Ein Reich, ein Volk, ein Vater!

In Deutschland wurde die Überschrift ein wenig abgewandelt verwendet. Mit dem Slogan Ein Volk, ein Reich, ein Führer wurde die Nazidiktatur in den Köpfen verankert. Nach 12 Jahren war das 1000 jährige Reich am Ende.

Atatürk photo
Photo by Atmaca Istanbul

Die moderne Türkei besteht jedoch nach wie vor und ihr Schöpfer, Kemal Atatürk wird nicht selten von Unwissenden in eine Reihe mit den Diktatoren seiner Zeit gestellt: Hitler, Stalin, Mussolini oder die Generäle Franco und Tito. Wird das dem „Vater“ der Türken gerecht?

In der Türkei wird sein Ansehen nach wie vor hochgehalten, seine Verunglimpfung steht unter Strafe, doch der Kemalismus ist mit dem Erfolg der AKP und der Präsidentschaft von Recep Tayyip Erdogan schon lange nicht mehr die dominierende politische Strömung in der Türkei. Aber Erdogan und die AKP knüpfen geschickt am Erbe Atatürks an, auch wenn der neue Islamismus eher das Gegenteil vermuten lässt. Um das zu verstehen, ist ein Ausflug in die Geschichte notwendig.

Zur Zeit des allmählichen Untergangs des Osmanischen Reiches setzten sich dort, wie auch überall in Europa nationalistische Strömungen in der Politik durch. 1920 gab es einen Friedensvertrag der Alliierten (Großbritannien, Frankreich, Russland, Griechenland, Italien) und dem verbliebenen Osmanischen Restreich, unterzeichnet von dessen Regierung in Istanbul. Dieser Vertrag hatte eine ähnliche Bedeutung für die Nationalisten  wie der Versailler Vertrag zum Ende des ersten Weltkriegs mit Deutschland – folglich lehnte die Große Nationalversammlung diesen Vertrag ab und nach weiteren Befreiungskriegen kam es 1923 zur Gründung der modernen Türkei.

Mustafa Kemal sah die erneute Kriegsgefahr (2. Weltkrieg) durch Deutschland voraus und propagierte wohl auch deshalb einen nach innen gerichteten Nationalismus, den er als Voraussetzung für die notwendigen Gesellschaftsreformen und die Schaffung der modernen Türkei ansah.

„Meiner Meinung nach wird das Schicksal Europas wie gestern auch morgen von der Haltung Deutschlands abhängig sein. Diese außergewöhnlich dynamische und disziplinierte Nation von 70 Millionen wird, sobald sie sich einer politischen Strömung hingibt, die ihre nationalen Begierden aufpeitscht, früher oder später den Vertrag von Versailles zu beseitigen suchen. Deutschland wird in kürzester Zeit eine Armee aufstellen können, die imstande sein wird, ganz Europa, mit Ausnahme von England und Russland, zu besetzen … der Krieg wird in den Jahren 1940/45 ausbrechen … Frankreich hat keine Möglichkeit mehr, eine starke Armee aufzustellen. England kann sich bei der Verteidigung seiner Insel nicht mehr auf Frankreich verlassen. Amerika wird in diesem Krieg genau wie im Ersten Weltkrieg nicht neutral bleiben können. Und Deutschland wird wegen des amerikanischen Kriegseintritts diesen Krieg verlieren…“ Quelle: Wikipedia

Die Grundprinzipien des Kemalismus

  • Republikanismus – die Abschaffung von Monarchie und Kalifat – die Republik als Staatsform
  • Populismus – klassenübergreifende gesellschaftliche Kooperation, Mobilisierung des gesamten Volkes
  • Laizismus – strikte Trennung von Kirche und Staat
  • Revolutionismus – beständige Modernisierung von Staat und Gesellschaft
  • Nationalismus – Umbau vom Vielvölkerstaat zum Nationalstaat, einheitliche Sprache, Bildungsreformen
  • Etatismus – der Staat als Investor bzw. Unternehmer, um wirtschaftliche Entwicklung zu fördern

In der modernen Türkei wurde vor allem die Gleichstellung der Frau vorangetrieben und  der Einfluss des Islams zurückgedrängt. Seit 1934 ist das passive und aktive Wahlrecht der Frauen in der Verfassung verankert. Paradoxerweise bekamen die Frauen in der Schweiz erst 1990 das volle Wahlrecht zuerkannt, obwohl doch das Schweizer Zivilrecht als Vorbild durch die Türkei übernommen wurde.

Atatürk war in jeder Hinsicht ein Visionär, der seine Ideen jedoch mit Zwang umsetzte:

„Sollte ich eines Tages großen Einfluss oder Macht besitzen, halte ich es für das beste, unsere Gesellschaft schlagartig – sofort und in kürzester Zeit – zu verändern. Denn im Gegensatz zu anderen glaube ich nicht, dass sich die Veränderung erreichen lässt, indem die Ungebildeten nur schrittweise auf ein höheres Niveau geführt werden … Nicht ich darf mich ihnen, sondern sie müssen sich mir annähern.“ Quelle: Welt – Wikipedia

Den Islam bezeichnete er wenig schmeichelhaft als einen verwesenden Kadaver. Um das einfache Volk zu mobilisieren, setzte er nicht nur auf Zwang, sondern auch auf Personenkult. Damit trat er als leibhaftige Identifikationsfigur des Türkentums in Konkurrenz mit dem Propheten des Islams in Erscheinung.

Gewissermassen trat er somit in die Fußstapfen des Verkünders der „Hirtenreligion“,  und nach seinem Tod taten die Kemalisten in der Türkei alles dafür, um das Ansehen Kemal Atatürks als Lichtgestalt weiter hochzuhalten und für ihre Zwecke zu instrumentaliseren.

Der Kemalismus fand seine Befürworter vor allem bei den Eliten, dem reichen Bürgertum und dem Militär, die von den Reformen besonders profitierten. Die einfache ungebildete Landbevölkerung verblieb jedoch zu großen Teilen in Armut und Arbeitslosigkeit. Hier konnte der Kemalismus als Ersatzreligion den Islam nicht ablösen und diese Schichten mobilisieren.

Genau diese Lücke füllt Erdogan als Präsident mit seiner Partei der AKP. Ähnlich wie Atatürk übt er einen autoritären Führungsstil aus und auch seine politische Laufbahn ähnelt der von Atatürk insofern, dass er immer wieder in Konflikt mit der herrschenden Politik geriet und man versuchte, ihn politisch kalt zu stellen. Erdogans Politik bedient nationale Interessen und gibt mit der islamistischen Komponente gleichzeitig der verarmten Landbevölkerung eine Stimme. Diese Mischung aus Türkentum und Islam, scheinbarem Aufbegehren gegen die Eliten erklärt den grandiosen Wahlerfolg vom August.

Dass einige der durch Atatürk aufgezwungenen Errungenschaften der modernen Türkei dadurch bedroht sind, wie die Gleichstellung der Frau sieht man bei den Eliten sicher kritisch, doch wie bei allen Reformen hängt die Überzeugungskraft im Wesentlichen davon ab, wie sich die Lebensbedingungen für die einzelnen Schichten ändern, wieviel letztendlich im Geldbeutel ankommt.

Erdogan will einerseits erneuern, andererseits steht er für eine Rückkehr des Islams. Während Atatürk die Unterdrückung durch Sultanat, Kalifat und Islam letztendlich mittels Unterdrückung abschaffte, greift Erdogan diese Legende nun, wenn auch spiegelverkehrt wieder auf und bedient damit geschickt die Sehnsüchte seiner Wählerschaft.

Ob Erdogan allerdings mit seiner Form der „Restauration“ Erfolg hat und die Türkei nicht langfristig Gefahr läuft, zum Gottestaat zu mutieren, ist fragwürdig.

Das Werk und der Verdienst von Mustafa Kemal Atatürk sind trotz aller Fragwürdigkeiten ein großes Erbe. Seiner Voraussicht ist es zu verdanken, dass die Türkei auch nach seinem Tod im Zweiten Weltkrieg neutral blieb und erst 1945 kurz vor Ende auf Druck der Allierten in den Krieg eintrat. Auch der immer wieder häufig diskutierte Völkermord an den Armeniern ist nicht auf den Kemalismus zurückzuführen, sondern fand noch zur Zeit des Osmanischen Reiches statt. Dunkle Kapitel allerdings sind die Kurdenkriege und deren Unterdrückung, die bis heute andauert.

Kemal Atatürk war sicher kein lupenreiner Demokrat – seine historische Lebensleistung und seine Vision von einer modernen Gesellschaft aber verdienen es, differenziert betrachtet zu werden. Vielleicht kam er einfach zu früh damit und sah keine andere Wahl, als diese mit Zwang durchzusetzen. Lange bevor eine Alice Schwarzer in Deutschland auch nur das Wort Feminismus buchstabieren lernte, hat er sich bereits aktiv für Frauenrechte interessiert und diese in der Verfassung verankert.

Aus Deutschland sollten wir das Land der ersten „Gastarbeiter“ und seine Geschichte mit Respekt und weniger abschätzig betrachten, als dies manchmal der Fall ist.


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Wolfgang van de Rydt
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3 Kommentare

  1. Er mag ein kleiner Despot gewesen sein, aber ohne diesen schnellen verordneten Wandel, wäre die Türkei nie möglich gewesen. Dass nach seinem Tod die Eliten und das Militär es so genau mit den Bürgerrechten genommen haben, dafür kann Mustafa Kemal nichts. Erdowahn bedeutet Rückschritt ins Mittelalter, den Islam und Demokratie sind unverträglich!

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