Polen will keine Kriegsreparationen, möchte jedoch von Brüssel & Berlin in Ruhe gelassen werden!

Die im letzten Beitrag vermutete Berechnungsweise der Kriegsreparationen von bis zu 1 Bill. € (oft wird abweichend von 1 Bill. USD gesprochen) findet in der halb-amtlichen Schätzung des IPN ihre Bestätigung. Die Berechnung weißt allerdings einen Schönheitsfehler auf, weil sie den Wert abgetretener Deutschen Ostgebiete de facto „mit Null“ ansetzt. Es wäre hier ein Leichtes für die Bundesregierung in einer öffentlichen Diskussion auf diesen Mangel hinzuweisen. Hier kneift Berlin wie gewöhnlich, da es befürchtet, dass andere unbequeme Polen-Punkte in die Aussprache gelangen. Die Frage der angeblich offenen Kriegsreparationen ist andererseits für Warschau eine willkommene Waffe gegen die ständigen Einmischungsversuche der EU. Wer Berlin schwächt, schwächt Brüssel – so die Staatsräson. Ein Folgebeitrag von Dr. Viktor Hees:

Krzysztof Kopeċ von Institut für Nationales Gedenken (Instytut Pamięci Narodowej) IPN rechnet vor, wie die 1 Bill. USD zustande kommt

IPN ist eine regierungsnahe Einrichtung, die Dokumente über die Verbrechen deutscher und sowjetischer Besatzer  sowie der Kommunisten in Volkspolen  archiviert und verwaltet. Die alte Bundesrepublik unterhielt ebenfalls ein Archiv über die SED-Rechtsbrüche. Krzysztof Kopeċ, ein namhafter IPN-Experte, ermittelt die bekannte 1 Bill. USD Reparationssumme indem er die 1946 von den polnischen Kommunisten penibel durch eine Inventur ermittelten 50 Mio. USD (davon 17 Mrd. USD „entgangenes BIP“ durch Menschenverluste und 32 Mio. USD Sachschäden) nach der heutigen Kaufkraft hochrechnet. Eigentlich ist das keine Rechenkunst, das Konzept enthält aber entscheidende Punkte, die eine eventuelle Experten-Diskussion versachlichen würde:

  • erstmalig werden die deutschen Ostgebiete beim Namen genannt, als Verrechnungsmasse und nicht als alte rückgabepflichtige polnische Gebiete angesehen. Denn Schlesien hat Polen 1343 verloren, Westpommern 1181 und die Großteile von Ostpreußen wurde vom Deutschen Orden ab 1226 „kolonisiert“ und gehörten niemals zu Polen

  • es wird („buchhalterisch“) ökonomisch argumentiert, wodurch willkürliche und utopische Zahlen vermieden werden. Kriegsschäden lassen sich entgegen anders lautenden Behauptungen sehr wohl fundiert schätzen. So bin ich mit Kopeċ der Meinung, der Wert der polnischen Kriegsschäden übersteige den ökonomischen Wert der deutschen Ostgebiete – auch wenn diese Aussage so manche Heimatvertriebene oder Spätaussiedler, nicht zuletzt meine verstorbenen Eltern, nicht akzeptieren würden. Der Verlust der Heimat soll ja unbezahlbar sein.

Kopeċ steht mit seiner Rechnung nicht allein. Kriegsschäden, auch die von den Sowjets verursachten, zu berechnen ist in Polen heute in Mode gekommen. Viele polnische Städte haben diesbezüglich ihre eigenen Schätzungen vorgenommen – Warschau kommt z.B. auf 45 Mrd. USD.

Die Rechnung ist jedoch lückenhaft und nur teilweise fundiert – der Autor bleibt bei einer fairen Entschädigung von 40 bis 60 Mrd. €

Die „Netto-Sachschäden“ sollen nach Kopeċ auch die „Gewinne“ in Gestalt der, Polen durch die Potsdamer Konferenz zugefallenen Deutschen Ostgebiete, enthalten. Diese werden allerdings lächerlich niedrig mit einem heutigen Gegenwert von 34 Mrd. € (40 Mrd. USD) – gegenüber 1 Bill. USD polnischer Kriegsschäden! – angesetzt. Wer genau zurückrechnet, kommt auf einen Ausgangswert des deutschen Ostvermögens von gerade 1,2 Mrd. USD in 1946. Das ergäbe einen kriegsbedingter Vermögensverlust von 90% im Vergleich zu 1939. Nach den Reichszahlen – auf der IPN-Experte nicht eingehtbetrug das Volksvermögen der Gebiete jenseits der Oder und Neiße 12,3 Mrd. USD oder etwa 11 Mrd. USD ohne das Gebiet Königsberg. (vgl. vorheriger Beitrag). Die Polen berechnen für ihre Gebiete jedoch „nur“ eine Verlustquote von 38%! Die Erläuterung dieser Diskrepanz, die gewonnenen Ostgebiete waren massiv zerstört (verminte Felder, zerstörte Städte und von den Sowjets demontierte Fabriken) reichen in diesem Kontext keinesfalls aus. Sie würden einer ernsthaften wissenschaftlichen Diskussion nicht standhalten, der sich die deutsche Seite ruhig stellen könnte.

„Entgangenes BIP“, die zweite Komponente der Schadenssumme von 50 Mrd. USD aus 1946, wurde bei anderen Reparationsfällen niemals berücksichtigt, weil die „humanitäre Schäden“ nicht schätzbar sind. Wiedergutmachungen an die Opfer hat die Bundesrepublik an Polen mehrfach geleistet: Ob die geleisteten einmaligen 975 Mio. € von 2006 ausreichen ist eine andere Frage. Fazit: Der Autor hält im Unterschied zu der IPN-Rechnung den im letzten Beitrag geschätzten „Entschädigungsbetrag“ von 40 – 60 Mrd. € für fair. Zur Erinnerung: die Ausgangsbasis stellten hier die 16,9 Mrd. USD, welche für Polen auf der Pariser Reparationskonferenz 1946 angemeldet wurden. Wie oft in der Geschichte, waren hier diejenigen die es anging, d.h. weder Deutschland noch die Polen zu den Gesprächen eingeladen.

Was ist mit den deutschen Leistungen an die in Westdeutschland geduldeten polnischen Staatsbürger während der Kriegsrechtes 1980 – 1991?

Folgender Einwand wird vielen polnischen Lesern nicht gefallen, die schnell zum Argument greifen dürften. dies sei ein anderes Thema, eine humane Hilfe, die mit dem Krieg nichts zu tun habe. Das mag formal-moralisch stimmen, darf aber bei einer ehrlichen „ökonomischen Schlussaussprache“ nicht ausser Acht gelassen. Worum geht es hier? Deutschland hatte in 1981 nach Ausrufung des Kriegsrechtes in Polen für die Unterhaltung zu uns geflüchteter und geduldeter polnischer Staatsbürger, die weder den deutschen Pass (Aussiedler) noch Asyl erhielten, Dutzende Milliarden DM aufbringen müssen. Auch ohne eine neue Rechnung aufmachen zu wollen, kann anhand einiger Grunddaten (monatliche Ausgaben von 1.000 DM für 10-12 Jahre und Hunderttausende Personen) sehr wohl behauptet werden, dass diese Belastung es mit der vorgeschlagenen fairen Kriegsentschädigung von 40 bis 60 Mrd. € aufnehmen kann. Darüber spricht aber (bislang?) noch niemand.

Ein neuer Fonds für die Nazi-Opfer – ein abschließender Ausweg aus dem Dilemma?

Wie soll es weiter gehen? Angesichts der 30 Mrd. € zu zahlender jährlicher Migrantenkosten könnte das reiche Deutschland – mit diesem Atut wird ja so oft geprallt! – eine diplomatische Offensive anstoßen und die Verrechnung seiner fairen Reparationsverpflichtungen mit dem Wertverlust der Ostgebieten plus zitierter Aufwandsentschädigung anstreben. Stattdessen verharrt Berlin auf ungeklärten Rechtspositionen, auf der in den DDR- und UN-Archiven nicht auffindbarer Verzichterklärung Polens auf deutsche Kriegsreparationen von 1953. Es wäre ein Zeichen des guten Willens einen Wiedergutmachungsfonds für die polnischen Nazi-Opfer in einstelliger Milliardenhöhe einzurichten, auch wenn es vorher schon solche gab. Nicht nur die Heimatvertriebenen würden andererseits eine abschließende Erklärung Polens, dass die Abtretung der deutschen Ostgebiete durch die Potsdamer Konferenz und die Vertreibung eindeutige Unrechtakte waren als Genugtuung ansehen. So wie es jetzt aussieht, gibt es keinen Schlussstrich unter dem Thema Zweiter Weltkrieg und nicht nur die PIS-Regierung ist daran schuld.

Polen will primär (wohl) kein Geld, sondern von Berlin & Brüssel in Ruhe gelassen werden

Wer genau die Stimmung hinter der Oder studiert, stellt wie der Autor fest, dass das Land nicht primär auf Reparationen pocht, auch wenn eine faire Zahlung von 60 Mrd. € optisch nach viel Geld aussieht. Nur 63% haben sich zuletzt in einer letzten Umfrage dafür ausgesprochen. Ich bin mir sicher, dass der Anteil der Befürworter mit der Bekanntgabe der oben vorgeschlagenen Willenserklärung Deutschlands weit unter 50% sinken würde. Die großen Zahlen täuschen. Kein Pole würde sich durch einen Geldsegen von 1.500 € pro Kopf oder zwei zusätzliche Monatsgehälter plötzlich reicher fühlen.

Vielmehr muss die Reparationskarte der PIS-Regierung als Antwort auf die ständige Einmischung der EU, (Pressefreiheit, Justizreform, strittige Urwaldrodungen in Białowieża, Geld- und Sachunterstützung der Opposition), hinter denen sich unser werteorientiertes Berlin versteckt, in die inneren Angelegenheit des Landes angesehen werden. Denn trotzt der zahlreichen Verträge und Aussöhnungsakte zwischen beiden Völkern wurde die Reparationsfrage niemals behandelt und kann im heutigen Bedarfsfall geöffnet werden. Wer diese Schachzüge der Politik nicht zu erkennen vermag, braucht Nachhilfeunterricht.


Dr. Viktor Heese – Fachbuchautor und Dozent, in Polen geboren. www.börsenwissen-für-anfänger.de

Polnische Reparationsforderungen in der Höhe, nicht aber in der Sache schwer nachvollziehbar

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Dr. Viktor Heese
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Dr. Viktor Heese – Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor.
Er hat über das postsowjetische Russland und die ehemalige Sowjetunion die Bücher „Die (Un-)Möglichkeit der russischen Imperialpolitik (Tectum 2015) und 25 Jahre danach „Was ist aus der Ex-Sowjetunion geworden?“ (epubli 2016) verfasst.