Mahnwächter sind die Fußkranken der Revolution

Gerade hatte mir meine Freundin von „Freidays gegen Alterarmut“ berichtet. Der Facebookgruppe sind binnen kurzer Zeit 286.000 Mitglieder beigetreten. Ein heißes Thema wie man sieht. Ich hatte mich dem Rentenbetrug ja auch schon öfter gewidmet. Zum Beispiel erst kürzlich >hier.

Die Freundin war also ganz Feuer und Flamme, obwohl sie noch gar keine Rente bekommt. Und dann erzählte sie mir, daß Mahnwachen organisiert werden. Da war ich mit der Gruppe eigentlich ziemlich fertig. Wegen Unprofessionalität.

Also Mahnwachen, das erinnert mich immer an die miefigen 60er Jahre, selbstgestrickte Strümpfe, Nickelbrillen, Siemensbrot und Schlabberröcke. Die erste deutsche Mahnwache fand im Frühsommer 1958 vor dem Hamburger Rathaus 14 Tage und Nächte gegen die geplante Atombewaffnung statt. Hat natürlich nichts gebracht und war vermutlich von der roten Gestapo in Pankow bezahlt. Umgekehrt: Als die Stasi im November 1987 Aktivisten der Ost-Berliner Umwelt-Bibliothek verhaftete, protestierten Abweichler mit einer Mahnwache an der Zionskirche. Sie erzielten immerhin einen Teilerfolg. Mit Mahnwachen wurde das Regime aber nicht gestürzt.

Um etwas zu bewegen muß sich Protest selbst bewegen. Es braucht Dynamik, nicht Statik. Statisch sind die Verhältnisse selber, rumstehen ist Beharren und setzt eben kein Zeichen etwas zu verändern. Die Spontandemo gegen den Gaupropagandasender West in Köln war Rumstehen. Es kamen auch nur wenige Leute, zu wenig um etwas zu bewegen. Wenn man zur Demo aufruft, muß der Beginn in der Dämmerung liegen, weil sich da mehr Leute trauen und weil die Stimmung eine ganz andere ist. Jetzt Anfang Januar ist die ideale Demotime, weil es schon um 18 Uhr stockdunkel ist. Alle guten Demos, ob in Leipzig, in Dresden oder Erfurt fanden im Dunkeln statt.

Beispiel Erfurt, Foto: Prabel

Beispiel Dresden, Foto: Prabel

Das Geilste ist immer, wenn alle ihre Handilampen anmachen. Früher waren es Kerzen. Stimmungsvolles Licht wird von den Organisatoren oft völlig unterschätzt. Warum werden Weihnachtsbäume, Schwibbögen und Adventskränze gebrannt? Wegen Licht, Hoffnung, Stimmung. Licht wirkt gerade in der Dunkelheit, es symbolisiert das Gute im Kampf gegen die abgrundtiefe finstere Bosheit des Mainstreams. Licht, Schatten, Bewegung, das sind Sachen, die tief im Unterbewußtsein verankert sind.

Die Demo muß sich bewegen, marschieren, Mahnwächter sind die Fußkranken der Revolution.

Auch mit geringen Kräften kann man sich kleinräumig bewegen und einen Event gestalten. Ich habe hier mal ein jüngstes Beispiel.

Ja, ich weiß, ich kriege jetzt Kloppe wegen Werbung für die IB: Aber das Video ist eigentlich Werbung für Bewegung und Eventcharakter. Man muß sich selbst bewegen, wenn man etwas bewegen will.


Quelle und Erstveröffentlichung: prabelsblog

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