Der Sissy Komplex

Missbrauchsvorwürfe von der Tochter des Schauspielers Karlheinz Böhm

Der Publikumsliebling aus den Sissy Filmen der Fünfziger Jahre starb im Mai 2014. Jetzt wendet sich seine Tochter aus erster Ehe mit einem Buch, das im Januar erscheint und einem Interview in der BILD an die Öffentlichkeit.

Vor genau zwei Jahren ging schon einmal die Tochter eines berühmten Schauspielers an die Öffentlichkeit. Pola Kinski, selbst Schauspielerin und Tochter von Deutschlands Dauerfilmbösewicht Klaus Kinski schockierte mit ihrem Buch Kindermund und Vorwürfen gegen ihren Vater. Scharfe Kritiker warfen ihr Kalkül vor, um aus dem Namen des Vaters Kapital zu schlagen.

Kinski war auch abseits der Bühne als Choleriker und Exzentriker bekannt und gefürchtet, bei Karlheinz Böhm ist das Gegenteil der Fall. Mit seiner Stiftung Menschen für Menschen wurde er vom Künstler zum Wohltäter mit Glorienschein. Beide sind jedoch tot und können sich gegen die Vorwürfe nicht mehr wehren. Sind sie deshab weniger glaubwürdig?

 Sissy Böhm stammt aus der ersten Ehe von Karlheinz Böhm mit Elisabeth Zonewa. Wie vorab schon in der BUNTE zu erfahren ist, soll die Mutter sie schon als Fünfjährige missbraucht und später zur Prostitution gezwungen haben, vom Vater habe es ebenso eindeutige Annäherungsversuche gegeben. (Quelle: Bunte)

Beide Frauen haben erst nach dem Tod ihrer Peiniger gewagt, das Thema öffentlich zur Sprache zu bringen. Für Pola Kinski war die für sie allgegenwärtige Verehrung und Bewunderung ihres Vaters besonders nach seinem Tod unerträglich geworden. Das Buch war für sie ein Befreiungsakt. Von der zu allem schweigenden Mutter hat sie sich zumindest irgendeine Reaktion erhofft, die wohl bis heute ausgeblieben ist. (Quelle: Welt)

Bei Sissy Böhm galt diese Erwartungshaltung dem Vater, der sie zwar auch missbraucht haben soll, aber bis zu seinem Tod hoffte sie dennoch auf seine Hilfe.

Auch der Lebenslauf von Sissy Böhm entspricht dem eines typischen Opfers schwersten Missbrauchs, darunter mehrere Selbstmordversuche und Psychiatrieaufenthalte. Wer die Geschichte nicht glauben will oder kann, wird die Schilderungen womöglich der gesteigerten Fantasie einer psychisch Kranken zuschreiben.

Mehr Aufschluss wird vielleicht eine fachliche Analyse ihres Buches bringen. Lebenslange Veränderungswünsche an die Täter seitens der missbrauchten Kinder sind jedoch nicht ungewöhnlich, sondern eher die Regel. So ist zu erklären, dass die Opfer häufig den Kontakt zum Täter nicht abbrechen, sondern geradezu hilflos auch im Erwachsenenalter um die Aufmerksamkeit der Eltern ersuchen. Erst wenn das Opfer von seinem Veränderungswunsch ablässt und bereit ist, die Täter so zu sehen, wie sie sind, können die Schuldgefühle aufgegeben werden, die diese Bindung an die Täter verstärken.

In der Fachsprache spricht man von sogenannten Täter-Introjekten, die beim Opfer Schuldgefühle und Versagensängste auslösen und für die für Außenstehende oft unverständliche Bindung an die Täter verantwortlich sind. Opfer suchen die Schuld bei sich und warten ihr Leben lang auf Erklärungen oder Wiedergutmachung durch die Täter, die sie aber in der Regel nicht bekommen.

Ein weiterer Grund für das lang anhaltende Schweigen der Opfer und Gute-Mine-Machen zum Bösen Spiel ist die Macht der Gewohnheit, denn in der Familie werden nicht selten Missbrauchskonstellationen von einer Generation an die nächste weitergegeben. Von Kind an erlerntes Verhalten lässt sich nicht einfach so ablegen. Opfer brauchen lange, um selbst zu verstehen, was ihnen angetan wurde und häufig werden Erinnerungen über lange Jahre vollständig verdrängt.

Die Verarbeitung solcher Erlebnisse ist langwierig und schmerzhaft und kann erst dann beginnen, wenn ein gewisser Grad der Loslösung von den missbrauchenden Eltern erreicht worden ist. Die erlernten Beziehungsmuster spiegeln sich dann häufig in den Partnerschaften im Erwachsenenleben wider und an der Last der Vergangenheit zerbricht so manche Liebe.

Endgültige Befreiung gibt es nach verschiedenen therapeutischen Sichtweisen erst dann, wenn der Konflikt ausgetragen wird. Für eine Konfrontation benötigt es Stabilität und Rückhalt im privaten Umfeld. Die Hoffnung, dass mit dem Tod der Täter auch die Vergangenheit stirbt, erfüllt sich indes nicht für die Opfer.

Denn die Beziehung zum Täter bleibt lebendig,  erst recht, wenn er in der Öffentlichkeit stand.

Aber das gilt auch für die Opfer aus nicht prominenten Familien. Nach dem Tod des Täters oder der Täterin steht oder hängt das Bild vom netten Onkel, Papa oder Großvater noch bei den Verwandten herum, die von alledem nichts gewusst haben wollen. Er lebt fort in den Erzählungen am Kaffeetisch oder bei Familientreffen. Solange das Schweigen nicht gebrochen wird, bleibt er allgegenwärtig für die Opfer.

Sissy Böhm ist 59 Jahre alt, auch Pola Kinski wagte erst mit 60 den Schritt an die Öffentlichkeit. So holte sie sich einen Teil der Macht zurück, die ihr Vater auch über den Tod hinaus über sie hatte.

Diese psychologischen Erkenntnisse haben auch den Bundestag zu einer längst überfälligen Gesetzesänderung bewogen. Die strafrechtliche Verjährungsfrist bei (sexuellem) Missbrauch beginnt erst mit der Vollendung des 21. Lebensjahrs der Opfer, zivilrechtlich können Schadensansprüche auch nach 30 Jahren geltend gemacht werden. Kritikern geht dieses Gesetz nicht weit genug, sie fordern für all die Fälle eine Abschaffung von Verjährungsfristen. (Quelle: LTD)

Die berühmte Romy Schneider, nach deren Filmcharakter Karlheinz Böhm seine Tochter benannte, war erst 17 Jahre alt, als sie mit dem zehn Jahre älteren Schauspieler das Heile-Welt Traumpaar der Nachkriegsgeneration verkörperte. Auch sie berichtete später in Briefen an ihre Mutter Magda Schneider von deren Herrschsucht und unerbittlichem Drill und sexuellen Übergriffen durch ihren damaligen Stiefvater. Nach weiteren Schicksalsschlägen litt sie an schweren Depressionen und war medikamentenabhängig. 1983 verstarb sie unter nie ganz geklärten Umständen im Alter von 43 Jahren, ebenso an einem 29. Mai.

Die große Verehrerschar von Karlheinz Böhm indes wird sich schwer tun mit den Vorwürfen seiner ältesten Tochter. Immer wieder hatte es auch Kritik und Vorwürfe an seiner Stiftung Menschen für Menschen gegeben, von Intransparenz und Verschwendungssucht war mehrfach die Rede (Quelle: SZ)

Seinem Ruf hat das letztendlich nicht geschadet, das Buch seiner Tochter wirft einen weiteren Schatten auf den Mann mit dem Sissy Komplex.


Bildquelle:

von Manfred Werner - Tsui (Eigenes Werk) [GFDL oder CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
von Manfred Werner – Tsui (Eigenes Werk) [GFDL oder CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
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Wolfgang van de Rydt
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