Das Wort des Jahres: Der postfaktische Reflex gekränkter Meinungsmacher

Sie haben es getan. Wochenlang durfte man darüber spekulieren, ob sich die Gesellschaft für deutsche Sprache tatsächlich für ein Manöver hergibt, dessen Plumpheit zum Fremdschämen ist. Nun ist es amtlich: „Postfaktisch“ ist das Wort des Jahres. Allerdings hatte sich die Spannung in Grenzen gehalten. Es war klar, dass sich die Riege der deutschen Journalisten zum Ende eines für sie katastrophalen Jahres die Chance nicht entgehen lassen würde, mithilfe einer scheinbar unabhängigen Organisation gegen das immer seltener geneigte Publikum nachzutreten. Denn natürlich dient das Wort des Jahres 2016 vor allem als Aufhänger für eine intensive mediale Debatte. Wie durch Zufall startete die Medienwelt parallel dazu ihre „Fake News“-Kampagne. Der von Journalisten erfundene Kampfbegriff „postfaktisch“ verfolgt offensichtlich das Ziel, all jene zu diffamieren, die sich außerhalb des klassischen Redaktionsumfeldes bewegen – kritische Leser ebenso, wie unabhängige Publizisten. Dabei soll das Wort des Jahres eigentlich „das zu Ende gehende Jahr besonders charakterisieren“. Dies mag für „Brexit“ gelten und vor allem für „Silvesternacht“. Dennoch kamen die beiden Begriffe knapp hinter dem Sieger ins Ziel. Sie eignen sich eben viel schlechter für die Generalabrechnung mit dem Bürger, der die Berichterstatter der Berufspolitik einfach nicht mehr als Vorgesetzte akzeptieren will.

Man sollte wissen, dass die hauptsächlich staatlich finanzierte Gesellschaft für deutsche Sprache alles andere als objektiv ist. Sie arbeitet insbesondere Bundestag und Bundesrat zu. So hat die Kür des prägenden Wortes eines Jahres immer auch etwas Politisches. Waren Politik und Medien schon in der jüngsten Vergangenheit wenig zimperlich mit der Beschimpfung weiter Teile der Bevölkerung, so senden sie nun eine eindeutige Botschaft aus: Wir Bürger, so wollen uns die Schöpfer der Schmähung „postfaktisch“ glauben machen, interessieren uns nicht mehr für Fakten, sondern folgen nur noch unseren Gefühlen. Dadurch nehmen wir eine verzerrte Realität wahr, die im krassen Widerspruch zur Wahrheit steht. Wilde Emotionen vernebeln unsere Sinne, Schaum vor dem Mund lässt uns dummes Zeug plappern. Höchste Zeit also, dass wir zur Besinnung kommen. Wer will schon zum „postfaktischen“ Mob gehören? Es hat allerdings durchaus etwas unfreiwillig Komisches, wenn sich nun ausgerechnet jene Journalisten über zu emotionale Nachrichtenkonsumenten beschweren, die die Ereignisse des Tages allabendlich mit jeder Menge eigener Bewertung, oft gar mit Hysterie darbieten. Oder eine Politik, die die wichtigsten Entscheidungen der vergangenen Jahre, von der Aufhebung aller Euro-Regeln über den Atomausstieg bis hin zur Grenzöffnung in der Zuwanderungskrise, vor allem nach emotionalen Kriterien getroffen hat.

Das Wort des Jahres könnte daher nicht besser auf jene passen, die nun mit dem Finger auf uns zeigen. Doch stattdessen drückt es die Geringschätzung der „wissenden Elite“ für die „unwissenden Fühlenden“ aus, die angeblich nur einfachste Hauptsätze verstehen und sich in eine Parallelwelt flüchten, weil ihnen der Durchblick fehlt. Deutschlands Journalisten haben einen Krieg gegen ihre Kunden angefangen. Es ist ein Krieg, den sie nicht gewinnen können. Niemand kann sagen, was sie geritten hat, sich ausgerechnet gegen jene zu wenden, von deren Respekt und Vertrauen sie im wahrsten Sinne des Wortes leben. Statt den Verstand ihrer Zuschauer und Leser infrage zu stellen und dem eigenen Personenkult zu frönen, sollten sich die Mikrofonhalter und Teleprompterableser darauf besinnen, was ihre eigentliche Aufgabe ist und ihre mit übergroßem Ego zelebrierten „News“ wieder als profane Nachrichten übermitteln, bei denen Erziehungsmaßnahmen nichts zu suchen haben. „Postfaktisch“ ist in diesen Tagen allein die aufdringliche Personality-Show eitler Medienschaffender, die es nicht ertragen, dass die Wirklichkeit sich immer weniger mit ihrem eigenen Weltbild deckt. Sie haben das Internet und dessen Millionen Nutzer als Feind entdeckt – und merken nicht, dass sie im Begriff sind, ihren Berufsstand abzuschaffen. Denn was wir am wenigsten brauchen, sind „postfaktische“ Meinungsmacher in den Redaktionsräumen, die uns ihre eigenen Gefühlswallungen als Nachrichten verkaufen.


 

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Ramin Peymani
Über Ramin Peymani 104 Artikel

Publizist, Autor der bekannten Klodeckel Chroniken – neuestes Werk „Spukschloss Deutschland“ im Handel erhältlich

2 Kommentare

  1. In den USA nennt man diese Realitätsverweigerer snowflakes. Schneeflöckchen.
    Federleicht weil kaum Substanz. Tanzen in jedem Lüftchen ohne Ziel und bewegen sich permanet abwärts.
    Ein toller perfekt passender Vergleich zu grünen Schwurbelinchen deutscher Provenienz. OK, bei Heulboje Roth kann man da eher schon von Schwurbel ohne linchen reden.

  2. Genauso wenig, wie das System Merkel ohne die Speichellecker im Bundestag, den Landtagen sowie in Kreisen und Städten funktionieren würde, genauso wenig wird die Schrumpf-Presse ohne journalistische Mitarbeiter funktionieren. Trotzdem wird deren Zahl noch kräftig sinken müssen. Auf dem Weg zu immer weniger Mitarbeitern sind wir schon eine Weile. Auch denen, die sich um die Leserbeschimpfung verdient machen, wird der Rausschmiss nicht erspart bleiben. Wahrscheinlich ahnen sie es bereits, wollen es aber noch nicht glauben. An mein Mitleid zu appellieren wird erfolglos bleiben. Dafür hat man mich zu lange mit Desinformation und Gehirnwäsche traktiert.

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