Börsenjahr 2020: Wirklich Anlagenotstand?

2019 machte der DAX + 26%, die deutschen Unternehmensanleihen noch +17%

Die Dauerklage wegen Nullzinsen, Ausbeutung der Sparer, dem Raub unserer Altersvorsorge kann man kaum noch hören. Belegen doch obige Zahlen, dass die Anleger selbst und nicht Merkel, EZB oder Trump etwas falsch gemacht haben. Ein Jahresende eignet sich für einen Rückblick, Ursachenforschung und eventuelle Selbstkritik. Nicht nur bei den Deutschen lassen sich Parallelen – Ausnahmen bestätigen die Regel – zwischen dem politischen und dem Anlageverhalten entdecken.

Ist der deutsche Michel im politischen Alltag und an der Börse…

Eine Kurzanalyse sollte mit Fakten beginnen, auch wenn sie bitter klingen.

…ohne Zivilcourage

Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass Deutsche Aktienmuffel sind. Dazu noch stolze Aktienmuffel, die ihren Bausparvertrag und die Lebensversicherung über Generationen über alles lieben. Weil sie im Unterschied zu anderen Nationen Aktien meiden, haben sie Hunderte Milliarde Euro an Vermögen verschenkt (1) – Geld, welches sie heute bitter bräuchten. So wie unsere Landsleute die Börse fürchte(te)n, haben sie heute auch Angst vor echten Demonstrationen (siehe Gelbwesten) und verschenken ihre und ihrer Kinder Zukunft.

… und unbelehrbar

Dabei herrscht bei den klugen Germanen zu keinem Zeitpunkt Erkennungs- sondern Handlungsdefizit. Die Aktienaversion wird in Analysten- und Bankenkreisen seit Jahrzehnten beklagt, die Börsenkurse machten hierzulande nur Ausländer. Eine weitere Parallele zum politischen Alltag drängt sich auf: So wie die Einheimischen seit eh und je für den Bausparvertrag und die Lebensversicherung schwärmten, so kleben sie heute an den Blockparteien und belehren andere Nationen (Britten, Polen, Ungarn).
Selbstverständlich ist es richtig, dass die Generation der „1968er“ es erziehungsbedingt nicht besser weiß und für die „Klimarettung“ oder den „Kampf gegen Recht“ zu begeistern ist. Was ist aber mit den „Über- Fünfzigjährigen“ und den Rentnern, die immer noch die Mehrheit des Wählervolkes bildet? (2)

… und rechthaberisch

An Scham wegen der Minderleistung an der Börse oder an Gratulationen an erfolgreiche Börsianer denkt der Deutsche kaum. Börsenanalysten werden – selbst auf alternativen Portalen – belehrt und kritisiert. Denn der börsenferne und kaum informierte Michel weiß in der Regel alles besser.

Aktien sind ihm zu riskant. “Ich hatte einmal damit ganz schlechte Erfahrung gemacht!“. Einmal ist kein Mal! Dass Anleihen, anders als sein Sparbuch und Festgeld, wo er derzeit nach Kräften Konditionen oberhalb von 0,1% sucht, ordentliche Renditen bringen, weiß er nicht.

Auch hier informiert er sich wenig und plappert Phrasen der Systemmedien nach. Beispiele: „Italien ist pleite, ich kaufe doch von denen keine Staatsanleihen!“. Die „Pleiteanleihen“ machten 2019 aber mehr als 10% Anlagegewinn. Oder: die ungeprüfte Behauptung, die Unternehmensanleihen, selbst von deutschen Traditionskonzernen, wie der Volkswagen AG, sind nicht so sicher, wie Bundesanleihen. Formal richtig. Er übersieht dennoch, der Volkswagen-Konzern wird die unruhigen Zeiten überleben, das Merkel-Regime nicht. Deutsche Unternehmensanleihen brachten 2019 sogar über 17% Gewinn, der schon nach acht Monaten erreicht war. (3)

Eine weitere Gefahr neben entgangenen Gewinnen droht: Wer sich nicht informiert, überall Risiken sieht, fällt brutal auf raffinierte Pseudoanlagen (Zertifikate, Bitcoins) ein, kauft überteuerte Immobilen („Betongold“) oder jagt dem Goldrausch nach. Auch die phantasielose Strategie „unter dem Kopfkissen halten“ gewinnt an Popularität. Unwürdig einer Nation der Dichter und Denker!

Zurück zum politischen Alltag: Die Rechthaberei äußert sich im heutigen Merkelismus im folgenden Grundsatz: Alles was der „politischen Korrektheit“ dient, ist wahr. Vertriebsleute sagen dazu analog: alle Produktbeschreibungen die dem Absatz dienen, sind korrekt,

Was wäre gegen den Anlagenotstand zu tun?

Die Deutschen parken aktuell bei Banken über 2.800 Milliarde Euro. Jeder Rat, wo das Geld am besten angelegt sei, ist teuer. Wo soll im heutigen Informationsdschungel angefangen werden?

Wie wäre es am Anfang mit der Aufklärungsserie über eine seriöse Geldanlage – also nicht über die Riester-Nachfolger, die politisierte „nachhaltige, klimafreundliche, grüne Anlage“ wie in unseren Schulen oder eine die vom Finanzvertrieb der Fonds und Banken verkündet wird.

Hier folgender Vorschlag: Auf den Alternativen Portalen sollten Banken gegen Entgelt die Möglichkeit bekommen, im Fachgespräch (Youtube) mit „Experten“ der Anlegerseite ihre Produkte vorzustellen. Nicht alles was von den Kreditinstituten kommt ist per se schlecht. Es gibt Pro- und Contra-Argumente, die abzuwägen sind, zumal der kriselnde Sektor heute weniger „zu mogeln“ wagt als früher.

In der Branche wird sich die große Reichweite der „Alternativen“ herumgesprochen haben, die als Vertriebskanal nützlich wären. Die platzierten Werbungen auf vielen Portal-Seiten sind ein guter Beweis dafür, dass eine apolitische Zusammenarbeit zwischen Wertschaffenden möglich ist.

Es kann den Kanalabonnenten nicht vorgeschrieben werden, was sie zu lesen und zu sehen haben. Dennoch wäre ein solches Test, wie beschrieben, ein Versuch wert. Emanzipierte Nutzer sind sehr wohl in der Lage zu erkennen, wie weit die „Experten“ der Verbraucherseite unabhängig sind und wer von den Diskutanten glaubwürdiger ist. Sie sind imstande sich ein fundiertes Urteil zu bilden.

Vielleicht wollen die Portalnutzer aber gar nicht informiert werden? Das wäre eine Enttäuschung. Schaut man sich die Anzahl der Portal-Kommentare zu Wirtschaftsthemen und der Teilungen mit der Internet-Community stellt man ein unterdurchschnittliches Interesse fest.

Ungeachtet dieser Irritationen ist allen Lesern ein erfolgreiches Börsenjahr 2020 zu wünschen!


Dr. Viktor Heese – ist pensionierter Börsenanalyst, Dozent und Fachbuchautor. Heute betreibt er die Blogs prawda24.com ,finanzer.eu.

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