursachen, führt die russische Börse ein Mauerblümchen-Dasein. Auch diese Form der breiten Teilnahme am Wirtschaftsleben motiviert die Massen und spornt sie zur mehr Leistung an.

5. Auslandsverflechtung hat China zur Wirtschaftsmacht gemacht – Russland muss den Aufstieg aus eigener Kraft schaffen

Die Ostasiaten bauten, beginnend in den 1980er Jahren, ihre industrielle Basis sukzessive „von vorne“ auf. Russland hatte dagegen den Fehler gemacht und versuchte krampfhaft die noch zum Teil aus Stalin – Zeiten stammende postsowjetische Industriebasis zu modernisieren. Die für den investiven Kraftakt benötigten Mittel erwirtschafteten die Chinesen durch Massenexporte ihrer Billigwaren oder der veredelten Produkten – daher stammt der Begriff „Werkstatt der Welt“. Auch vor dem massiven Klau westlicher Hochtechnologie und permanenten Dumping schreckten Pekinger Rot-Kapitalisten nicht zurück. Diese aggressive Vorgehensweise gab es in Russland deswegen nicht, weil die Westinvestoren dorthin niemals so stark ihren Fokus richteten. Russland musste sein Kapital primär selbst akkumulieren. Ungeachtet aller Proteste, erwies sich Chinas Entwicklungskonzept letztendlich als das erfolgreiche. Nach der IWF-Klassifikation hatte es schon 2012 mit einem jährlichen BIP-pro Kopf-Einkommen von über 10.000 USD die Schwelle zum Industrieland mittlerer Entwicklungsstufe (middle income country) erreicht. 2015 soll es auf 14.300 UD gestiegen sein.

6. Während China heute expandiert, muss Russland noch lange Zeit konsolidieren

Nach der Aufbau- geht China heute zur Leistungsphase aus eigener Kraft über. Der neue Gigant setzt weiter auf enge Auslandsverflechtung – jetzt auch im Welthandel Nr.1 und Großeinkäufer von westlichen Technologiefirmen – und entdeckt die Konsumwelt. Es kann sich endlich erlauben auf mehr Wachstumsqualität (Umweltschutz, Lebensstandard) Rücksicht zu nehmen. Auch wenn es das BIP-Wachstum zuletzt um 2% p. a. drosseln musste, reichte der Vorsprung aus, um die USA 2015 mit 19,7 Bill. USD, die 18,0 Mrd. USD erwirtschafteten, zu überholen. Es hat heute Zeit seine Raumfahrt zu entwickeln, in Afrika und Lateinamerika zu expandieren, die Industrie – nicht zuletzt im Rüstungsbereich – und die Digitalisierung zu entwickeln.
Während China also von der Dynamik vergangener Perioden profitiert, befindet sich Russland nicht in dieser komfortablen Situation. Das Ostreich muss erst wieder zu einem Wachstumspfad finden, was angesichts vieler Bremsfaktoren (zuletzt fallender Ölpreis) nur langsamer vonstatten geht. Im Fokus stehen, wie in früheren Zeiten, Großinvestitionen im Infrastrukturbereich. Bis zur klassischen Konsumgesellschaft hat Russland noch einen weiten Weg vor sich. Die Russen von heute sonnen sich nicht primär im Konsum sondern im zurück gewonnenen Stolz. Stolz kann man aber nicht essen. Moskau träumt von einem größeren Binnenmarkt durch die ins Leben gerufene Eurasische Wirtschaftsunion mit heute gerade 180 Millionen Einwohnern und Erweiterungsambitionen rund um die sog. Neue Seidenstrasse. China besitzt diesen Markt mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern schon lange und genießt alle sich daraus ergebenden Skaleneffekte. Auch im Außenhandel hat es Russland wesentlich schwerer. Während China die Weltmärkte mit seinen minderwertigen – dafür billigen – Produkten jetzt in der Dritten Welt überschwemmt, sind russische Waren zu teuer und nicht konkurrenzfähig. Die Osteuropäer setzen daher auf die Spezialisierung in Bereichen, wo sie viel Tradition und Know How besitzen (Raumfahrt, Atomkraftwerke, Rüstungsgüter).

Fazit: Den ökonomisch bequemsten Entwicklungsweg kann es sich ein Land, das exogenen und endogenen Sachzwängen ausgesetzt ist, nicht frei aussuchen. Russland liefert hierfür ein Paradebeispiel. Deutschlands Humankapital sei ja auch unser „wertvollstes Wirtschaftsgut“ – schwärmt eine gewisse Angela Merkel. Russland feindlich gesonnenen Westmedien klassifizieren seine Entwicklungsstrategie unisono als rückständig, strukturell einseitig, nicht wettbewerbsfähig, korrupt, ohne Mittelstand und mit unterentwickelter Konsumwirtschaft. Das ist zum Teil richtig, für eine Restaurationszeit in der sich das Land aktuell befindet, aber irrelevant. In zwanzig Jahren kann mehr erwartet werden. Unverständlich ist, dass auch der erfolgreiche Entwicklungsweg des ebenso nicht gemochten Chinas genauso stark kritisiert wird. Wenn schon – anders als für den Fall Afrikas – die Wirtschaftserfolge nicht leugnen lässt, sollen sie mit den vielen „Aber“ wenigstens madig gemacht werden. Die Wirtschaftsgeschichte lehrt: Es gibt ex post kein richtigen oder falschen Rezept für einen ökonomischen Erfolgsweg. Alle Schwellenländer die sich strikt nach dem IWF-Vorgaben und dem sog. Washingtoner Konsens orientiert hatten, stehen heute schlechter als die BRICS – Staaten dar und sind massiv verschuldet. Zunächst erwies sich der von China beschrittene erfolgreicher. Russland wird dagegen mehr Potential besitzen.

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Dr. Viktor Heese
Über Dr. Viktor Heese 37 Artikel

Dr. Viktor Heese – Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor.
Er hat über das postsowjetische Russland und die ehemalige Sowjetunion die Bücher „Die (Un-)Möglichkeit der russischen Imperialpolitik (Tectum 2015) und 25 Jahre danach „Was ist aus der Ex-Sowjetunion geworden?“ (epubli 2016) verfasst.

1 Kommentar

  1. Schlagzeile in Welt online:
    „Putin greift nach Europa- und Europa schaut zu !“
    Das ist wieder eine halbe Lüge, denn es müsste heißen:
    “ Putin greift nach Europa und der große Teil des europäischen Volkes will es so ! “
    Putin hat es in Syrien gezeigt wie sinnvolle Politik geht. Wenn Er nicht gewesen wäre, würden heute noch die Obama-Terroristen mit unseren Steuergeldern bezahlt.
    Wir haben nämlich die Schnauze gestrichen voll von der schleimigen Verräter-Politik
    unserer „Vertreter“ .

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