Integrationszwang: Zum Scheitern verurteilt

Disabled Welcome - 1Die Redewendung, dass Theorie und Praxis oft zweierlei Dinge sind mag abgedroschen klingen, ist leider aber bittere Realität.

Die Architekten unseres Sozialstaats haben den Sinn für die Realität vollkommen verloren. Diese Entwicklung hat vor vielen Jahren begonnen und fußt auf einer autoritären Ideologie von der beliebigen Formbarkeit und Anpassungsfähigkeit des Menschen an scheinbar äußere Gegebenheiten.

Wenn wir von Integration sprechen, dann geht es heutzutage um die sogenannten Flüchtlinge, gemeint sind aber diejenigen aus islamischen Ländern. Sowohl von links, als auch von rechts ist man sich der Problemlage bewusst, denn von Christen, Atheisten oder Buddhisten mit Integrationsschwierigkeiten hat man nie gehört. Das bedeutet natürlich nicht, dass es sie deshalb nicht gibt, man macht aber kein Problem daraus.

Vor der Einwanderungswelle waren hauptsächlich türkisch- und arabischstämmige Mitbürger mit „Migrationshintergrund“ und islamischen Glaubens im Fokus der Integrationsdebatte.

Die spezifischen Probleme, die vielleicht auch Russlanddeutsche, Italiener, Chinesen oder Südamerikaner bei der Integration in unsere Gesellschaft haben, fanden während der Sarrazinisierung der Debatte keine Beachtung. Diese Leute wurden genauso wie Niederländer oder Franzosen und Belgier, die ebenfalls häufig nach Deutschland einwandern mit ihren Problemchen alleine gelassen – vielleicht wurden sie deshalb auch gar nicht so groß, wer weiß das schon?

Integration meinte aber einmal etwas ganz anderes, es ging dabei um behinderte Menschen und bis heute geht das gründlich daneben. Das Scheitern dieses Experiments kann man sich landauf landab in den vielen Behindertenwerkstätten und Wohnheimen anschauen und an diesem Modell lernen, wenn man denn wollte.

Das will und muss man aber gar nicht, lukrativer ist es, die Integration zu verhindern und ein Geschäft daraus zu machen. Als Jobmaschine für die einen und Schulterklopfgenerator für Politik und Wirtschaft funktionieren diese dysfunktionalen Konzepte hervorragend.

Die Mikrokosmen Jugendhilfe und Behindertenhilfe sind beispielhaft für eine sinnlose Politik, bei der Fordern und Fördern miteinander vertauscht werden und deshalb zu absurden Ergebnissen führen.

Sinn und Zweck von Rehabilitationseinrichtungen, sogenannten „Integrationsbetrieben“, „Werkstätten für Menschen mit Behinderung“ und wie sie alle heißen, soll die Integration oder noch besser, die „Inklusion“ von Menschen sein, die man aus ideologischen Gründen am falschen Platz ausgemacht hat.

Niemand wird abstreiten, und das will ich ganz gewiss nicht, dass behinderte Menschen Anspruch auf Bildung und Teilhabe am Arbeitsleben haben, dass sie dafür besondere Bedingungen benötigen, die ihnen angemessen sind und man insbesondere die Bewegungsfreiheit von Rollstuhlfahrern nicht unnötig einschränken sollte, wo immer das möglich ist.

Dennoch käme niemand auf die Idee, die engen, oft nicht rollstuhlfahrergeeigneten Gassen in der Altstadt von Venedig zu erweitern, in dem man dafür einfach die Häuser auf einer Seite abreißt. Wirklich nicht?

Wenn es sich rechnet, dann wird auch das umgesetzt werden, da bin ich mir mittlerweile sicher. Ich habe lange genug in diesen Bereichen „gearbeitet“ und mache mir keine Illusionen über den Grad an Restrealitätssinn der Planer.

Zwei Punkte der Rehabilitationsindustrie sind exemplarisch für die „große Integrationsdebatte“ um Flüchtlinge und Menschen mit Migrationshintergrund.

Zunächst wird umetikettiert – aus Behinderten, zuvor Krüppel, Hilfs- oder Sonderschüler genannt, werden „behinderte Menschen“ – später heißt es dann „Menschen mit Behinderung“ – „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ – aus „Mongos“ werden „Downies“ und aus Verhaltensauffälligen werden Menschen mit herausforderndem Verhalten, gemeint sind so nette Eigenschaften wie Schlagen, Beißen, Spucken, Treten und sonstige Sachen, die man bei Kleinkindern in gewissen Entwicklungsphasen nicht besonders dramatisch findet, bei ausgewachsenen Menschen aber durchaus unangenehm für das Umfeld sein können.

Mit dem richtigen Ansatz, wie dem „Menschen im Mittelpunkt“, was auch in der Verfassung der DDR als Grundpfeiler aufgeführt wurde, kann man nun all diese unterschiedlichen Menschen zusammen fördern, formen, anpassen, integrieren, inkludieren, auf dem ersten Arbeitsmarkt vermitteln, auch wenn sie nicht, wie Wolfgang Schäuble, ihre Kompetenzen vor der einschränkenden Behinderung erworben haben und in der Lage sind, diese durch den Einsatz von Hilfsmitteln und sonstigen Rehabilitierungsgedöns  zu kompensieren.

Das klingt zu schön, um wahr zu sein, ist es auch nicht, muss man aber trotzdem dran glauben, weil es einfach so schön ist. Die Realität dagegen ist dieselbe, wie sie auch für die vielen Flüchtlinge eine ähnliche Gestalt annehmen wird. In den meisten Fällen wird es nichts mit der Integration, da hilft kein Zwang, kein Gesetz, kein gar nichts.

Bald werden ähnliche Gesetze erlassen, um diese Tatsachen zu verschleiern – glauben Sie nicht?

Was man mit Behinderten machen kann, kann man überall machen. Wenn eine Behinderung sehr ausgeprägt ist, dann kann ein Betroffener logischerweise niemals annähernd eine ähnliche Arbeitsleistung erbringen, wie ein „Nicht-Behinderter“, wenn überhaupt, oder sich vergleichbare Kompetenzen aneignen, auch nicht bei noch so guter Förderung. Das gilt nicht nur bei starken körperlichen Beeinträchtigungen, sondern auch bei verminderter Intelligenz. Darum darf man Letzteres auch nicht mehr so nennen in diesem Bereich, man macht dann zum Beispiel besser „andersbegabt“ daraus.

Wer nicht lesen und schreiben kann, den nennt man „praktisch bildbar“ statt geistig behindert, all das ändert aber nichts an den Tatsachen.

Integration bedeutet für Behinderte oft ein Dasein in den WfBs genannten Behindertenwerkstätten, beschäftigt oft mit zweifelhaften Arbeiten, die nicht mit einem Mindestlohn vergütet werden und eingebettet zu sein, in ein undurchschaubares Netz von Helfern und Helferinnen, Assistent_innen, Case-Manager_innen und noch mehr Leuten mit Bezeichnungen und Schreibweisen, die auch ein Mensch mit normalem Intelligenz- und Bildungsgrad kaum versteht, die aber alle einen anständigen Lohn oder sogar Dienstbezüge für ihr Tun bekommen.

Ihnen nutzt dieser Integrationszirkus – den Behinderten wird er oft nicht gerecht. Durch die Schein- und Kuschelwelt wird eine zweite Realität vorgegaukelt, die man durchaus als Parallelgesellschaft bezeichnen kann. Nur wenige schaffen den Aufstieg in ein reguläres Arbeitsverhältnis. Früher hätten sie ihren Platz wahrscheinlich wesentlich schneller irgendwo mit einer Handlangertätigkeit gefunden, was auch heute im Prinzip noch möglich ist, aber privates Engagement der Familien erfordert.

Vor Kurzem noch habe ich mit einer Mutter gesprochen, die ihren autistischen Sohn nach der (Sonder-) Schule selbst in einem Betrieb untergebracht hat, wo er leichte Tätigkeiten verrichten kann und tatsächlich so etwas wie Teilhabe erfährt.

Wer dieses System der Sozialindustrie nicht versteht, der landet in den Fängen der engagierten Helfer und dort geht alles sehr langsam, oder auch gar nicht, was strukturelle Gründe hat.

So wie das große Deutschland mit der großen Integrationsdebatte, muss auch in diesem Mikrokosmos im Grunde jeder aufgenommen werden, der angemeldet wird, egal wie sinnvoll die Aufnahme und die Aussichten für das Vermitteln beruflicher Kompetenzen auch sein mögen.

Das bedeutet, dass selbst Menschen, ich habe es mehrfach so erlebt, die sich im Wachkoma befinden oder als vollständige Pflegefälle aufwändige Hilfe benötigen, in so einer Einrichtung aufgenommen werden müssen. Dasselbe gilt für Menschen mit hochaggressiven Verhaltensweisen, die man dort vor Ort eigentlich nicht handeln kann.

Ein „Nein, wir schaffen das nicht!“ sieht das Sozialgesetzbuch nicht vor. Wie es dann letztlich um die Qualität der ohnehin fragwürdigen Reha-Dienstleistung bestellt ist, darüber muss man sich dann keine weiteren Gedanken machen.

Die utopische Vorstellung, man könne und müsse die Welt für alles und jeden passend machen bei gleichzeitigem Anspruch, dass sich jeder bereitwillig an beliebige Verhältnisse anzupassen hat, ist widersprüchlich und realitätsfern.

Was nützt eine Pflicht zur Integration, wie sie auch für Behinderte faktisch besteht, wenn sie der Verpflichtete gar nicht in dem Maß erfüllen kann, wie sie gefordert wird?

Einer der Leitsätze aus der sozialromantischen Pseudopädagogik lautet: Den Menschen dort abholen, wo er steht!

Ist denn nicht jeder Mensch richtig, da wo er ist? Wo soll er denn hingebracht werden? Und warum?

Dieser eher Leid erzeugende Satz gilt wohl auch in der „Flüchtlingsfrage.“

 

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Wolfgang van de Rydt
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