Der Westen gegen die Emerging Markets – wie geht der Wettbewerb aus?

War noch vor einem Vierteljahrhundert der Kräftevergleich zwischen dem Westen und dem Ostblock ein beliebtes Analystenthema, so muss heute die Benchmark auf die Emerging Markets gelegt werden. Nicht allein die Wiedererstarkung Russlands nach dem Jelzin-Desaster, sondern auch der fulminante Wirtschaftserfolg Chinas und anderer Emerging Markets sind die Hauptgründe. Die meisten Prognosen gehen vom weiteren Bedeutungsverlust des Westens aus. Der folgende Beitrag liefert eine ökonomische Bestandsaufnahme und geht auf den BIP-Vergleich ein.

Wer regiert die Welt? Welche Attribute bestimmen den Weltmachtstatus?

Kein Geringerer als Henry Kissinger sieht bald eine neue Weltordnung kommen. Kissinger hält die pragmatischen Prinzipien des westfälischen Friedens von 1648 als die wirksamsten Grundlagen der Beziehungen der Staaten untereinander. Sie bauen auf der Realität und nicht auf den abstrakten moralischen Einsichten auf. Auch das Weltordnungsmodell der sog. Dependenztheoretiker (von Wallerstein) betrachtet primär die ökonomischen Abhängigkeiten als die Bestimmungsfaktoren, welche das Verhältnis der Staaten untereinander prägen. Wie sehen diese Abhängigkeiten heute aus? Ist es nicht an der Zeit die Entstehung neuer (Wiedergeburt alter) Weltmächte und Kräfteverhältnisse zur Kenntnis zur nehmen als sich blind hinter abstrakten “ unseren Werten“ (Angela Merkel) zu verschanzen?

Welche Länder besitzen heute das Potential für eine Großmacht? Ginge es nach ihrem Gewicht in der Welt, säßen Frankreich und Großbritannien nicht mehr im UN-Sicherheitsrat. Unten werden fünf Attribute der Machtausübung genannt und nebenan in Stichworten die gängigen Thesen genannt. Der „Macht-Begriff ist in diesem Kontext primär als Bedeutung oder Geltung, denn als Beherrschung zu verstehen.

  • militärische Macht – China und Russland bilden langsam ein Gegengewicht zur USA und NATO ohne offen eine Allianz zu artikulieren; sie rüsten beide stark auf
  • politische Macht – der Niedergang der UNO und anderer Weltorganisationen sowie die Krise der EU (bald auch NATO?) sind unübersehbar
  • ökonomische Macht – die Bedeutung der Emerging Markets (EM) in der Weltwirtschaft nimmt rapide zu (These wird weiter am Beispiel des BIP diskutiert); China expandiert wirtschaftlich in Afrika und Lateinamerika
  • Macht der Weltkonzerne – immer mehr EM-Konzerne, vor aus den BRIC-Staaten drängen in die Weltspitze vor, wie es jährliche Forbes-Listen belegen; hier bleibt das Feld dennoch heterogen, auch kleine(re) Länder wie große EU-Staaten oder Schweiz schneiden gut ab;
  • Macht des Ressourcenreichtums und des Finanzsystems – Weltressourcen (fossile Brennstoffe, Metalle, Wasser, Land) bleiben geographisch bedingt ungleichmäßig verteilt; Dominanz des USD, IWF/Weltbank und Ratingagenturen sowie die Krise des Euro halten an; China als weltgrößter Halter von Währungsreserven, mit dem Yuan als der neuen Weltwährung und als Hauptaktionär in der New Development Bank BRICS („neuer IWF“) befindet sich im Finanzsystem auf dem Vormarsch
  • Macht des Gesellschaftssystems – die USA bleiben das Land der „unbegrenzten“ Möglichkeiten und Nr. 1. für die Einwanderung von qualifizierten Human- und Finanzkapital, die nicht zuletzt Träger des technologischen Fortschritts sind. Die westliche EU verliert an Bedeutung wegen der Flüchtlingskrise.

Egal wie vollzählig die Attribute und wie strittig die Thesen sein mögen: Die EM-Staaten befinden sich trotzt temporärer Rückschläge (siehe Brasilien) unaufhaltsam im Aufwärtstrend. Die zuverlässigsten Statistiken, welche den Wandel belegen, sind die BIP-Zahlen. Es lohnt sich diese exemplarisch unter die Lupe zu nehmen.

Im TOP10 – Vergleich des BIP liegen die Emerging Markets schon heute vorne

Das BIP (Bruttoinlandsprodukt) gibt die volkswirtschaftliche Ertragskraft eines Landes wieder. Es ist mit der Produktion nicht zu verwechseln, weil von der noch die Erstellungskosten (Input) des BIP abzuziehen sind. Das BIP kann sowohl in absoluten Beträgen, pro Kopf der Bevölkerung oder in jährlichen Wachstumsraten gemessen werden. Für den Vergleich der Stärken von einzelnen Ländern ist das absolute BIP nach Kaufkraftparität zu nehmen. Diese Variante nimmt die währungs- und preisbedingte Länderunterschiede heraus. Anderenfalls würden die von Währungskrisen geschüttelten Länder, wie zuletzt Russland oder Brasilien in dem Vergleich verzerrt dargestellt.

Eine Studie der renommierten Unternehmensberatung PwC (PricewaterhouseCcoopers) belegt, dass der Westen im TOP10-Vergleich bereits 2014 mit 52% Anteil am Gesamtvolumen von 65 Bill. USD von den Emerging Markets überholt wurde. Die vorgenannte 10er Gruppe erwirtschaftete in diesem Jahr ca. Zweidrittel des globalen BIP. Die Anteile der Schwellenländer steigen nach den PwC-Prognosen in 2030 auf 60% und 2050 sogar auf 72%. Die alten Mächte Frankreich und Großbritannien werden sogar aus der Liste verdrängt. Warum sollte so kommen?

Demographie und hohes Wachstum Gründe für die Umplatzierung

Das Beispiel Chinas erklärt, wie zweistellige Wachstumsraten und hohes Bevölkerungswachstum es möglich machen Giganten, wie die USA, zu überholen. 1980 lag die VR China mit einem BIP von 248 Mrd. USD noch auf Platz 12. in der Welt. Die USA dominierten die Liste mit 2.790 Mrd. USD. China konnte dank seiner kapitalistischen Reformen und dem sprichwörtlichen asiatischen Fleiß also 11. Plätze gut machen! Das Reich der Mitte gewinnt damit langsam seinem globalen BIP-Anteil von etwa 33% (heute noch 16%) zurück, den es vor 200 Jahren hatte. Die USA waren damals noch ein ökonomischer Zwerg mit einem Anteil von etwa 4%. Westeuropa „verteidigt“ dagegen schon seit Jahrhunderten seinen Anteil von 20%.
„Demographiebedingt“ werden die Bevölkerungsriesen wie Indonesien, Mexiko und Nigeria in den kommenden Jahrzehnten vorrücken. Alle Research-Häuser sind dieser Meinung. Das wird sehr umstritten sei, weil man sonst auch Pakistan auf die Liste nehmen müsst. Aus dem gleichen demographischen Grund dürften die schrumpfenden Nationen wie Japan, Deutschland, Frankreich und Großbritannien die vorderen Plätze verlieren.

Auch die BIP-Wachstumsraten sind – obwohl stark schwankend – in den Schwellenländern nach Herausrechnung der Demographie-Komponente noch doppelt so hoch, wie im Westen. Hierzu gibt es genügend Analysen. Alles im allen erklärt das Bevölkerungs- und originäre Wachstum warum wir 2050 bei diesem „Machtattribut“ so stark zurückfallen. Hierüber kann man abermals streiten, weil in diesen Expertisen die technische Überlegenheit des Westens nicht einbezogen ist.

Was folgt aus den ökonomischen Verschiebungen auf der Weltkarte?

Wir Europäer dürfen uns von den Migrationsströmen aus dem leistungsaffinen Afrika und dem Nahen Osten über den Wohlstand auf unseren Kontinent nicht täuschen lassen. Seit langen fordern die Emerging Markets wegen ihrer wachsenden ökonomischen Bedeutung eine neue „gerechte“ Weltordnung, was immer darunter verstanden wird. Besonders im Finanzsystem werden entscheidende Reformen verlangt. Da diese ihnen von den sich trügerischer Sicherheit wähnenden Westen nicht freiwillig eingeräumt werden, wächst die Zusammenarbeit der Big Player in der EM-Region. Um dies heute in der digitalisierten Welt effektiv leisten zu können, muss man nicht Nachbar sein. Den EM-Giganten kann militärisch nicht mehr gedroht werden, sie sitzen oft auf vielen strategischen Rohstoffen, besitzen beträchtliches Finanz- und Humankapital und sind gegen Sanktionen aller Art und Handelsboykotte immun. Wie weltfremd sich unsere Region in diesem Kräftewandel verhält, zeigt immer wieder unser Deutschland. Je schlechter der Zustand der Bundeswehr ist, desto mehr Auslandseinsätze werden geplant. Mali es grüßen.


Dr. Viktor Heese – Finanzanalyst und Fachbuchautor
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Dr. Viktor Heese - Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Er hat über das postsowjetische Russland und die ehemalige Sowjetunion die Bücher "Die (Un-)Möglichkeit der russischen Imperialpolitik (Tectum 2015) und 25 Jahre danach "Was ist aus der Ex-Sowjetunion geworden?" (epubli 2016) verfasst.