Montag, 04 Januar 2021 07:00

Volkswagen und die Italienische Reise

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Gerade habe ich ein Testvideo des Volkswagen-Elektroautos gesehen. 190 km ist als Reichweite sicher, sollte es nicht zu kalt sein und man keine kostbare Energie für die Heizung verplempert. Die Fahrzeugheizung erinnert mich an die vorweihnachtlichen Hamsterfahrten mit dem Trabant bergab, zum Beispiel von Hochdorf nach Rudolstadt, wo man wegen geringer Motorabwärme wie ein Schneider fror.

Meine letzte längere Reise führte mich am 19. Dezember nach Sachsen, um einen Welpen aus einer Zuchtstätte jenseits der Elbe abzuholen. Genau 380 km hin und zurück. Allerdings befindet sich in der Nähe des Ziels keine Ladesäule, weil es sich um ein sehr ländliches Gebiet handelt. Es wäre also erforderlich gewesen zweimal nachzuladen, um sicher wieder zu Hause anzulangen. Das soll pro Ladevorgang zwei bis drei Stunden dauern. Mach das mal mit einem Welpen, der gerade von seiner Mutti getrennt wurde, der seine erste Autofahrt macht und mit dieser Situation leicht überfordert ist. Da ist man froh, wenn die Fahrt und das begleitende jämmerliche Gejaule nach zwei Stunden beendet ist.

Ansonsten fahre ich mehrmals im Jahr zu meinem Ferienhaus in Pannonien. Das sind über 800 km am Stück. Ich wäre mit einem E-Fahrzeug eigentlich nur mit Laden beschäftigt und inclusive zweier Übernachtungen knapp drei Tage unterwegs. Goethe ist am 3. September 1786 von Karlsbad aus nach Italien aufgebrochen. Bereits am 11. September erreichte er venetianisches Gebiet und wurde nach der Besichtigung der Grenzfestung Malcesine erst mal als Spion verdächtigt und arretiert. Ich habe die Strecke mal gegoogelt. Das waren 800 km auf damals überwiegend unbefestigten Wegen.

In Regensburg nahm er sich noch Zeit das Jesuitenkolleg zu besuchen und fertigte eine Zeichnung von der Donau an:

Regensburg liegt gar schön. Die Gegend mußte eine Stadt herlocken; auch haben sich die geistlichen Herren wohl bedacht. Alles Feld um die Stadt gehört ihnen, in der Stadt steht Kirche gegen Kirche und Stift gegen Stift. Die Donau erinnert mich an den alten Main. Bei Frankfurt haben Fluß und Brücke ein besseres Ansehn, hier aber nimmt sich das gegenüberliegende Stadt am Hof recht artig aus. Ich verfügte mich gleich in das Jesuitenkollegium, wo das jährliche Schauspiel durch Schüler gegeben ward, sah das Ende der Oper und den Anfang des Trauerspiels. Sie machten es nicht schlimmer als eine angehende Liebhabertruppe und waren recht schön, fast zu prächtig gekleidet. Auch diese öffentliche Darstellung hat mich von der Klugheit der Jesuiten aufs neue überzeugt. Sie verschmähten nichts, was irgend wirken konnte, und wußten es mit Liebe und Aufmerksamkeit zu behandeln. Hier ist nicht Klugheit, wie man sie sich in Abstracto denkt, es ist eine Freude an der Sache dabei, ein Mit- und Selbstgenuß, wie er aus dem Gebrauche des Lebens entspringt. Wie diese große geistliche Gesellschaft Orgelbauer, Bildschnitzer und Vergulder unter sich hat, so sind gewiß auch einige, die sich des Theaters mit Kenntnis und Neigung annehmen, und wie durch gefälligen Prunk sich ihre Kirchen auszeichnen, so bemächtigen sich die einsichtigen Männer hier der weltlichen Sinnlichkeit durch ein anständiges Theater.

Donau bei Regensburg, Goethezeichnung.

Auch in München machte er zwölf Stunden Pause und besuchte Gemäldegalerien. „Um sechs Uhr morgens war ich in München, und nachdem ich mich zwölf Stunden umgesehen, will ich nur weniges bemerken. In der Bildergalerie fand ich mich nicht einheimisch; ich muß meine Augen erst wieder an Gemälde gewöhnen. Es sind treffliche Sachen. Die Skizzen von Rubens von der Luxemburger Galerie haben mir große Freude gemacht. Hier steht auch das vornehme Spielwerk, die Trajanische Säule in Modell. Der Grund Lapislazuli, die Figuren verguldet. Es ist immer ein schön Stück Arbeit, und man betrachtet es gern. Im Antikensaale konnte ich recht bemerken, daß meine Augen auf diese Gegenstände nicht geübt sind, deswegen wollte ich nicht verweilen und Zeit verderben. Vieles sprach mich gar nicht an, ohne daß ich sagen könnte warum. Ein Drusus erregte meine Aufmerksamkeit, zwei Antonine gefielen mir und so noch einiges. Im ganzen stehen die Sachen auch nicht glücklich, ob man gleich mit ihnen hat aufputzen wollen, und der Saal oder vielmehr das Gewölbe ein gutes Ansehn hätte, wenn es nur reinlicher und besser unterhalten wäre. Im Naturalienkabinett fand ich schöne Sachen aus Tirol, die ich in kleinen Musterstücken schon kenne, ja besitze. Es begegnete mir eine Frau mit Feigen, welche als die ersten vortrefflich schmeckten. Aber das Obst überhaupt ist doch für den achtundvierzigsten Grad nicht besonders gut. Man klagt hier durchaus über Kälte und Nässe.“

„Bei heiterm Sonnenschein kam ich nach Bozen. Die vielen Kaufmannsgesichter freuten mich beisammen. Ein absichtliches, wohlbehagliches Dasein drückt sich recht lebhaft aus. Auf dem Platze saßen Obstweiber mit runden, flachen Körben, über vier Fuß im Durchmesser, worin die Pfirschen nebeneinander lagen, daß sie sich nicht drücken sollten. Ebenso die Birnen. Hier fiel mir ein, was ich in Regensburg am Fenster des Wirtshauses geschrieben sah:

Comme les pêches et les mélons
Sont pour la bouche d’un baron,
Ainsi les verges et les bâtons
Sont pour les fous, dit Salomon.

Daß ein nordischer Baron dies geschrieben, ist offenbar, und daß er in diesen Gegenden seine Begriffe ändern würde, ist auch natürlich. Die Bozner Messe bewirkt einen starken Seidenvertrieb; auch Tücher werden dahin gebracht und was an Leder aus den gebirgigen Gegenden zusammengeschafft wird. Doch kommen mehrere Kaufleute hauptsächlich, um Gelder einzukassieren, Bestellungen anzunehmen und neuen Kredit zu geben, dahin. Ich hatte große Lust, alle die Produkte zu beleuchten, die hier auf einmal zusammengefunden werden, doch der Trieb, die Unruhe, die hinter mir ist, läßt mich nicht rasten, und ich eile sogleich wieder fort.“

Auch in Trient sah er sich um: „Ich bin in der Stadt herumgegangen, die uralt ist und in einigen Straßen neue wohlgebaute Häuser hat. In der Kirche hängt ein Bild, wo das versammelte Konzilium einer Predigt des Jesuitengenerals zuhört. Ich möchte wohl wissen, was er ihnen aufgebunden hat. Die Kirche dieser Väter bezeichnet sich gleich von außen durch rote Marmorpilaster an der Fassade; ein schwerer Vorhang schließt die Türe, den Staub abzuhalten. Ich hob ihn auf und trat in eine kleine Vorkirche; die Kirche selbst ist durch ein eisernes Gitter geschlossen, doch so, daß man sie ganz übersehen kann. Es war alles still und ausgestorben, denn es wird hier kein Gottesdienst mehr gehalten. Die vordere Türe stand nur auf, weil zur Vesperzeit alle Kirchen geöffnet sein sollen. (…) Ein junger Mann, den ich um die Merkwürdigkeiten der Stadt fragte, zeigte mir ein Haus, das man des Teufels Haus nennt, welches der sonst allzeit fertige Zerstörer in einer Nacht mit schnell herbeigeschafften Steinen erbaut haben soll. Das eigentliche Merkwürdige daran bemerkte der gute Mensch aber nicht, daß es nämlich das einzige Haus von gutem Geschmack ist, das ich in Trient gesehen habe, in einer älteren Zeit gewiß von einem guten Italiener aufgeführt.“

Was die Reisegeschwindigkeit betrifft, nähern wir uns den Verhältnissen des 18. Jahrhunderts, nur daß Goethes Stationen auf dem Wege nach Venetien für Tagebuchnotizen anregender waren, als der Anblick von Ladesäulen. Was hätte er mit einem E-Volkswagen seinem Tagebuch anvertraut? „Wenn die Freunde über den ambulanten Wetterbeobachter und dessen seltsame Theorien gelächelt haben, so gebe ich ihnen vielleicht durch einige andere Betrachtungen Gelegenheit zum Lachen, denn ich muß gestehen, da meine Reise eigentlich eine Flucht war vor allen den Unbilden, die ich unter dem einundfunfzigsten Grade erlitten, daß ich Hoffnung hatte, unter dem achtundvierzigsten ein wahres Gosen zu betreten. Allein ich fand mich getäuscht, wie ich früher hätte wissen sollen; denn nicht die Polhöhe allein macht Klima und Witterung, sondern die Bergreihen, besonders jene, die von Morgen nach Abend die Länder durchschneiden. In diesen ereignen sich immer große Veränderungen, und nordwärts liegende Länder haben am meisten darunter zu leiden. So scheint auch die Witterung für den ganzen Norden diesen Sommer über durch die große Alpenkette, auf der ich dieses schreibe, bestimmt worden zu sein. Hier hat es die letzten Monate her immer geregnet, und Südwest und Südost haben den Regen durchaus nordwärts geführt.“

Grüße an den V-Schutz: Langeweile und Windgeheule an der Ladesäule.


 

Quelle und Erstveröffentlichung: prabelsblog

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