Phantasieren an der Börse

Viele Anleger sind zeitgeistgetrieben und machen was ihnen die Medien einflüstern. Es gab zum Beispiel viele leichtgläubige Leute, die 1916, 1917 und 1918 immer noch in Kriegsanleihen investierten.
24. Oktober 1929 - Menschenmenge belagert die New Yorker Börse
Das Geschäft – soweit es überhaupt als solches und nicht als Haltung verstanden wurde – entpuppte sich als totaler Flop. Die Kriegsanleihen der Jetztzeit haben oft mit dem Kampf gegen das Wetter zu tun. Ich nenne nur mal exemplarisch Tesla, Nel Asa und Delivery Hero. Tesla bedient die Elektro-, Nel Asa die Wasserstoff- und Delivery Hero die Fahrradkirche. Unterbezahlte Kuriere fahren Billighappi mit dem E-Vehikel oder dem Lastenfahrrad aus. Wie trendy!

1918 konnte man sich die Risiken des Kriegs ausmalen, wenn man nicht voreingenommen war. Auch derzeit kann man sich ein Bild von den Siegchancen der Köche und Ausfahrer machen. Die Lieferhelden haben seit Jahren ein märchenhaftes Umsatzwachstum.  Aber was nutzt das, wenn man im Jahr Sieben der Firmengeschichte mit jeder gelieferten Essensportion im Wert von 12,33 € sage und schreibe 7,00 € Verlust macht? Und was sind das für Trottel, die aktuell 119 € für eine Aktie bezahlen, die 7 € Verlust produziert? Da muß man schon fest an den Endsieg glauben.

Sicher, bei Amazon hat die Strategie über Wachstum in die Gewinnzone zu kommen funktioniert. Man muß aber mal dagegenhalten, bei wievielen Firmen und Startups das gescheitert ist. Und es muß nicht immer eine Vollkatastrophe sein. Zalando macht seit Jahren Gewinn. Wenn man sich die Marge ansieht, verzweifelt man allerdings: Sie liegt bei einem bis zweieinhalb Prozent, wobei über die Jahre kein Aufwind zu erkennen ist. Die Aktie hat seit Jahren ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 100. Das ist eigentlich unakzeptabel. Trotzdem hatte beispielsweise Allianz Global Investors über 8 Mrd. € Anteil. „Die Allianz, die kanns“, sagte man früher.

Die Börse ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Die Rationalität wurde insbesondere im 21. Jahrhundert immer mehr durch neue Religionen mit irrationalen Bekenntnissen verdrängt. Die Taxometrie versucht das Brüsseler Glaubenssystem systematisch zu hinterlegen, ihm einen rationalen Anstrich zu geben. Realwashing sozusagen. Und die Kleinanleger (und nicht nur die) laufen den trendigen Nachrichten hinterher. Je eskapistischer und gewagter, desto wirksamer. Wenn man Elon Musk oder Cathie Woods  beobachtet, so fallen die herausragenden Entertainer-Qualitäten auf. Selbst Mondreisen und Bitcoininvestments, die mit dem Geschäft weniger als nichts zu tun haben, sollen unsere  Phantasie befügeln.

Die derzeitige Welle der Realitätsverweigerung kann man mit der der spätkaiserzeitlichen Jugendbewegung vergleichen, die auch das Gefühl über den Verstand, die Kultur über die Ökonomie triumphieren ließ.

Reflexhaft entstanden ab dem endenden 19. Jh. zahllose Lebensreformansätze, die notwendig immer eine Ausgestaltung als Heilstheorien erfuhren, von den Nudisten und Wandervögeln über die Anthroposophen, Okkultisten bis zu den Antisemiten. Gelüftete Schlafzimmer, bequeme Unterwäsche, Reformkleider, Kneipp-Sandalen, Leibesverrenkungen in Kraftkunstinstituten, Judenvertilgung, Vegetarismus, Reformhäuser, Menschenzucht, Lichttherapien und die Nachrichten vom „Berg der Wahrheit“ im Tessin sollten die Gebrechen der Gesellschaft nicht lindern, sondern heilen.

Achim Preiss hat es ausformuliert: „Als das geeignete Instrument zur Fortschrittsbeherrschung oder – unterwerfung erschienen Religionssysteme. Es gründeten sich zu diesem Zweck meist jugendoptimistische Vereinigungen, Bünde, Sekten, die alle an dem Entwurf einer neuen, nicht-chaotischen Lebenskultur arbeiteten und die ein gemeinsames Feindbild hatten – den nur von Kommerz und Hochtechnologie angetriebenen Fortschritt. Die praktizierten Formen der neuen Lebenskultur zielten darauf, das Gefühl in die Lage zu bringen, den Verstand zu kontrollieren, die Vorherrschaft des Verstandes zu brechen, um damit die Vormacht der Technik zu beenden.“ Was sind FfF und die Brüsseler Kommission anderes?

Da sind wir nun nach 100 Jahren Achterbahn wieder beim idealistischen Urschleim angelangt. Selbst an der erzkapitalistischen Börse, diesem verruchten Hort des Mammons, walten zunehmend die Kräfte des Gefühls.

Grüße an den Inlandsgeheimdienst: „Die ganze Börse hängt nur davon ab, ob es mehr Aktien gibt als Idioten – oder umgekehrt.“ (André Kostolany)


Erstveröffentlichung: Prabelsblog