Nach Freitod: Tochter veröffentlicht bewegenden Abschiedsbrief vom Gründer des Gelben Forums

Jürgen Küßner, genannt Elli und Gründer des bekannten Gelben Forums starb nach längerer Krankheit. Er schied freiwillig aus dem Leben. Seine Tochter veröffentlichte heute auf seinen Wunsch einen letzten Text, den er schon vor einiger Zeit verfasst hatte.

ein letzter Beitrag von Elli…

verfasst von Tochter von Elli, 05.07.2017, 09:05

Mein Vater bat mich vor einiger Zeit (für den Fall, dass er verstirbt; er wusste es also ziemlich genau) einen Beitrag von ihm zu veröffentlichen. Diesen Wunsch möchte ich ihm erfüllen:

Diesen Text schreibe ich zu einer Zeit, da ich noch nicht weiß, ob und wie und wann mein Plan für ein selbstbestimmtes Ende realisiert wird, aber ich habe diesen Plan niemals aufgegeben, auch wenn ich zeitweise etwas anderes behauptet habe. Ich bitte um Verständnis, aber ich wollte einfach für Ruhe sorgen.

Denkt bitte alle daran, dass es mein freier Entschluss war, und zwar nicht aus einer kurzfristigen Depression heraus, sondern wohl und lange überlegt, das wissen einige von euch. Und in letzter Zeit war ich mindestens zweimal eigentlich fest entschlossen, habe aber dann doch wieder einen Rückzieher gemacht. Vielleicht war ich ein Feigling, mag sein, weil ich Angst davor hatte, irgendwann an den Folgeerscheinungen noch mehr zu leiden als jetzt schon und letztlich qualvoll zu sterben. Dann lieber früher, dafür aber human. Meine größte Angst war immer, den Zeitpunkt zu verpassen, an dem ich es noch selber entscheiden kann. So krass es auch klingen mag: Lieber viel zu früh als ein bisschen zu spät. Seid mir bitte nicht böse, ich konnte nicht anders.

Das ist nicht mein Leben! Ich konnte einfach nicht weiterleben mit diesen Einschränkungen und Schmerzen, mit dieser ständigen Hilfsbedürftigkeit. Ich habe mir selber oft genug gesagt „Anderen geht es noch viel schlechter“ und „Denk daran, was du alles noch kannst“, aber das reichte mir nicht. Mein Anspruch an ein lebenswertes Leben war einfach höher.

Ich habe sowieso nie verstanden, warum man jedem Tier, das unheilbar krank ist, ein sanftes Einschlafen ermöglicht, während Menschen sich bis zum „natürlichen“ Ende quälen müssen. Was ist daran menschlich?

Mein Leben war erfüllt und lang genug, auch wenn es statistisch gesehen vielleicht zu kurz war. Alles ist gut so.

Und jeder von euch sollte immer daran denken, dass ich jetzt von all dem erlöst bin, was mich in den letzten Jahren der Hilflosigkeit und des Gefangenseins im Rollstuhl langsam aber sicher mürbe und im wahrsten Sinne des Wortes des Lebens müde gemacht hat. Und in letzter Zeit gab es immer mehr Komplikationen, die früher oder später zur Qual geworden wären. Ich hoffe so sehr, dass ich das nicht durchmachen muss.

Niemand anders außer mir selber kann verständlicherweise nachvollziehen, wie ich meine Situation empfunden habe. Es ist nicht meine Vorstellung von Leben, nur noch sehr eingeschränkt daran teilnehmen zu können – und vor allem, ständig auf Hilfe angewiesen zu sein. Die in letzter Zeit aufgetretenen gesundheitlichen Probleme haben mir schon gereicht. Andere mögen das anders sehen, aber bei mir war es nun mal so. Ich möchte auf keinen Fall in die Lage kommen, den Zeitpunkt nicht mehr bestimmen zu können. Deshalb lieber viel zu früh als einen Tag zu spät.

Schon vor etwa 10 oder 15 Jahren hatte ich mir geschworen, es mit dieser Hilflosigkeit niemals so weit kommen zu lassen. Aber man wächst in diese Situation hinein, zum Glück. Und so hat sich dieser Punkt des Nicht-mehr-akzeptieren-Könnens immer weiter verschoben, denn es ging ja noch irgendwie immer weiter. Aber irgendwann, je länger diese Situation andauerte, desto mehr hat sie mich, wie schon gesagt, mürbe gemacht und regelrecht ausgelaugt. Es war gar nicht mal irgend eine große Sache (abgesehen von der Angst, dass große Qualen auf mich zukommen), sondern es waren die vielen 1000 Kleinigkeiten, die wie Piranhas unermüdlich an mir genagt und meine Lebensenergie nach und nach aufgefressen haben. Niemand hätte mir helfen können. So ist nun mal das Schicksal, manchmal schlägt es einfach zu.

Ich weiß nicht, ob es etwas nach dem Tod gibt. Aber ich hoffe, dass ich euch aus der Ferne beobachten und begleiten kann. Ich werde mein Bestes tun. Vergesst mich nicht ganz, aber lasst mich auch in Frieden ziehen.

Die Zukunft des Forums ist mir – aus heutiger Sicht – leider nicht klar. Ich hoffe, dass es weitergeführt wird. Wer immer es sein wird, er wird es hier kundtun bzw. hat es vielleicht schon getan.

Zuletzt noch ein Lied: „Das Leben ist schön“.

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1 Kommentar

  1. Gute Beschreibung der Lage

    DOKU

    Kater F. vor 8 Minuten 5.7.2017

    Als Journalist wundert mich nichts : in den Print- und ÖR Medien wimmelt es von sogenannten linksliberalen Journalisten. Alles was nicht ihrer Meinung und der Meinung der Bundestagsparteien enrspricht, wird nicht objektiv, sondern verzerrt dargestellt. Und alles, was neu ist – siehe Pegida und Trump – kann offenbar nicht mit rechten Dingen zugehen…

    https://www.welt.de/politik/deutschland/article166290122/Tagesschau-Chef-gibt-Fehler-bei-Pegida-Berichterstattung-zu.html

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