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Lange Zeit voraus, da war es üblich, dass die Mütter ihre Kinder mit einer Gutenachtgeschichte erschreckten, damit die Kleinen artig vor Einbruch der Dunkelheit zu Bett gingen. Im Untergrund, so hieß es, da wohnten Menschenfresser. Nachts kämen die Kannalibalen unter den Gullydeckeln hervor und würden jedes Kind in den Abgrund ziehen, das dann noch auf der Straße sei, um es dort unten zu verspeisen. Viele Jahre zweifelte keines der Kinder an der Geschichte, denn es war eine andere Zeit als heute. Draußen war es auch schon tagsüber gefährlich, deshalb patroullierte das Militär und überall standen Überwachungskameras, damit niemandem etwas geschehen konnte. Manchmal tönten die Sirenen und Lautsprecherdurchsagen warnten vor schlimmen Krankheiten, Orkanen oder Terroristen, die Anschläge verüben wollten. Dann mussten die Menschen schnell nach Hause, ihre Türen und Fenster verriegeln, bis über die Bildschirme mitgeteilt wurde, dass alles wieder in Ordnung sei. An so einem Tag weigerte sich plötzlich der kleine Jonas, ins Bett zu gehen.

„Aber Jonas, es wird doch schon gleich dunkel“, sagte die Mutter. Doch der Junge schaute sie an und antwortete: „Woher willst du das denn wissen? Wir waren den ganzen Tag noch nicht draußen und alle Türen und Fenster sind verdunkelt. Vielleicht ist es ja noch ganz hell …“

„Ja, kannst du denn keine Uhr lesen?“ erwiderte die Mutter. „Hier steht doch, es ist 19:00 Uhr und darum wird es gleich dunkel.“

„Ja“, sagte das Kind, „aber mir kommt es vor, als sei es noch viel früher. Können wir denn nicht einfach nach draußen gucken, ob es nicht doch noch ein wenig hell ist?“

Da wurde die Mutter streng: „Du weißt doch, dass das verboten ist. Komm jetzt, es ist Zeit für die Gutenachtgeschichte.“

Jonas schüttelte den Kopf. Er wollte nicht immer ein und dieselbe Geschichte hören. Er kannte sie auswendig und sie erschreckte ihn weniger, als dass sie ihn langweilte. Die Mutter jedoch ließ sich nicht beirren, nahm den Kleinen auf den Arm, legte ihn ins Bett und begann zu erzählen:

Der Tag vergeht, die Nacht kommt herein.
Ihr Kinder sollt jetzt zuhause sein.
Aus dem Untergrund, da steigt empor
und kriecht unterm Gullydeckel hervor
Der grauenhafte Kannalibal
Und wartet auf sein Abendmahl

Hat er euch ergriffen und feste gepackt
dann werdet ihr von ihm in Stücke gehackt
Er nimmt euch mit in sein Verließ
und frisst euch knusprig gebraten am Spieß
Doch geht ihr zur Ruh und hört die Geschicht‘
Dann kriegt euch der Menschenfresser nicht

Der kleine Jonas liebte seine Mutter sehr, obwohl sie am Abend immer so streng mit ihm war und ließ auch dieses Mal die Geschichte artig über sich ergehen. Doch er tat nur so, als ob er eingeschlafen sei. Als die Mutter das Zimmer wieder verließ, versuchte er heimlich, den Rolladen zu öffnen. Doch so oft er auch den Schalter drückte, der Rolladen gab keinen Mucks von sich. Lange noch blieb er wach und dachte sich einen Plan aus. Am nächsten Tag erzählte er der Mutter, dass er einen fürchterlichen Alptraum gehabt habe und sie ihm zurm Sicherheit ein dunkles Tuch vor sein Fenster hängen solle, damit auch wirklich kein Kannalibale hereinschauen könnte. Die Mutter drückte ihn feste und sagte: „Siehst du, ich habe dir doch gesagt, wie gefährlich es ist.“ Dann holte sie eine schwere Decke, die sonst immer auf dem Sofa lag und hängte sie vor das Fenster im Kinderzimmer.

An diesem Tag dauerte es sehr lange, bis die Sirenen ertönten und Entwarnung gaben. Die Türen und Fenster durften geöffnet werden und die Mutter wollte mit Jonas zum Einkaufen. Aber Jonas blieb lieber zuhause und sagte, er wolle im Garten spielen. Er musste der Mutter versprechen, auf gar keinen Fall das Grundstück zu verlassen, aber zur Sicherheit schloss sie das Tor gleich zweimal ab, bevor sie ging. Jonas aber wollte nicht spielen, sondern suchte sich eine Schaufel und löste davon den Stiel, den er mit auf sein Zimmer nahm. Hinter der Decke, die jetzt vor dem Fenster hing, steckte er das Stück Holz draußen in den Rasen, so nah am Fenster, dass der Rolladen beim Herunterfahren von ihm aufgehalten werden musste. So hoffte er, in der Nacht etwas zu sehen.

Als es Abend wurde, ließ sich Jonas ins Bett bringen, hörte sich die Geschichte gleich zweimal von der Mutter an. Damit wollte er sie davon abhalten, noch einmal hinter die Decke zu schauen, die vor dem Fenster hing und alles verdunkelte. Kaum war die Mutter aus dem Zimmer, schlich sich Jonas aus seinem Bett und schaute nach draußen. Es hatte tatsächlich funktioniert. Der Spalt war so groß, dass Jonas sogar mühelos hindurchgepasst hätte, wenn denn nur das Fenster aufgegangen wäre.

Eine ganze Zeit tat sich gar nichts da draußen. Dann kam ein Wagen gefahren, wendete auf der Straße und Uniformierte stiegen aus. Jonas mochte sie nicht. Eigentlich fürchtete er sie mehr, als die Kannalibalen, von denen er noch keinen gesehen hatte. Als sein Vater noch bei ihnen wohnte, hatten sie ihn einmal abgeholt. Ein paar Tage später kamen sie wieder und erklärten, er käme nicht mehr zurück. Es sei verboten, darüber zu sprechen. Die Uniformierten leuchteten in einige Hauseingänge, dann stiegen sie wieder in ihr Fahrzeug und verschwanden. Plötzlich hörte Jonas ein schwerfälliges, metallisches Geräusch. Er schaute angestrengt auf die Straße und sah wie eine dunkle Gestalt direkt aus dem Asphalt herauszukommen schien, doch er wusste, dass an dieser Stelle ein Gullydeckel war. „Dann stimmt es also doch“, dachte der Junge und bekam es mit der Angst. Doch er konnte seinen Blick nicht abwenden. Es kamen weitere Gestalten aus dem Kanal, auch kleinere, die aussahen wie Kinder. Jonas konnte es kaum glauben, doch er wagte nicht daran zu denken, selbst wenn er irgenwie heraus geschafft hätte, den Unbekannten zu folgen. So ging er wieder ins Bett und hoffte, dass die Mutter am nächsten Tag nicht bemerkte, was er getan hatte.

In der Schule schwieg Jonas lieber über seine Erlebnisse. Sicher würde ihn eines der anderen Kinder verpetzen. Zur Strafe konnte man dann von den Drohnen davon getragen werden. Meist waren die Kinder, mit denen das gemacht wurde, am nächsten Tag wieder da, aber da es ihnen verboten war, darüber zu sprechen, erfuhr auch niemand, was wirklich dabei geschah. Wieder zuhause empfing ihn die Mutter mit strengem Blick: „Von draußen hat wohl jemand versucht, in unser Haus einzubrechen. Ausgerechnet an deinem Zimmer haben sie einen Stiel unter den Rolladen geklemmt. Die Polizei war da, weil bei ihnen ein Signal eingegangen ist, dass eines unserer Fenster nicht sicher sei. Gut, dass wir die Decke vor dem deinem Fenster hatten, sonst hättest du dich sicher zu Tode erschreckt.“

„Puh“, dachte Jonas. „Das ist ja gerade noch einmal gut gegangen.“ Aber nun konnte er ein Experiment kein zweites Mal wiederholen. Er musste einen neuen Plan fassen. Immer wieder dachte er bis zum Abendessen nach, bis ihm tatsächlich etwas einfiel. Dazu aber musste er nach draußen und das machte ihm schon ein wenig Angst. Im Keller da gab es ein kleines Fenster, das nicht gesichert war. Dort würde er gerade noch so durchpassen und könnte dann an der Rückseite des Hauses nach draußen klettern.

Als die Mutter mit ihrer Geschichte fertig war und das Zimmer verlassen hatte, wartete Jonas noch lange, bis er sicher war, dass auch sie zu Bett gegangen war. Dann schlich er sich mit einer kleinen Taschenlampe in den Keller, stellte sich eine Kiste vor das verdreckte Fenster und kletterte, nachdem er es so leise wie möglich geöffnet hatte, nach draußen. Wieder kamen nach einiger Zeit die Uniformierten und kontrollierten die Straße. Als sie wieder weg waren, hörte er erneut das metallische Geräusch. Tatsächlich konnte er erkennen, wie der Gullydeckel angehoben wurde und die selben dunklen Gestalten herauskamen, wie in der Nacht zuvor. Er wagte sich bis an den Straßenrand und versuchte, sie zu beobachten. Plötzlich, ohne dass er etwas bemerkt hatte, packte ihn jemand am Kragen und ihn fuhr der Schreck durch alle Glieder. Bevor er schreien konnte, hielt ihm jemand den Mund zu.

„Ich hab hier einen,“ hörte Jonas eine Stimme. „Lass ihn laufen, das ist doch noch ein Kind“, tönte es leise von der anderen Seite. „Nein, der verrät uns am Ende noch. Wir nehmen ihn mit“, sagte die erste Stimme. Dann wurde ihm schwindelig und er merkte noch, wie sie ihn mit nach unten nahmen.

Als er wieder zu sich kam, lag er in seinem Bett. Alles schien normal zu sein. Hatte er das alles nur geträumt? Die Mutter kam herein, um ihn zu wecken. „Ah, du bist ja schon wach. Dann komm, Frühstück ist fertig.“ Jonas traute seinen Augen und Ohren nicht, erst als er seine Fingernägel sah, unter denen noch immer Dreck von dem schmutzigen Kellerfenster klebte, wusste er, dass es kein Traum war. Aber wie war er wieder zurück in sein Bett gekommen?

Die Mutter schien nichts bemerkt zu haben. Der Tag lief ab, wie viele andere Tage zuvor, bis der Abend kam. Jonas ließ sich zu Bett bringen, hörte sich die Geschichte an und beschloss, ein weiteres Mal durch das Kellerfenster nach draußen zu klettern. Es kam ihm merkwürdig vor, dass er keinerlei Angst mehr verspürte, obwohl doch die letzte Nacht alles andere, als beruhigend gewesen sein musste. Wenn er sich doch nur erinnern könnte.

Als er wieder im Freien die Uniformierten beobachtete und sich alsbald nach ihrem Verschwinden der Gullydeckel lüftete, versteckte er sich hinter etwas sorgfältiger hinter den Mülltonnen. Von dort hatte er eine gute Sicht und erkannte die Gestalten wieder. Es waren tatsächlich zwei Kinder dabei, wie er unschwer an ihren Umrissen und ihrem Gang erkennen konnte und drei Erwachsene. Sie verteilten sich in verschiedene Richtungen und kamen nach einiger Zeit mit schwer gepackten Taschen zurück. Dann verschwanden sie in den Untergrund und der Kanaldeckel schloss sich wieder.

Als er sich wieder in sein Zimmer schlich, fiel ihm ein, dass sein Vater früher immer kurz vor dem Schlafengehen vor die Türe gegangen war. Er hatte immer gesagt, er wolle eine Zigarette rauchen, doch meisten nahm er immer einen Karton, manchmal auch eine Einkaufstasche mit nach draußen, um dann ohne sie zurück zu kommen. Öfter hatte es deswegen auch Streit zwischen seinen Eltern gegeben. Jonas dachte immer, seiner Mutter sei es um das Rauchen gegangen. Er konnte sich auf all das keinen wirklichen Reim machen und legte sich zurück in sein Bett. Lange blieb er wach und überlegte, ob er der Mutter von seinen Beobachtungen erzählen sollte, doch dann verwarf er den Gedanken wieder.

Am nächsten Morgen war er so müde, dass die Mutter Mühe hatte, ihn wach zu bekommen. „Du musst in die Schule, du weisst doch, dass es sonst Ärger gibt“, schimpfte sie. Jonas gab sich einen Ruck und schleppte sich an den Frühstückstisch. Dieses Mal waren seine Sachen und seine Hände noch immer schmutzig und die Mutter erschrak, als sie das erblickte. „Du darfst niemandem etwas davon erzählen, hörst du?“ Jonas nickte und begann zu weinen. „Es sind gar keine Menschenfresser, es sind Diebe, die Essen klauen.“

„Ich weiss“, sagte sie. „Aber ich will dich nicht auch noch verlieren. Es reicht schon, dass sie deinen Vater abgeholt haben, weil er diesen Leuten immer geholfen hat.“

„Ist er im Gefängnis?“, fragte Jonas. „Ich weiß es nicht“, antwortete die Mutter. „Sie haben erzählt, er sei geflohen. Vielleicht lebt er jetzt auch da unten bei diesen Leuten.“

Konnte es sein, dass sein Vater ihn in der ersten Nacht erkannt und zurück in sein Zimmer gebracht hatte, wollte er wissen. Die Mutter zuckte mit den Schultern, aber konnte es sich auch nicht anders erklären. „Werden wir auch abgeholt, wenn sie es rauskriegen?“, meinte Jonas. Wortlos nickte sie und begann nun auch zu weinen. „Es ist besser, wenn wir auch verschwinden. Aber du darfst mit niemandem sprechen. Du musst in die Schule und ich zur Arbeit, damit niemand etwas merkt. Versprichst du mir das?“

+++ Fortsetzung folgt +++