Polnische Russophobie: Warum Wladimir Putin nicht nach Warschau eingeladen wurde

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Gefährdet die polnische Russophobie den europäischen Status Quo?

Vor einer Woche fand in Warschau eine pompöse Gedenkfeier zum 80 Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges statt, jedoch ohne russische Teilnahme. Auch vor vier Jahren wurden die Befreier von Ausschwitz zur „Befreiungsfeier“ nicht eingeladen. Polen möchte solche Events nur „mit Freunden feiern“. Solange es bei der Symbolik bleibt – schließlich wurde Putin zum G7-Gipfel oder dem D-Day-Treffen ebenfalls nicht eingeladen – kann es egal sein. Geht es um die Störung von Nordstream 2, die Aufrüstung der Ukraine, den US-Raketenabwehrschild (1) oder die von Warschau favorisierten neuen US-Basen und die (eventuelle) Stationierung von US-Atomwaffen (2), sollte man aufhorchen. Bei aller Sympathie für die Osteuropäer für ihre Opposition gegen das heuchlerische Brüssel stellt sich die Frage, ob ihre Russophobie nicht ein gefährliches Spiel ist?

Ohne Grund: Feindschaft mit Russland anstelle der „ewigen Freundschaft mit der Sowjetunion“

Polen möchte in seiner sechshundertjährigen Geschichte mit Russland immer als Opfer dastehen. Dabei war es mehrmals auch als Täter zu identifizieren.

Fakten: 1600-1612 Eingriff in den russischen Bürgerkrieg und Besetzung Moskaus, Napoleons willigste Hilfstruppe nicht nur im Feldzug von 1812, Ukrainefeldzug Piłsudzkis nach dem Fall des Zarenreiches 1920. Oft ist zu hören, die Russophobie der Polen resultiere aus ihrer Sehnsucht an das im 17.Jahrhundert „verloren gegangen Imperium“, der einst mächtigen polnisch-litauischen Adelsrepublik, die sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer erstreckte. (3) Die späteren Teilungen Polens (1772-1795), die kurze Vorkriegszeit (1919 – 1939), der sowjetische Mord von Katyn (1940), die Kommunistenzeit (1945-1989) und die Westintegration Polens nach 1990 sind bei uns allgemein bekannt. Irgendwie scheint es mental zwischen den beiden slawischen Völkern, den „untertänigen“ Russen und den „freiheitsliebenden“ Polen niemals geklappt zu haben. Schon berühmte Literaten beider Nationen (Dostojewski, Żeromski) haben vor 150 Jahren für die Zukunft nichts Gutes geahnt.

Ohne Potential: Der polnische Traum von einer „Mittelmacht“?

Wer glaubte, der Fall der Sowjetunion und die neue politische und religiöse Realität in Russland würde eine Werteannäherung und Aussöhnung bringen, der irrt. Sicherlich waren und sind Polens politische Eliten anfällig für politische Wichtigtuereien ohne das nötige Potential zu besitzen (Kolonien-Träume in der Zwischenkriegszeit). Die heutigen Stichworte zu diesen Ambitionen lauten: stärkste Ostflanke der NATO, Visegrad-Führerschaft, neue Zwischenmeer-Allianz (4) oder „Mittelmacht“.

Gerade mit diesem letzten Terminus schmeichelten die cleveren US-Präsidenten den opferbereiten Osteuropäer um sie nicht zuletzt gegen die kriegsmüden Deutschen (wo bleibt unser 2%ige NATO-Beitrag!) auszuspielen. (5) Es war dafür ein Preis zu zahlen: Ging es um die US-geführte Militäreinsätze (Irak), geheime Militärgefängnisse (Bush-Kadenz), unkritische Unterstützung der Washingtoner Politik (jetzt Iran), Großmanöver in der Ukraine, massiven Attacken auf Nordstream2 und einiges mehr sind die US-hörigen Polen immer dabei. Auch missfällt Warschau der Kuschelkurs Brüssels & Berlins mit Moskau und die Idee der Aufweichung der Russland-Sanktionen.

Ohne Logik: Russophobie in der polnischen Innenpolitik ein fester Bestandteil

Russophobie bringt in Polen allen Parteien immer Wählerstimmen, Annäherungsversuche an Russland wären dagegen riskant. Kein Wunder – sollen doch 80% der Polen russenfeindlich sein ohne genau zu wissen warum. In einem polnischen Blog heißt es zutreffend „Vereint im Hass gegen Russland, gespalten in der Liebe zur EU“. (6) In kommunistischen Zeiten waren die Fronten klar, die Sowjetunion verweigerte ihnen den Zutritt zum „goldenen Westen“. Heute muss dagegen die Dauerpropaganda, die irrationale Blüten feiert, den Jugendlichen nachhelfen: Wer würde schon die Opfer des Flugzeugabsturzes der polnischen Regierungsdelegation (Smolensk 2010) als „Gefallene“ bezeichnen und hierzu in monatlichen Abständen Trauerfeier veranstalten? (7)

Dabei kennen sich die Nachbarn wenig. Polen, ob jung oder alt, haben wenig Kontakte zu den Russen. Auch wenn die Jungen der Propaganda nicht glauben sollten, aus Empirie werden sie die Behauptungen nicht widerlegen können. Auf der Besucherliste in den Osten stehen zuletzt boomende Nostalgiereisen in die (vormals polnische) Westukraine nicht aber solche nach Moskau oder Saint Petersburg.

Ohne Gefahr für Europa: Es wird nichts so heiß gegessen wie gekocht

Die Russophobie ist im Alltagsleben allerdings unschädlich. Die Polen sind Pragmatiker geworden, denen die Vorzüge des Kapitalismus so richtig zu schmecken beginnen. Abstrakte Themen wie „Bedrohung durch das aggressive Russland“ oder „Kriegsreparationen von Deutschland“ interessieren die meisten viel weniger als die nahenden Selm-Wahlen im Oktober, die Brüsseler Daueranschuldigungen oder der vom Westen geförderte künstliche Kulturkampf der katholischen Kirche mit der LGTB-Bewegung.

Russen besuchen wiederum lieber Mallorca und kenne das Nachbarland nur von Shopping-Touren. Bis vor kurzem gab es noch den visafreien kleinen Grenzverkehr zwischen dem Königsberger Gebiet und den masurischen Nachbarregionen, inklusive Danzig. Davon lebten einige arme Grenzbewohner nicht schlecht. (8)

Warschau stört auch nicht die neutrale Haltung der Visegrad Staaten zu Russland oder Matteo Salvinis Vorliebe für dieses Land. Auch hier genießt der Pragmatismus Vorrang.

Was Putin 2009 in Danzig gesagt hatte, besitzt heute unverändert Gültigkeit

Vielleicht ist es auch besser, dass Putin nicht nach Warschau eingeladen wurde. Die Kernaussagen seiner kurzen Rede die er vor 10 Jahren in Danzig zur 70.Jahresttagfeier gehalten hatte, haben noch heute Gültigkeit und würden vielen nicht gefallen (9): Hier einige Auszüge: unnötige Demütigung Deutschland durch den Versailler Vertrag, die übersehene Demokratisierung Russlands, der Beitrag seines Landes zur Beendigung des Kalten Krieges und des Mauerfalls, Gefahren der neuen Xenophobie, fehlende Verbesserung der russisch-polnischen Beziehungen. Wer möchte das schon wieder hören?

Fazit:

Russophobie ist ein unschöner „Kollateraleffekt“ in der ansonsten vernünftigen konservativen PIS-Politik in Polen. Für die europäische Sicherheit und den Status Quo ist dieser dennoch ungefährlich. Sollte die Euphorie Polens zum „neuen großen Bruder“, den USA, bald einer Nüchternheit weichen, wird sich die Russophobie normalisieren. Worauf dürften sich die Polen danach konzentrieren? Hier kann es Überraschungen geben. Das wovon der Erfinder des Begriffes „polnische Wirtschaft“, Preußens König Friedrich der Große (1740-1786) noch nicht geträumt hatte, könnte Realität werden. Polen könnte sich weiter auf seinen unerwarteten Wirtschaftsboom konzentrieren. An den Mega-Projekten der Neuen Seidenstraße und dem Aufbau der maroden Ukraine ließe sich mächtig verdienen.


Dr. Viktor Heese – Finanzanalyst und Fachbuchautor; www.prawda24.com; www.finanzer.eu